Elfmeterschießen: Warum sogar Stars plötzlich versagen
Zusammenfassung
- Entscheidende Elfmeter bringen selbst Topspieler an mentale Grenzen, weil psychologischer Druck die Erfolgswahrscheinlichkeit stärker senkt als Müdigkeit oder Technik.
- Laut Sportpsychologe Christopher Willis entscheidet nicht der Stress selbst, sondern ob Spieler ihren Fokus, ihre Atmung und ihre Routinen unter Druck aufrechterhalten können.
- Elfmeterschießen belastet auch Fans massiv mit, was sich laut Studien sogar in erhöhten Notaufnahmen wegen Herzinfarkt bei dramatischen Niederlagen zeigen kann.
Es gibt im Fußball kaum einen Moment, in dem sich die Spannung so verdichtet: Nach 90 Minuten, oft nach einer Verlängerung, nach Zweikämpfen und vielen vergebenen Chancen lastet plötzlich alles auf den Schultern eines Spielers und eines Tormanns. Ein einziges Tor kann darüber entscheiden, wer weiterkommt und wer heimfahren muss.
Bei der Fußball-WM ist genau das nun passiert: Deutschland ist gegen Paraguay im Elfmeterschießen ausgeschieden, die Niederlande scheiterten auf dieselbe Weise an Marokko. Für Zuschauer sind solche Augenblicke kaum auszuhalten, für die Spieler sind sie eine psychologische Grenzerfahrung.
„Elfmeter ist nicht gleich Elfmeter“, betont der Sportpsychologe und Klinische Psychologe Christopher Willis. Ein Strafstoß in der 36. Minute sei herausfordernd, aber nicht vergleichbar mit einem Elfmeter, der über Aufstieg oder Ausscheiden entscheidet. „Es ist ein Riesenunterschied, ob ich früh im Elfmeterschießen antrete oder ob ich den entscheidenden Elfmeter schießen muss.“
Das erklärt, warum selbst Weltklassespieler in solchen Momenten Dinge tun, die ihnen sonst kaum passieren: Sie schießen über das Tor, daneben oder so ungenau, dass der Tormann doch noch eine Chance hat. Technisch könnten sie es, psychologisch betrachtet bleibt es trotzdem eine Extremanforderung.
Psychologische Faktoren sind bedeutender als Müdigkeit
Dazu passt auch eine viel zitierte Analyse des Sportpsychologen Geir Jordet und seines Teams aus 2007: Sie werteten 409 Elfmeter aus 41 Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften sowie der Copa América aus. Das Ergebnis: Je größer die Bedeutung eines Schusses war, desto geringer war die Erfolgswahrscheinlichkeit. Psychologische Faktoren spielten dabei eine stärkere Rolle als etwa Ermüdung oder die reine fußballerische Qualität.
Auch der Körper ist in solchen Momenten in Alarmbereitschaft. „Alle Stresshormone sind erhöht, ebenso wie die Herzfrequenz oder die Hautleitwerte“, sagt Willis. „Der gesamte Organismus ist in einem Aktivierungsmodus.“ Spitzensportler kennen diesen Druck zwar sehr gut, doch ein entscheidender Elfmeter ist eine Situation, in der das Gehirn nicht nur die Bewegung steuern muss, es denkt zugleich die mögliche Katastrophe mit.
Entscheidend ist, wie ein Spieler mit Druck umgeht
Aber was entscheidet in so einem Moment mental? Warum bleibt der eine Spieler ruhig und konzentriert, während der andere nur noch daran denkt, nicht zu verschießen?
Willis erklärt den Unterschied so: „Stress haben alle, der Druck beim entscheidenden Elfmeter ist für jeden Spieler dieser Welt gleich groß. Was zählt ist, wie man mit diesem Druck umgeht.“ Ziel sei nicht, keinen Stress zu haben, sondern in dieser Situation funktionsfähig zu bleiben.
Das klingt einfacher, als es ist. Denn oft verschiebt sich in solchen Momenten der Fokus. Der Spieler denkt nicht mehr: "Ich treffe." Sondern: "Ich darf ja nicht verschießen." „Spieler, die unter Druck versagen, lenken in der Regel den Fokus auf die Bedrohung oder auf die Konsequenzen und nicht auf das, was jetzt, in diesem Augenblick, wichtig ist“, sagt Willis.
Entscheidend sei daher, sich auf das zu konzentrieren, was konkret hilft: ruhig bleiben, atmen, den eingeübten Ablauf abrufen, den Schuss so ausführen, wie man ihn wieder und wieder trainiert hat. Die wichtigste Frage lautet: Was ist hier und jetzt entscheidend? Nicht die Schlagzeile danach, nicht der mögliche Spott und ebenso nicht das Image eines Spielers, der sein Land aus dem Turnier geschossen hat.
Heikel wird es auch, wenn Spieler innerlich aus der Situation flüchten wollen. „Ein normaler Mensch möchte aus solchen Drucksituationen so schnell wie möglich heraus“, sagt Willis. Ähnliches könne auch Hochklasse-Fußballern passieren, wenn sie es nicht trainiert haben. Dann beschleunigt sich alles: „Sie wollen die Situation so rasch wie möglich hinter sich bringen und vergessen dabei ihre Routinen, bewegen sich zu hastig zum Elfmeterpunkt und versuchen, den Elfmeter zu schnell zu schießen.“
Das Gegenmittel sind feste Abläufe. Gute Elfmeterschützen arbeiten mit der Atmung, der Körpersprache oder inneren Selbstgesprächen. Was nach außen wie ein Ritual wirken mag, ist der Versuch, sich innerlich zu stabilisieren. „Die Körpersprache ist beispielsweise ein Signal für den Spieler an sich selbst“, sagt Willis. Sie hilft, nicht auszuweichen, sondern „in der Drucksituation zu bleiben“.
Das muss geübt werden, und zwar nicht nur, indem Spieler am Ende des Trainings ein paar Elfmeter schießen. „Man muss das im stark ermüdeten Zustand trainieren“, sagt Willis. Immer wieder geübt werden müsse auch der Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt, das Warten und Atmen sowie das Aushalten dieses Alleinseins.
Im Fußball werde das noch immer unterschätzt, ist Willis überzeugt. „Da gibt es bis in den Spitzenbereich die Annahme, dass das etwas ist, was man nicht trainieren kann. Aber das muss man unbedingt.“
Auch die Fans leiden maximal mit
Erfahrung spielt ebenfalls eine Rolle. Jüngere und weniger erfahrene Spieler seien anfälliger, in solchen Situationen zu überdrehen oder ihren Ablauf zu verlieren. „Mit jedem Lebensalter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, in einer entscheidenden Situation den Elfmeter unterzubringen“, sagt Willis. Das schützt allerdings nicht vollständig, auch große Spieler können überfordert sein, wenn der Moment historisch werden könnte – etwa weil ein einziger Schuss ein Land im Turnier hält oder hinausbefördert.
Und was passiert, wenn der Ball nicht hineingeht? „Einzelne Fehlschüsse hängen einem oft die ganze Karriere nach“, sagt Willis. Manche Spieler werden jahrelang mit einem verschossenen Elfmeter identifiziert, obwohl sie davor und danach große Leistungen gebracht haben. Sportpsychologisch gehe es dann darum, am Selbstbild des Spielers zu arbeiten: Er darf nicht nur dieser eine Fehlschuss sein, er ist mehr als dieser Moment.
Und die Fans? Auch sie erleben Elfmeterschießen nicht nur im Kopf. „Wer sich stark mit einer Mannschaft identifiziert, erlebt den Stress besonders intensiv mit“, sagt Willis. Das ist so faszinierend wie grausam: Zuschauer haben keine Kontrolle, aber maximale Beteiligung. Sie können nichts tun, sondern legen ihr Schicksal gefühlt in die Beine eines anderen.
Wie sehr solche Fußballmomente körperlich wirken können, zeigte eine Analyse im „British Medical Journal“. Nach dem verlorenen WM-Elfmeterschießen Englands gegen Argentinien 1998 stiegen in England die Spitalsaufnahmen wegen Herzinfarkten am Spieltag und an den zwei Tagen danach um 25 Prozent.
Das heißt nicht, dass jedes Elfmeterschießen gefährlich ist. Aber es zeigt, wie stark emotionaler Stress bei großen Spielen wirken kann – besonders bei Menschen, die bereits ein erhöhtes Risiko haben. Zugleich liegt darin die Magie des Fußballs. Wenn der Elfmeter ins Tor geht, entlädt sich alles: Angst, Hoffnung, Gemeinschaftsgefühle und Erleichterung.
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