Bluthochdruck-Gefahr: Beliebte Zusatzstoffe unter Verdacht
Zusammenfassung
- Konservierungsstoffe in industriell verarbeiteten Lebensmitteln stehen laut einer großen Studie mit erhöhtem Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang.
- Besonders nicht antioxidative Konservierungsstoffe wie Kaliumsorbat, Natriumnitrit oder Citronensäure als Zusatzstoff zeigten auffällige Zusammenhänge mit Gesundheitsrisiken.
- Die Studie ist beobachtend und beweist keinen direkten Zusammenhang, legt aber nahe, den Verzehr stark verarbeiteter Lebensmittel zu überdenken und die Bewertung von Zusatzstoffen zu überprüfen.
Sie stecken in Wurstwaren, Fertiggerichten, abgepacktem Brot, Getränken, verarbeiteten Obst- und Gemüseprodukten oder Frühstückscerealien: Konservierungsstoffe sollen Lebensmittel haltbarer machen, vor Keimen schützen oder verhindern, dass Fett ranzig wird und Farbe verloren geht.
Das ist praktisch – und für die Lebensmittelindustrie unverzichtbar. Doch gesundheitlich könnten manche dieser Stoffe problematischer sein als bisher angenommen.
Eine neue große Studie im European Heart Journal untersuchte, ob eine langfristige Aufnahme solcher Zusatzstoffe mit Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängt.
Bluthochdruck häufiger
Grundlage waren Daten der französischen NutriNet-Santé-Kohorte: Mehr als 112.000 Menschen wurden über mehrere Jahre beobachtet, im Mittel knapp acht Jahre.
Die Ernährung wurde wiederholt über detaillierte 24-Stunden-Protokolle erfasst, inklusive konkreter Markenprodukte. So konnten die Forschenden abschätzen, welchen Konservierungsstoffen die Teilnehmenden tatsächlich ausgesetzt waren.
Das Ergebnis: Menschen mit höherer Aufnahme bestimmter Konservierungsstoffe hatten häufiger Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besonders auffällig waren sogenannte nicht antioxidative Konservierungsstoffe. Das sind Konservierungsstoffe, die Lebensmittel vor mikrobiellem Verderb schützen – also vor Bakterien, Hefen oder Schimmel. Dazu zählen etwa Sorbate, Sulfite oder Nitrite.
Bei höherer Aufnahme war das Risiko für Bluthochdruck um 29 Prozent erhöht, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 16 Prozent. Antioxidative Konservierungsstoffe waren in der Studie ebenfalls mit mehr Bluthochdruck verbunden.
Beim Einkaufen mehr auf die Zutatenliste achten.
1. Zutatenliste lesen
Je länger die Zutatenliste, desto eher handelt es sich um ein stark verarbeitetes Produkt. Besonders relevant sind Hinweise wie „Konservierungsstoff“, „Antioxidationsmittel“ oder mehrere E-Nummern.
2. Nicht nur auf Salz und Fett schauen
Für Herzgesundheit zählen weiterhin Klassiker wie weniger Salz, weniger verarbeitetes Fleisch, mehr Gemüse, Hülsenfrüchte, Fisch und Ballaststoffe. Die Studie ergänzt aber: Auch der Verarbeitungsgrad und die Zusatzstoffe könnten eine Rolle spielen.
3. Frisch oder wenig verarbeitet bevorzugen
Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass frische und minimal verarbeitete Varianten bevorzugt werden sollten – etwa Naturjoghurt statt aromatisierter Dessertprodukte, frisches Brot statt lange haltbarer Backwaren, selbst gekochte Mahlzeiten statt Fertiggerichte.
4. Bei Wurstwaren zurückhaltend sein
Nitrite und Nitrate stammen in der Studie häufig aus verarbeitetem Fleisch. Wer Schinken, Salami, Speck oder Würstel reduziert, senkt nicht nur die Aufnahme bestimmter Konservierungsstoffe, sondern folgt auch bestehenden Herz-Kreislauf-Empfehlungen.
5. „Mit Vitamin C“ heißt nicht automatisch gesund
Ein wichtiger Punkt: Ascorbinsäure oder Citronensäure aus Obst und Gemüse sind etwas anderes als dieselben Stoffe als Zusatzstoff in industriellen Produkten. Entscheidend ist der Kontext: frisches Lebensmittel oder verarbeitetes Produkt.
6. Faustregel für den Alltag
Je öfter ein Lebensmittel aussieht wie sein Ausgangsprodukt, desto besser: Kartoffeln statt Kartoffelchips, Haferflocken statt gezuckerter Cerealien, Obst statt Fruchtdessert, Wasser statt Softdrink, frische Mahlzeit statt Fertigmenü.
Zusatzstoffe neu prüfen?
Untersucht wurden insgesamt 58 Konservierungsstoffe, die von mindestens einer Person aufgenommen wurden. Einzelne Zusatzstoffe, die in der Studie mit mehr Bluthochdruck zusammenhingen, waren unter anderem Kaliumsorbat (E202), Kaliummetabisulfit (E224), Natriumnitrit (E250), Ascorbinsäure als Zusatzstoff (E300), Natriumascorbat (E301), Natriumerythorbat (E316), Citronensäure (E330) und Rosmarinextrakt (E392).
Wichtig dabei: Es geht nicht um Vitamin C oder Zitronensäure aus Obst und Gemüse, sondern um deren Verwendung als Zusatzstoff in industriell hergestellten Produkten.
Die Stoffe stammen aus sehr unterschiedlichen Lebensmittelgruppen. Sulfite wurden in der Studie vor allem über alkoholische Getränke aufgenommen, Nitrite und Nitrate häufig über verarbeitetes Fleisch, Ascorbate und Citrate etwa über verarbeitete Obst- und Gemüseprodukte. Das spricht dafür, dass es nicht nur um eine einzelne Produktgruppe geht, sondern um ein breiteres Muster industriell verarbeiteter Ernährung.
Die Studie beweist allerdings nicht, dass Konservierungsstoffe direkt Herzkrankheiten verursachen. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Andere Einflüsse – etwa Lebensstil, allgemeine Ernährungsqualität oder der Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel – lassen sich nie vollständig ausschließen.
Die Forschenden haben ihre Berechnungen jedoch für viele Faktoren angepasst, darunter Alter, Geschlecht, BMI, Rauchen, Bewegung, Salzaufnahme, Alkohol, Zucker, Ballaststoffe, Obst und Gemüse, Milchprodukte sowie rotes und verarbeitetes Fleisch. Die Ergebnisse blieben auch in mehreren Zusatzanalysen stabil.
Für Konsumentinnen und Konsumenten heißt das nicht, dass jedes Produkt mit E-Nummer gefährlich ist. Die Studie zeigt aber: Es könnte sinnvoll sein, beim Einkauf stärker auf den Verarbeitungsgrad zu achten. Wer sein Herz schützen will, sollte nicht nur auf weniger Salz, weniger verarbeitetes Fleisch und mehr Gemüse achten, sondern möglichst oft zu frischen oder wenig verarbeiteten Lebensmitteln greifen.
Zusatzstoffe sind in der EU reguliert: Sie dürfen laut AGES nur zugelassen werden, wenn sie als gesundheitlich unbedenklich gelten, technologisch notwendig sind und Konsumentinnen und Konsumenten nicht täuschen. Bei verpackten Lebensmitteln müssen sie in der Zutatenliste stehen, die erlaubten Mengen sind begrenzt.
Die Autorinnen und Autoren sehen in den Ergebnissen jedenfalls einen Anlass, die gesundheitliche Bewertung bestimmter Zusatzstoffe neu zu prüfen. Denn viele dieser Substanzen gelten derzeit als zugelassen und reguliert, ob sie langfristig in der üblichen Kombination und Menge tatsächlich unproblematisch sind, muss nun genauer untersucht werden.
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