Mythos Frühjahrsmüdigkeit: Studie enthüllt verblüffende Wahrheit
Frühjahrsmüdigkeit gibt es eigentlich gar nicht, zu diesem Schluss kommen Schweizer Forschende.
Müde, antriebslos, erschöpft - manche Menschen spüren zu Beginn des Frühlings, wenn die Tage länger werden und sich das Wetter verändert. Typische Empfindungen sind eine geringere Leistungsfähigkeit, Konzentrationsprobleme oder vermehrte Schläfrigkeit am Tag. Medizinisch gilt Frühjahrsmüdigkeit jedoch nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sogar, dass sich im Frühling im Durchschnitt keine stärkere Müdigkeit oder schlechtere Schlafqualität nachweisen lässt als zu anderen Jahreszeiten.
Dies belegt auch eine Schweizer Studie: Untersucht wurden rund 400 Teilnehmende, die ab April 2024 über ein Jahr hinweg alle sechs Wochen befragt wurden. Sie gaben an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Zusätzlich wurden Tagesschläfrigkeit und Schlafqualität erfasst. Durch die wiederholten Befragungen konnten verschiedene Jahreszeiten miteinander verglichen werden. Zu Beginn der Studie berichtete etwa die Hälfte der Befragten, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden. „Dies hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten widerspiegeln müssen“, sagt Studienleiterin Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universitätspsychiatrischen Kliniken (UPK) und der Universität Basel. Genau das war jedoch nicht der Fall.
Kein biologisches Muster erkennbar
„Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wäre die Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen, müsste sie sich in dieser Übergangsphase bemerkbar machen, beispielsweise weil sich der Körper anpassen muss“, erklärt der beteiligte Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital der Universität Bern. Die Daten zeigten jedoch, dass weder die Geschwindigkeit der Tageslängenänderung noch einzelne Monate oder Jahreszeiten einen messbaren Einfluss auf die Erschöpfung der Teilnehmenden hatten.
Die Forschenden sehen darin einen Hinweis, dass Frühjahrsmüdigkeit weniger ein biologisches Syndrom ist als vielmehr ein kulturell geprägtes Phänomen. Da der Begriff weit verbreitet ist, achten viele Menschen im Frühling stärker auf Müdigkeitssymptome und ordnen diese entsprechend ein. Auf diese Weise kann sich der Eindruck von Frühjahrsmüdigkeit immer wieder selbst verstärken.
„Im Frühling verspüren wir oft den Drang, aktiver zu sein und das schöne Wetter zu nutzen. Gelingt uns das nicht, können unsere Erwartungen und unser subjektives Energieniveau stark schwanken“, so der Experte. Die Erklärung mit Frühjahrsmüdigkeit sei dann besonders naheliegend. „Diese Erklärung ist gesellschaftlich völlig akzeptiert.“
Tageslicht spielt dennoch eine wichtige Rolle
Unabhängig davon fühlen sich viele Menschen in den dunkleren Monaten des Jahres tatsächlich müder und schlafen etwas mehr. Chronobiologische Studien zeigen, dass die biologische Nacht im Winter länger sein kann, da sie von der inneren Uhr gesteuert wird. „Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden“, so der Wissenschaftler.
Besonders im Sommer wird dieser Effekt sichtbar. „Viele Menschen schlafen dann generell weniger: Die Tage sind lang, man trifft sich abends mit Freunden und genießt die Sommerabende“, sagt Blume. Trotz der geringeren Schlafdauer nimmt die Erschöpfung nicht zu – auch das bestätigten die Studiendaten.
Wer sich im Frühling dennoch antriebslos fühlt, dem rät die Psychologin, möglichst viel Tageslicht zu nutzen, körperlich aktiv zu bleiben und auf ausreichend Schlaf zu achten.
In vielen Ländern ist das Phänomen unbekannt
Eine weitere psychologische Erklärung wäre die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Demnach steigt am Ende der dunklen kalten Jahreszeit der Anspruch, steigende Temperaturen und besseres Wetter ausnutzen zu wollen - für Joggen, Ausflüge, Verabredungen. Wenn dann der dafür nötige Energieschub ausbleibt, bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine beruhigende Erklärung - insbesondere wenn sie von anderen Menschen im Umfeld bestätigt wird.
Wenn der Begriff Frühjahrsmüdigkeit ausschlaggebend für das Phänomen ist, dürfte es außerhalb des deutschsprachigen Raums kaum bekannt sein. Blume bestätigt das: "Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die."
In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff "spring fever". Dieses "Frühlingsfieber" wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie.
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