Gegen das Vergessen: Österreichische Studie sucht noch Teilnehmer
Zusammenfassung
- Laut Lancet-Kommission könnten 45 Prozent der Demenzfälle durch die Beeinflussung von 14 Risikofaktoren potenziell verhindert oder verzögert werden, wobei der individuelle Einfluss des Lebensstils stark variiert.
- Besonders wichtig für die Vorbeugung sind Maßnahmen im mittleren Lebensalter wie die Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und Hörminderung sowie Bewegung, ausgewogene Ernährung und soziale Aktivität.
- Die österreichische Studie LETHE-AT sucht 300 Menschen zwischen 55 und 75 Jahren mit erhöhtem Demenzrisiko, um ein 18-monatiges Präventionsprogramm mit persönlicher Beratung, App und Smartwatch zu testen.
45 Prozent: So groß ist nach dem jüngsten Bericht der Lancet-Kommission der Anteil der Demenzerkrankungen, der durch die Beeinflussung von 14 Risikofaktoren potenziell verhindert oder verzögert werden könnte: Bewegung, Ernährung, Blutdruck, soziale Kontakte. Was sie nicht bedeutet: Dass jeder Mensch sein Risiko um 45 Prozent senken kann.
„Das ist eine epidemiologische Berechnung auf Populationsniveau“, erklärt die Neurologin Elisabeth Stögmann, MedUni Wien, AKH Wien. Sie berücksichtigt, wie häufig bestimmte Risiken in einer Gesellschaft vorkommen und welche Bedeutung diese für Demenzerkrankungen haben. Beim Einzelnen kann der beeinflussbare Anteil größer, aber auch sehr klein sein. „Es kommen immer wieder Menschen zu mir, die sagen: Ich habe so gesund gelebt und trotzdem Alzheimer bekommen. Das gibt es natürlich, aber eine starke genetische Disposition lässt sich durch den Lebensstil nicht einfach aufheben.“
Das persönliche Risiko entsteht durch einen Mix aus Veranlagung, Krankheiten, Umwelt und Verhalten. Und letztendlich bestimmen auch die Politik und das Gesundheitssystem mit.
Was das Gehirn schützt
Fest steht: Die beeinflussbaren Faktoren reichen über das gesamte Leben hindurch. Bildung etwa, und das so früh wie möglich, hilft beim Aufbau einer „kognitiven Reserve“, auf die das Gehirn im Alter zurückgreifen kann.
Besonders wichtig ist laut Stögmann das mittlere Lebensalter: „Zwischen 40 und 60 kann man noch vieles umdrehen.“ Dazu zählen unter anderem Bluthochdruck, hohes LDL-Cholesterin, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, zu viel Alkohol, Depressionen und wiederholte Kopfverletzungen.
Was viele nicht wissen: „Besonders bedeutsam ist eine Hörminderung, die häufig unerkannt bleibt. Wer schlecht hört, erhält weniger geistige Anregung und zieht sich womöglich aus Gesprächen zurück“, so Stögmann. Ein Hörgerät kann daher mehr sein als nur eine klassische Alltagshilfe, auch eine nicht korrigierte Sehschwäche, soziale Isolation und Luftverschmutzung beeinflussen das Risiko, an Demenz zu erkranken.
Wer kommt infrage?
Gesucht werden Personen zwischen 55 und 75, die eine nachlassende Gedächtnisleistung bemerken oder deren Eltern/Geschwister an Demenz erkrankt sind. Zusätzlich müssen mindestens drei Risikofaktoren vorliegen, z. B. Bluthochdruck, Diabetes, erhöhtes Cholesterin, erhöhter BMI, Depression, körperliche Inaktivität. Die Teilnahme dauert 18 Monate.
Wo findet die Studie statt?
An den Medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck. Insgesamt sollen 300 Personen teilnehmen; die Rekrutierung läuft voraussichtlich noch einige Monate.
Hier können Sie sich anmelden:
www.lethe.at; www.probando.io/study-listing/study-detail/1410.
Viele Maßnahmen zählen
Es geht also nicht um diese eine Wundermaßnahme, sondern immer um die Kombination: Man muss Gefäßrisiken behandeln, sich bewegen, ausgewogen essen, geistig und sozial aktiv bleiben, ausreichend schlafen sowie Hör- und Sehprobleme korrigieren. Genau hier setzt die Studie LETHE-AT an.
Vorbild ist die finnische FINGER-Studie: Sie zeigte, dass ein zweijähriges Programm aus Bewegung, Ernährung, kognitivem Training, sozialen Aktivitäten und Kontrolle von Gefäßrisiken die geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko günstig beeinflussen kann.
Stögmann: „Viele nachfolgende Studien enttäuschten jedoch, solche Programme sind aufwendig; zudem verändert häufig auch die informierte Kontrollgruppe ihr Verhalten.“
Zuletzt brachten zwei große Studien wieder ermutigende Resultate. Beim australischen Online-Programm „Maintain Your Brain“ schnitt die Interventionsgruppe nach drei Jahren bei kognitiven Tests besser ab, bei US-POINTER verbesserten sich beide Gruppen; die stärker betreute etwas mehr.
Die Studie LETHE-AT überträgt diesen Ansatz nun auf Österreich: 300 Menschen zwischen 55 und 75 Jahren werden in Wien, Graz und Innsbruck 18 Monate begleitet. Sie haben keine Demenz, weisen aber mehrere Risikofaktoren auf, alle verwenden eine App und eine Smartwatch und erhalten Unterstützung bei Bewegung, Ernährung, Schlaf, sozialer Teilhabe und Gedächtnistraining. Nach dem Zufallsprinzip kommen sie in zwei unterschiedlich intensiv betreute Gruppen.
Wer noch gesucht wird
Neu ist die Verbindung aus persönlicher Beratung, digitaler Begleitung und individueller Anpassung. Dabei erfasst eine Smartwatch unter anderem die Faktoren Bewegung und Schlaf, die App liefert passende Übungen und Empfehlungen.
Die Studie sucht bewusst nicht jene Personen, die bereits alles optimiert haben, das Team will gezielt Menschen mit einem gewissen Risikoprofil erreichen, „also die, die sich nicht typischerweise für Studien melden“, sagt Stögmann.
Entscheidend wird sein, ob ein solches hybrides Programm alltagstauglich und später breit verfügbar sein kann. Primär untersucht LETHE-AT, wie gut die Teilnehmenden es annehmen, durchhalten und umsetzen. Zusätzlich werden das Wohlbefinden, kognitive Leistungen sowie Blut- und MRT-Biomarker erhoben.
Nach 18 Monaten lässt sich natürlich nicht feststellen, wie viele Demenzerkrankungen tatsächlich verhindert wurden; dafür wäre eine jahrelange Nachbeobachtung nötig. Erkennbar werden kann aber, ob sich mögliche Risiken und die geistige Leistungsfähigkeit günstig verändern.
„Das Verhalten sollte nachhaltig beeinflusst werden und nicht nur für die Dauer der Studie“, sagt Stögmann. Ziel ist es also, herauszufinden, wie aus gelerntem Gesundheitswissen gelebter Alltag werden kann, der auch dem Gehirn zugutekommt.
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