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Mehr als Unverträglichkeit: Das macht Zöliakie so gefährlich

Die Autoimmunerkrankung bleibt oft lange unentdeckt. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um den Welt-Zöliakie-Tag am 16.5.
Das Bild zeigt ein Schild mit der Aufschrift "Glutenfrei".

Eine von 100 Personen ist in Europa von Zöliakie betroffen. Zöliakie ist mehr als nur eine Unverträglichkeit - und bleibt oft lange unentdeckt. Sei es im Haushalt, bei der Arbeit, im Urlaub oder im Restaurant: Betroffene müssen Gluten vermeiden und daher im Alltag eine Menge beachten. Fragen und Antworten anlässlich des Welt-Zöliakie-Tages an diesem Samstag, 16. 5.,  im Überblick. 

Was ist Gluten?

Gluten ist ein Stoff in Getreide. „Dieses Klebereiweiß ist vorwiegend in bestimmten Getreidesorten enthalten, etwa in Weizen, Dinkel, Gerste und Roggen“, sagt Birgit Terjung, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Was ist Zöliakie?

"Zöliakie ist eine chronische Autoimmunerkrankung des Dünndarms, bei der der Körper auf Gluten – ein Eiweißbestandteil in Weizen, Roggen oder Gerste – reagiert. 

„Die Folge ist eine Entzündung der Dünndarmschleimhaut, wodurch die Aufnahme wichtiger Nährstoffe beeinträchtigt wird. Die derzeit einzige wirksame Therapie ist eine lebenslange glutenfreie Ernährung“, wird Astrid Hohenau, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Villach, in einer Aussendung von Klinikum Klagenfurt und LKH Villach zitiert. 

Die Abteilungen für Kinder- und Jugendheilkunde der beiden Spitäler laden am 19. Mai in beiden Spitälern zum 1. Zöliakie-Informationstag ein (siehe Info-Box).

Schon kleinste Mengen Gluten können dabei nach Angaben der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG) eine Immunreaktion auslösen. Die Entzündung im Dünndarm führe zu einer Rückbildung der sogenannten Darmzotten und damit zu einer Schädigung der Schleimhaut. „Langfristig kann die anhaltende Schädigung der Darmschleimhaut zu Nährstoffmängeln führen und das Risiko für Folgeerkrankungen wie Osteoporose erhöhen“, erläutert die Sprecherin der Organisation, Kseniya Mai.

Diese Zotten sind bis zu einen Millimeter große Ausstülpungen der Darmschleimhaut. Sie seien bei Menschen mit Zöliakie durch glutenhaltige Ernährung nicht oder kaum mehr da, erklärt Gastroenterologin Terjung. „Dadurch funktioniert die Aufnahme von Nährstoffen schlechter“, sagt sie. 

„Und wenn sie dann glutenfreie Kost zu sich nehmen, baut sich diese Schleimhaut wieder auf und funktioniert wieder.“ Das dauere meist jedoch ein bis zwei Jahre.

Etwas anderes als die Zöliakie ist die herkömmliche Weizenallergie, die sich durch allergische Reaktionen auf verschiedene Weizenproteine wie Hautreaktionen, Atem- oder Magen-Darm-Beschwerden äußern kann. „Betroffene müssen Weizen meiden, vertragen jedoch häufig andere glutenhaltige Getreidearten“, erläutert Mai.

Was sind Symptome der Zöliakie?

Typische Anzeichen der Zöliakie sind etwa Durchfall, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Aber auch Beschwerden wie Verstopfung, Bauchschmerzen und Blähungen können auftreten. Außerdem ist Eisenmangel ein häufiges Merkmal. „Dadurch, dass diese Zotten abgebaut sind, wird das Eisen nicht mehr richtig aufgenommen“, erklärt Terjung. 

Auch veränderte Leber- oder Bauchspeicheldrüsen-Werte können vorkommen. „Da gibt es eine ganze Menge an Symptomen, auch außerhalb des Magen-Darm-Traktes, die einen zumindest mal an eine Zöliakie denken lassen.“

Homemade bread isolated on white

Es müssen nicht alle Symptome bei einem Erkrankten auftreten. „Die Verzögerung der Diagnostik liegt meist daran, dass selten das Vollbild der Zöliakie mit massivem Gewichtsverlust und Durchfall mit Fettstühlen vorliegt“, schreibt die DZG. „Es überwiegen die Verläufe, bei denen nur wenige oder einzelne Symptome auftreten.“

„Bis zur Diagnose vergeht bei vielen Patientinnen und Patienten häufig viel Zeit. Unter anderem auch, weil die Symptome sehr unterschiedlich sein können, nicht umsonst vergleicht man Zöliakie häufig mit einem Chamäleon“, erklärt auch Helga Stenzel, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde am Klinikum Klagenfurt.

Die Zöliakie führe jedoch auch unabhängig von spürbaren Symptomen zu einer Entzündung im Dünndarm, schreibt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die chronisch entzündete Schleimhaut könne auch dann weniger Nährstoffe aufnehmen und es komme zu einem Nährstoffmangel.

Wie wird getestet?

Bei Verdacht auf Zöliakie erfolgt zunächst eine Blutuntersuchung. „Das heißt, wir bestimmen die sogenannten Transglutaminase-Antikörper“, sagt Expertin Terjung. „Das sind Antikörper, die genau gegen dieses Eiweiß gerichtet sind.“ Bei Erwachsenen werde häufig zudem eine Magenspiegelung durchgeführt, um die Entzündungsreaktion der Schleimhaut im Dünndarm zu sehen.

Wie viele Menschen haben die Erkrankung?

Laut DZG ist nach jüngsten Schätzungen etwa ein Prozent der Bevölkerung von der Autoimmunkrankheit betroffen. Allerdings sei die Dunkelziffer hoch. „Nur bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen liegt das klassische Vollbild der Zöliakie vor“, schreibt die DZG. „80 bis 90 Prozent haben untypische, nur wenige oder keine Symptome und wissen daher oft nichts von ihrer Erkrankung.“

Was müssen Betroffene beachten?

„Für Menschen mit Zöliakie ist eine lebenslange, strikt glutenfreie Ernährung die zentrale Maßnahme“, erklärt Mai. Dabei kommt es laut DZG nicht nur auf die Auswahl der Lebensmittel an, sondern auch auf den Umgang mit möglichen Kontaminationsquellen im Alltag. Leben Menschen mit im Haushalt, die glutenhaltige Lebensmittel essen, müssen etwa Küchengeräte, Bretter oder andere Utensilien gründlich von Krümeln oder anderen Rückständen gereinigt werden.

Was ist mit Körperkontakt?

Menschen mit Zöliakie müssen sich einer Studie der Fachgesellschaft American Gastroenterological Association zufolge jedoch keine Sorgen machen, wenn sie jemanden küssen, der zuvor glutenhaltige Lebensmittel gegessen hat. 

Das Forschungsteam führte ein Experiment mit zehn Paaren durch, bei denen jeweils ein Partner oder eine Partnerin an Zöliakie erkrankt war und die andere Person nicht. In allen Fällen war die Konzentration dem Team zufolge so gering, dass man sie als vernachlässigbar einstufen könne, hieß es im Fachblatt „Gastroenterology“.

Wie bekannt ist die Erkrankung?

Aus Sicht der DZG ist Zöliakie grundsätzlich bekannt - trotzdem bestehen deutliche Wissenslücken. „So wird die Erkrankung in ihrer Schwere häufig unterschätzt oder mit freiwilligen Ernährungstrends verwechselt“, sagt Mai.

Allerdings ist die Unschärfe in der Terminologie ein Problem. So gebe es viele Menschen, „die sagen, sie haben eine Zöliakie“, obwohl sie gar keine hätten, sagt Expertin Terjung. Das führe zu unnötigen Diäten. „Da gibt es ganz, ganz viel Unsicherheit“, sagt sie. Schulungsbedarf sieht sie deswegen bei Ärzten sowie Ernährungsberatern.

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