Mars-Sonden, aber kein Schnupfen-Mittel: Warten auf ein Wunder
Draußen scheint die Sonne, alle Menschen gehen schwimmen, nur ich sitze in Alarmbereitschaft da. Der Hals kratzt. Weil ich meinen Körper inzwischen besser kenne als manche meiner Passwörter, weiß ich: Das ist der Beginn der immer gleichen Operette in mehreren Akten: Erst das Halsweh, dann ist es plötzlich weg, aber nur, um Platz zu machen für die Nase. Die geht zu. Dann läuft sie. Irgendwann ist alles gleichzeitig: zu, offen, wund, beleidigt. Die Augen tränen, die Taschentücher türmen sich, und wenige Tage später rutscht die ganze Veranstaltung verlässlich in die Bronchien. Ab dann belle ich wie der Hund von Baskerville, nur weniger literarisch.
Gefühlt hatte ich in meinem Leben bereits tausend Schnupfen. Das allein ist noch keine gute Story. Mein persönliches Drama besteht darin, dass ich ihn nicht sieben Tage habe und auch nicht eine Woche, wie die Volksmedizin gerne kokett behauptet. Bei mir dauert das meist Wochen. Die Viren haben offenbar Pendelzüge eingerichtet: Nase–Lunge, Lunge–Nase, mit Halt in den Nebenhöhlen und Anschluss an die Tränendrüsen.
Und dann sitze ich da, mies gelaunt, und frage mich: Die Menschheit kann Herzen transplantieren, neue Ohren in Petrischalen wachsen lassen und chirurgisch in Gehirnen herumstochern. Sie kann Sonden zum Mars schicken und Staubsauger bauen, die selbstständig durch die Wohnung kurven. Aber warum gibt es gegen banalen Schnupfen noch nichts?
Ja, klar, ich weiß eh: Das Problem ist komplex. Mehr als 200 Atemwegsviren können Erkältungen auslösen, Rhinoviren sind die häufigsten. Für die Forschung ist das ungefähr so, als wollte man einen Einbrecher fassen, der ständig seinen Namen, sein Outfit und Gesicht wechselt. Ein Schnupfen-Fantomas, quasi.
Natürlich wird geforscht. Immer wieder hört man, dass es den Rhinoviren endlich an den Kragen ginge. Mit Nasensprays, antiviralen Ansätze oder Substanzen, die die Erreger erwischen sollen, bevor sie es sich im Körper gemütlich machen. Klingt sehr super, vor allem aber klingt es nach: „Will haben. Jetzt! Sofort!“.
Hausbesetzung in der Nase
Doch am Ende stehe ich erst wieder in der Apotheke vor Regalen, die aussehen wie die Süßwarenabteilung für Marode: Lutschtabletten, Sprays, Tropfen, Tees, Säfte. Vieles lindert, einiges macht schläfrig. Nur mein Schnupfen bleibt davon komplett unbeeindruckt. Er ist kein Gegner, er ist eine radikale Hausbesetzung in meinem Körper-Dachgeschoß.
Was bleibt also? Banales, sprich Vernunft: schlafen, trinken, zurückschalten, Schleimhäute feucht halten. Blablabla. Das ist medizinisch wahrscheinlich richtig, aber dramaturgisch ziemlich sehr schwach. Wenn man krank ist, will man ein Wunder.
Stattdessen höre ich agedroschene Lebensweisheiten: „Ein Infekt braucht halt seine Zeit.“ Danke für nichts. Bis zum großen Durchbruch bleibt mir daher nur, tapfer zu leiden. Mit Tee, Taschentüchern und der festen Überzeugung, dass die erste Person, die den Schnupfen wirklich abschafft, nicht nur reich, berühmt und weltweit geliebt werden sollte. Mehr noch: Ich würde ihr sogar persönlich den Nobelpreis für Medizin verleihen. Motto: Free Nasi.
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