Demenz-Therapie: Wiener Expertin über neue Antikörper-Mittel
Zusammenfassung
- Neue Antikörper-Therapien gegen Alzheimer verlangsamen den Krankheitsverlauf um 20 bis 40 Prozent, heilen aber nicht und sind nur für wenige Patienten im Frühstadium geeignet.
- Frühe und genaue Diagnostik mit Biomarkern ist entscheidend, doch Bluttests sollten nur nach ärztlicher Einschätzung bei bestehenden Beschwerden eingesetzt werden.
- Die Versorgungslücke bleibt groß: Neben medizinischer Behandlung sind Beratung, soziale Unterstützung und demenzsensible Strukturen für Betroffene und Angehörige notwendig.
Lange galt die Alzheimerdemenz als Erkrankung, deren Verlauf kaum zu beeinflussen war. Beim bundesweiten Vernetzungstag des Dachverbands Demenz Selbsthilfe Austria sprach die Neurologin Elisabeth Stögmann, MedUni, AKH Wien über den Umbruch in Diagnose und Therapie. Die zentrale Frage lautete: „Früh diagnostiziert – und dann?“
„Es gibt eine große Aufbruchstimmung im Alzheimer-Feld“, sagte Stögmann. Damit sind neue Antikörper-Therapien gemeint, die an einem Eiweiß ansetzen, das sich bei Alzheimer im Gehirn ablagert: Amyloid-beta.
Die Medikamente docken an diese Ablagerungen an, dadurch werden Immunzellen aktiviert, die die Eiweißablagerungen abbauen und entfernen können. Keinesfalls eine Heilung, aber ein Zeitgewinn, wie Stögmann betont: In Studien verlangsamten diese Therapien den kognitiven und funktionellen Abbau um etwa 20 bis 40 Prozent. „Das ist ein klarer, glaubwürdiger, moderater Effekt. Praktisch heißt das: In vier Jahren gewinnt man circa ein Jahr.“
In frühen Stadien
Für Betroffene und Angehörige kann das relevant sein: länger selbstständig bleiben, den Alltag organisieren, in vertrauten Abläufen leben. Gleichzeitig bleibt klar: Die Medikamente heilen die Krankheit weder noch stoppen sie sie – vor allem aber kommen sie nur für eine kleine Gruppe infrage.
Behandelt werden können Menschen in sehr frühen Stadien, also bei leichter kognitiver Störung oder milder Alzheimer-Demenz – und nur dann, wenn die Diagnose abgesichert ist. Früher wurde Alzheimer vor allem über Symptome beschrieben: Gedächtnisprobleme, Wortfindungsstörungen, Orientierungsschwierigkeiten Veränderungen im Alltag.
Heute ist vor allem der Nachweis typischer Alzheimer-Eiweiße wie Amyloid-beta und Tau entscheidend. „Ohne gute Diagnostik gibt es keine therapeutischen Entwicklungen“, betonte Stögmann. Eine rein klinische Diagnose sei nur in etwa 60 bis 70 Prozent der Fälle richtig, mit Biomarkern komme man auf 90 bis 95 Prozent Genauigkeit.
Gerade frühe Alzheimer-Stadien seien ohne diese Zusatzuntersuchungen kaum sicher zu erkennen. Das Problem: Alzheimer kann im Gehirn schon viele Jahre beginnen, bevor erste Symptome auffallen. Manche haben bereits Eiweißveränderungen, funktionieren aber völlig normal. Deshalb ist die frühe Diagnostik auch heikel: Ein Befund zeigt ein Risiko, aber nicht die Zukunft. Niemand kann genau sagen, ob und wann daraus eine Demenz wird – oder was man einem noch beschwerdefreien Menschen konkret anbieten soll.
Demenz-Expertin, Neurologin Elisabeth Stögmann, MedUni Wien, AKH, WIen
Keine Heilung, aber ein Zeitgewinn: In Studien verlangsamten diese Therapien den kognitiven und funktionellen Abbau um etwa 20 bis 40 Prozent.
Nicht jeder zum Bluttest
Deshalb warnt Stögmann vor einem ungezielten Einsatz neuer Bluttests. Blutbasierte Biomarker könnten die Diagnostik künftig erleichtern, sollten aber nicht als private Vorsorgeuntersuchung ohne Beschwerden verwendet werden.
„Wir wollen nicht, dass jeder zum Bluttest rennt.“ Sinnvoll seien diese nur nach fachärztlicher Einschätzung, wenn es bereits kognitive Beschwerden gibt.
Nebenwirkungen
Auch die Frage der Nebenwirkungen der neuen Therapien wurde erläutert: Die wichtigste sind sogenannte „ARIA-Veränderungen“, also Auffälligkeiten im Gehirn, die im MRT-Scan sichtbar werden: Schwellungen oder kleine Blutungen.
Stögmann betonte, dass es sich meist um Mikroblutungen handle, nicht um große Hirnblutungen. „Nur ein Viertel der Patienten spürt Symptome.“ Bei den anderen würden die Veränderungen nur in der Magnetresonanztomografie entdeckt.
Mögliche Beschwerden seien Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Verwirrtheit oder eine allgemeine Verschlechterung. Deshalb sind gerade in den ersten Monaten mehrere MRT-Kontrollen nötig. Wird etwas Auffälliges gesehen, kann die Therapie pausiert oder abgesetzt werden.
In Österreich werden derzeit laut Stögmann rund 100 Menschen mit den neuen Therapien behandelt, etwa 40 davon am AKH Wien. Schwere Nebenwirkungen seien bisher nicht aufgetreten. Es habe aber mehrere Fälle mit Hirnschwellungen oder Mikroblutungen gegeben, die meist symptomfrei geblieben sind.
Beim Vernetzungstag des Dachverbands Demenz Selbsthilfe Austria.
Patienten sind zufrieden
Die Medikamente werden als Infusion gegeben: Lecanemab alle zwei Wochen, Donanemab einmal im Monat. Stögmann berichtete, dass viele PatientInnen damit sehr zufrieden seien. Sie kämen regelmäßig in die Tagesklinik, träfen andere Betroffene und Angehörige, könnten Fragen stellen und fühlten sich besser begleitet. Das zeige auch, wie stark gute Betreuung wirken könne.
Trotzdem bleibt die Versorgungslücke groß. Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Menschen, die derzeit in Gedächtnisambulanzen gesehen werden, kommen laut Stögmann für die neuen Antikörper infrage.
Alle anderen brauchen weiterhin gute Diagnostik, Beratung, symptomatische Medikamente, nicht-medikamentöse Unterstützung, Hilfe bei Schlafstörungen, Unruhe, Angst, Aggression oder Depression – und entlastende Strukturen für Angehörige.
Die neuen Therapien setzen das System zusätzlich unter Druck. Sie verlangen spezialisierte Zentren, MRT-Termine, Infusionsplätze, geschultes Personal und klare Zuweisungswege. Zugleich habe sich etwas bewegt.
Stögmann berichtete, dass in Österreich neue Memory-Kliniken aufgebaut wurden, etwa im Burgenland und in Niederösterreich. Die neuen Medikamente helfen nur einem Teil der Betroffenen, aber allein ihre Verfügbarkeit zwingt dazu, früher und genauer hinzuschauen. Davon profitieren auch jene, die für die Antikörper-Therapie am Ende nicht infrage kommen.
Für die Zukunft erwartet Stögmann weitere Entwicklungen: bessere Blutmarker, einfachere Verabreichungsformen, möglicherweise Spritzen unter die Haut, Kombinationstherapien gegen Amyloid und Tau sowie Studien zur Behandlung noch früherer Stadien.
Der Fokus verschiebt sich stärker auf Prävention. Beeinflussbare Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel, Hörverlust, Depression, soziale Isolation, Übergewicht, hoher Alkoholkonsum, Kopfverletzungen oder Luftverschmutzung spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.
Angela Pototschnigg war 59, als sie merkte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Zunächst lautete die Diagnose Burn-out, erst Jahre später wurde klar: Es ist eine demenzielle Erkrankung.
Besonders hart traf sie ein Satz ihrer Ärztin: Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe sie noch „sieben gute Jahre vor sich, danach drei weniger gute, und dann haben Sie es geschafft“, erzählte sie bei der Gesprächsrunde des Dachverbands Demenz Selbsthilfe Austria. Pototschnigg war schockiert: „Solche Sätze sollten bei einer Diagnosemitteilung nicht mehr fallen.“
Heute lebt sie mit Unterstützung durch eine Assistenz, die viel Erfahrung mit Demenz hat. „Zwar ein wenig ramponiert“, wie sie sagt, weil ihr die Erkrankung gewisse Fähigkeiten genommen habe. „Aber ich kann immer noch denken und vor allem meine Meinung kundtun.“ Dem gängigen Bild Demenzkranker widerspricht sie ausdrücklich. Diese haben nicht „keine Intelligenz“ mehr. Es sei daher wichtig, Betroffene nicht auf ihre Defizite zu reduzieren, sondern sie zu fragen, was sie brauchen.
Mit wem sprechen?
Nach der Diagnose habe sie sich sehr allein gefühlt, sie hatte viele Fragen: Wo gibt es Beratung? Mit wem kann ich über meine Sorgen sprechen? Was kann ich selbst tun? Die frühe Diagnose half Pototschnigg aber auch, ihre Zukunft zu regeln, solange sie sich dazu in der Lage fühlt. „Entscheidet nichts über meinen Kopf“, sagte sie und sprach mit ihrer Familie über Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament, Wohnen, Pflege und darüber, wie sie später leben möchte.
Auch die anderen in der Runde machten klar: Frühdiagnose ist Chance und Belastung zugleich. Die Gerontopsychologin Christine Leyroutz sprach vom Recht auf Wissen – aber auch auf Nichtwissen. Nicht jeder Mensch wolle Klarheit.
Eine Angehörige brachte die Versorgungslücke auf den Punkt: „Ein Testergebnis allein hilft niemandem, wenn es danach keine Begleitung und Orientierung gibt“. Gebraucht würden aufsuchende Beratung, Case Management und Hilfe bei sozialen, finanziellen und pflegerischen Fragen, speziell für Jungbetroffene, die noch im Beruf stehen, Kinder, Kredite, Verantwortung haben.
Demenz sei nicht nur ein medizinisches Problem. Es braucht auch Psychologie, Pflege, Sozialarbeit, Selbsthilfe und politische Priorität. Die Pflegewissenschaftlerin Katharina Heimerl erinnerte daran, dass das Ziel auch Lebensqualität sein müsse. Und die definiert sich oft durch den Umgang mit Betroffenen. Pototschnigg formulierte es so: „Es gibt den Begriff ,demenzfreundlich’, mir würde aber demenzsensibel besser gefallen, denn Freundlichkeit hilft uns nicht weiter.“
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