Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

E-Zigaretten können den Zuckerstoffwechsel stören

Menschen, die ausschließlich E-Zigaretten nutzen, weisen laut einer neuen Meta-Analyse häufiger Prädiabetes und eine Insulinresistenz auf. Eine Analyse.
BELGIUM-HEALTH-SOCIAL-TOBACCO

Zusammenfassung

  • Eine Metaanalyse von zehn Beobachtungsstudien mit mehr als 2,8 Millionen Teilnehmerdaten fand bei ausschließlichen E-Zigaretten-Nutzern um 34 Prozent höhere statistische Chancen auf Prädiabetes und ein vorläufiges Warnsignal bei Insulinresistenz.
  • Für manifesten Diabetes zeigte sich bei ausschließlichem E-Zigaretten-Konsum kein klarer statistisch gesicherter Zusammenhang, während nur Dual User eine um 23 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen.
  • Die Autoren bewerten die Aussagekraft wegen überwiegend querschnittlicher Studien, Selbstauskünften und fehlenden Konsumdetails als gering und sehen ein Warnsignal, aber keinen Beweis für eine ursächliche Wirkung von E-Zigaretten.

Mehr als 2,8 Millionen Teilnehmerdaten und ein Plus von 34 Prozent: Die Zahlen einer neuen Untersuchung über E-Zigaretten und Blutzucker klingen zunächst alarmierend. Bei genauerem Hinsehen fällt das Ergebnis allerdings differenzierter aus.

Ein internationales Wissenschafterteam hat die bisherige Forschung über mögliche Zusammenhänge zwischen E-Zigaretten, Prädiabetes, Diabetes und Insulinresistenz ausgewertet. An der im Fachjournal „Internal and Emergency Medicine“ veröffentlichten Arbeit war auch Othmar Moser von der Universität Graz und der Medizinischen Universität Graz beteiligt.

Die Wissenschafter durchsuchten unterschiedliche Datenbanken bis Ende 2025. Zehn Beobachtungsstudien mit zusammen mehr als 2,8 Millionen Teilnehmerdaten erfüllten die Kriterien. Acht davon konnten in die statistischen Berechnungen einbezogen werden. Allerdings waren neun der zehn Untersuchungen Querschnittsstudien: Sie zeigen eine Momentaufnahme, können aber nicht klären, was zuerst da war – der Konsum von E-Zigaretten oder die Stoffwechselveränderung.

Prädiabetes bei E-Zigaretten-Nutzern häufiger

Bei Personen, die aktuell ausschließlich E-Zigaretten verwendeten, waren die statistischen Chancen auf Prädiabetes im Vergleich zu Menschen, die das noch nie gemacht hatten, um 34 Prozent höher. Bei sogenannten Dual Usern, die sowohl herkömmliche als auch elektronische Zigaretten konsumierten, betrug das Plus 26 Prozent. Ehemalige Nutzer von E-Zigaretten kamen auf einen um 13 Prozent höheren Wert.

Dabei handelt es sich um relative statistische Unterschiede, nicht um ein Plus von 34 Prozentpunkten. Wie groß das persönliche Risiko eines einzelnen Menschen ist, lässt sich daraus nicht ablesen.

Auch bei der Insulinresistenz zeigte sich ein mögliches Warnsignal: Ausschließliche E-Zigaretten-Nutzer hatten in der gepoolten Analyse um 37 Prozent höhere statistische Chancen auf eine verminderte Insulinempfindlichkeit. Dieses Ergebnis stützt sich allerdings nur auf zwei Studien und wird von den Autoren selbst als vorläufig bezeichnet.

Insulinresistenz bedeutet, dass Körperzellen schwächer auf das Hormon Insulin reagieren. Der Körper muss mehr davon produzieren, um den Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Prädiabetes – einer Stoffwechsellage, bei der Nüchternblutzucker, Langzeitblutzucker oder Glukosetoleranz bereits verändert sind, die Schwelle zum Diabetes aber noch nicht erreicht ist.

Kein klarer Zusammenhang mit Diabetes

Beim bereits manifesten Diabetes ergab sich ein anderes Bild. Für Personen, die ausschließlich E-Zigaretten verwendeten, war kein statistisch gesicherter Zusammenhang feststellbar. Auch bei ehemaligen Nutzern zeigte sich kein eindeutiger Unterschied. Lediglich Dual User hatten eine um 23 Prozent höhere statistische Wahrscheinlichkeit für Diabetes.

Besonders wichtig für die Einordnung ist die einzige Langzeitstudie der Analyse. Sie begleitete knapp 250.000 Menschen rund vier Jahre lang. 

Unter den ausschließlichen E-Zigaretten-Nutzern traten nicht mehr neue Fälle von Typ-2-Diabetes auf als unter Personen, die nie E-Zigaretten verwendet hatten. Herkömmliche Zigaretten waren in derselben Untersuchung hingegen mit einem um 18 Prozent höheren Diabetesrisiko verbunden.

Die derzeitige Studienlage weist somit nicht auf einen klaren, eigenständigen Zusammenhang zwischen dem ausschließlichen Verwenden von E-Zigaretten und klinischem Diabetes hin. Ein Freibrief für E-Zigaretten ist das dennoch nicht: Vier Jahre könnten zu kurz sein, um längerfristige Stoffwechselfolgen zu erkennen.

Welche Rolle könnte Nikotin spielen?

Ein biologischer Zusammenhang erscheint grundsätzlich möglich. Experimentelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass Nikotin die Insulin-Signalübertragung beeinträchtigen und die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse beeinflussen kann. Im Aerosol von E-Zigaretten können zudem Substanzen mit entzündungsfördernder und oxidativer Wirkung enthalten sein.

Von Labor- und Tierversuchen lässt sich jedoch nicht unmittelbar auf Menschen schließen. Auch andere Erklärungen kommen infrage: Manche Menschen wechseln nach ersten gesundheitlichen Problemen von Tabak- zu E-Zigaretten. Gewichtszunahme und verändertes Essverhalten nach dem Rauchstopp können den Zuckerstoffwechsel ebenfalls beeinflussen. Dual User weisen darüber hinaus häufig weitere Risikofaktoren wie ungünstige Ernährung, weniger Bewegung oder stärkere Nikotinabhängigkeit auf.

Aussagekraft insgesamt sehr gering

Die Autoren mahnen daher ausdrücklich zur Vorsicht: Die Ergebnisse unterstützten „keine einfache kausale Lesart“, schreiben sie. 

In allen eingeschlossenen Untersuchungen beruhte der E-Zigaretten-Konsum auf Selbstauskünften und wurde nicht durch Biomarker überprüft. Auch Prädiabetes und Diabetes wurden in mehreren Studien lediglich über Angaben der Befragten statt anhand von Laborwerten erfasst. Angaben zu Gerätetyp, Nikotinkonzentration, Dauer und Intensität des Konsums fehlten weitgehend.

Nötig seien nun große Langzeitstudien mit objektiv überprüftem Konsum und standardisierten Blutzuckermessungen. Die aktuelle Analyse liefert damit ein Warnsignal für mögliche frühe Veränderungen des Zuckerstoffwechsels, aber noch keinen Beweis dafür, dass E-Zigaretten Prädiabetes oder Diabetes verursachen.

Kommentare