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Experte warnt: "Man darf Essstörungen nicht verharmlosen"

In der Pandemie ist die Zahl der Patienten mit Mager- oder Ess-Brechsucht stark gestiegen – und seither nicht mehr gesunken. Der Kinderpsychiater Andreas Karwautz über Ursachen und Fortschritte in der Therapie.
Das Bild zeigt die Hand eines Mädchens mit einem Löffel. Diesen hält die junge Frau scheinbar ziemlich gleichgültig in den Teller, so, als wolle sie eigentlich gar nichts essen.

Es war ein großes Thema in der Pandemie: Die Zahl der Jugendlichen, die wegen Essstörungen wie Magersucht therapeutische Hilfe suchten, nahm deutlich zu. „Die stationären Aufnahmen stiegen um circa 50 Prozent“, erinnert sich der Kinderpsychiater Andreas Karwautz, Gründer und Leiter der Ambulanz für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter an der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien. Er ist Autor eines neuen Ratgebers zu dem Thema. „Aber leider sehen wir bisher keinen Rückgang. Es gibt zu wenig Therapieplätze.“

KURIER: Warum ist die Häufigkeit nach wie vor so hoch?

Andreas Karwautz: Wir wissen aus einer unserer Studien vor der Pandemie, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt und rund 75 Prozent der Betroffenen niemals behandelt werden. In der Pandemie wurde dann aber die Belastung bei vielen so groß, dass sie es ohne Therapie nicht mehr schafften und an die Klinik kamen. 

Dieser Druck hat seither offenbar nicht abgenommen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zurückgegangen ist und sich Betroffene eher trauen, Hilfe anzunehmen.

Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz

Der Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Karwautz ist Gründer und Leiter der Ambulanz für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien.

Rund sechs Prozent der 11- bis 18-Jährigen – deutlich mehr Mädchen und Frauen – leiden an einer Essstörung. Magersucht ist die dritthäufigste chronische Erkrankung bei Jugendlichen nach Asthma und Adipositas. Die Patientinnen werden im Schnitt jünger. Vor 35 Jahren waren meine jüngsten 13,14 Jahre alt. Heute sehe ich immer wieder auch Elfjährige, die allerjüngste Anorexie-Patientin war acht. Das hat auch mit einem früherem Einsetzen der Menstruation zu tun.

Warum sind Magersucht oder Bulimie psychiatrische Erkrankungen?

Weil es bei Magersucht oder Heißhungeranfällen zu einem kompletten Verlust der Kontrolle über das Essverhalten kommt. Adipöse, also stark übergewichtige Menschen hingegen essen zwar dauerhaft zu viel und bewegen sich zu wenig, haben aber nicht diesen Kontrollverlust. Es gibt Überschneidungen – die Binge-Eating-Störung mit den Heißhungeranfällen führt oft zu Adipositas. Aber beim Großteil der Adipösen ist unkontrollierbarer Heißhunger kein Thema.

Magersucht-Patientinnen identifizieren sich mit ihrer Erkrankung, sehen sie positiv und wollen sie deshalb auch nicht ,verlieren‘. Die Essstörung bestimmt ihre Identität, gibt ihnen Stärke, Sicherheit, Selbstvertrauen – bei krankhaftem Übergewicht ist das nicht der Fall, das will niemand.

Auf Social Media werden Essstörungen oft verharmlost. Spielt das auch eine Rolle?

Ganz sicher. Eine meiner Magersuchtpatientinnen verbringt jeden Tag Stunden damit, sich mit anderen Frauen im Internet zu vergleichen – und empfindet sich als übergewichtig, obwohl sie massiv untergewichtig ist. Das führt zu einem Dauerstress, und der hat bei vielen zugenommen. Das kann man auch niemandem kurzfristig ausreden. Man darf Essstörungen nicht verharmlosen. Unbehandelt ist gerade bei Magersucht die Sterblichkeit sehr hoch.

Was löst eine Essstörung aus?

Eine Essstörung tritt nur dann auf, wenn psychologische Faktoren wie ein niedriges Selbstwertgefühl, soziale Einflüsse, etwa gesellschaftlicher Druck, und biologische Ursachen – zum Beispiel genetische Risiken – zusammenspielen. In letzter Zeit wird auch der Einfluss eines gestörten Stoffwechsels – etwa erhöhte Spiegel von Hormonen, die den Hunger unterdrücken – diskutiert. Auch erhöhte Entzündungswerte spielen, so wie bei der Depression, eine Rolle.

Auf welche Warnsignale sollten Eltern achten?

Wenn das Wachstum stagniert oder das Gewicht zurückgeht, ist das ein Alarmzeichen. Ebenso wie restriktives Essverhalten bei massiver sportlicher Aktivität, körperlicher Erschöpfung, bis hin zur sozialen Isolation. Wichtig ist, solche Hinweise nicht zu ignorieren, sondern anzusprechen. Früherkennung ist entscheidend. Besonders bei Magersucht ist es wichtig, sich so früh wie nur möglich an unsere Ambulanz für Essstörungen zu wenden.

Wie sieht die Therapie aus?

Jeder Patient benötigt Psychotherapie, es muss aber immer eine kompetente ärztliche Begleitung, am besten durch einen Kinderpsychiater, geben. Wir haben an der MedUni Wien eine aus England stammende spezielle Psychotherapieform adaptiert. Auch andere Berufsgruppen sind eingebunden, etwa aus der Psychologie, Diätologie, der Sozialpädagogik, der Sozialarbeit.

Besonders bei Magersucht ist es wichtig, sich so früh wie nur möglich an unsere Ambulanz für Essstörungen zu wenden.

von Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Karwautz

Die hohe Wirksamkeit dieses Programms ist wissenschaftlich bestätigt. Wir können heute 80 Prozent unserer Patientinnen heilen, aber für 20 Prozent brauchen wir neue, innovative Ansätze. Neben solchen spezialisierten Therapien ist Hometreatment ein Beispiel. Dabei kommen die Therapeuten für fünf bis sechs Stunden pro Woche zu den Patienten nach Hause. Das funktioniert sehr gut und reduziert die stationären Aufenthalte. Bei Anorexie beträgt die mittlere Behandlungsdauer fünf Jahre.

Wo erhalten die Eltern Hilfe?

Die Angehörigen sind häufig stark belastet, machen sich Vorwürfe, haben Schuldgefühle. Das kann die Chance auf einen Therapieerfolg reduzieren. Wir haben ein Angehörigenprogramm ins Leben gerufen, bei dem Eltern in Workshops oder online Fertigkeiten vermittelt werden, mit der Erkrankung ihres Kindes umzugehen und das Klima in der Familie zu verbessern.

Buchtipp:

Neuerscheinung "Essstörungen"

Andreas Karwautz:
„Essstörungen.  Erkennen – verstehen – überwinden.“
MedUni Wien im MANZ Verlag. 228 Seiten, 28  Euro

Der neue Ratgeber richtet sich sowohl an Betroffene und deren Angehörige als auch an Lehrkräfte, medizinische Fachpersonen und alle, die wissenschaftlich fundierte Informationen zum Thema suchen. Umfassend werden Bereiche wie Ursachen, Diagnostik, Therapie, Prävention sowie aktuelle Forschungsansätze behandelt. 

Veranstaltungshinweis: 

Essstörungen erkennen, verstehen, überwinden ist auch der Titel eines Vortrags von Prof. Dr. Andreas Karwautz diesen Mittwoch, 27. 5., ab 19 Uhr im Van Swieten Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a, 1090 Wien. 

Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung hier.

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