Menschen mit psychischen Erkrankungen leben im Schnitt 10 bis 20 Jahre kürzer

Häufige Ursache ist Bewegungsmangel. Ein Forschungsteam fordert körperliche Aktivität als fixen Bestandteil psychiatrischer Behandlung.
Zwei Frauen sitzen zusammen, eine hört nachdenklich zu, während die andere etwas erklärt.

Menschen mit psychischen Erkrankungen haben im Durchschnitt eine um zehn bis 20 Jahre kürzere Lebenserwartung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Hauptursachen sind Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, die durch Bewegungsmangel begünstigt werden. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der MedUni Wien fordert nun, körperliche Aktivität als festen Bestandteil der psychiatrischen Behandlung zu etablieren.

Die Forderung basiert auf einer aktuellen Übersichtsarbeit, in der Ergebnisse aus mehreren hundert Studien und Meta-Analysen mit teils mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten zusammengefasst wurden. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass strukturierte Bewegung depressive und psychotische Symptome reduziert, die kognitive Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität sowie die Herz-Kreislauf-Gesundheit verbessert. Dennoch ist Bewegung bislang nur selten systematisch in die psychiatrische Versorgung integriert.

Bewegungsempfehlungen werden seltener eingehalten

Ein Beispiel sind Menschen mit Schizophrenie: Sie verbringen demnach im Schnitt nahezu 10 Stunden pro Tag sitzend. Weniger als ein Fünftel der Erkrankten erfüllen die Bewegungsempfehlungen der WHO von mindestens 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche. Menschen mit Depression oder bipolarer Störung sind bis zu 50 Prozent seltener ausreichend aktiv als ihre Altersgenossen. 

Bewegungsmangel ist dabei nicht nur ein Symptom, sondern auch ein Risikofaktor: Er beschleunigt die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, verstärkt entzündliche Prozesse im Gehirn (Neuroinflammation) und verschlechtert psychiatrische Symptome – ein sich selbst verstärkender Kreislauf. 

Biologisch lässt sich das erklären: Bewegungsmangel stört das Stresshormonsystem, erhöht Entzündungsmarker, beeinträchtigt Dopamin-Belohnungsschaltkreise und senkt den Spiegel des BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), eines zentralen Proteins für Gehirngesundheit und Stimmung. Körperliche Aktivität könne viele dieser Prozesse umkehren, so die Autoren. Bewegung sei kein Allheilmittel, aber ein bewährtes, allgemein zugängliches und kosteneffektives Instrument. 

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