Demenz vorbeugen: Was laut neuer WHO-Leitlinie wirklich hilft
Zusammenfassung
- Die WHO hat ihre Demenz-Leitlinie überarbeitet und betont, dass bis zu 45 Prozent des Risikos mit beeinflussbaren Faktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und sozialer Isolation zusammenhängen.
- Die stärkste Evidenz sieht die WHO für regelmäßige körperliche Aktivität, ergänzt durch Rauchstopp, weniger Alkohol, ausgewogene Ernährung sowie die Behandlung von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren und Hörverlust.
- Nicht empfohlen werden Vitaminpräparate, Statine oder Hormone allein zur Demenzvorbeugung; zudem verweist die WHO auf begrenzte Belege für Hirntraining und auf mögliche Vorteile sozialer Aktivitäten und sauberer Luft.
Mehr als 57 Millionen Menschen leben weltweit mit einer Demenz, jährlich kommen fast zehn Millionen Neuerkrankungen hinzu. Heilbar ist sie bis heute nicht. Nun hat die Weltgesundheitsorganisation WHO ihre Leitlinie zur Vorbeugung von geistigem Abbau und Demenz grundlegend überarbeitet. „Die Verringerung des Risikos für kognitiven Abbau und Demenz ist Teil einer umfassenderen Vision für die Gehirngesundheit“, betont die WHO-Mental-Health-Spezialistin und Leitlinien-Hauptautorin Katrin Seeher.
Bis zu 45 Prozent des Risikos werden beeinflussbaren Faktoren wie Rauchen, schädlichem Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, sozialer Isolation, Luftverschmutzung, Bluthochdruck und Diabetes zugeschrieben. Das ist eine Schätzung auf Bevölkerungsebene, Alter, Gene und nicht beeinflussbare Erkrankungen bleiben wichtig.
„Wir wissen heute mehr denn je darüber, was das Demenzrisiko antreibt“, sagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Entscheidend sei, Risiken über das gesamte Leben zu verringern. Faktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck oder hohe Cholesterinwerte dürften in der Lebensmitte besonders ins Gewicht fallen.
Bewegung mit der besten Evidenz
Die klarste Empfehlung betrifft körperliche Aktivität, sie wird Erwachsenen ohne kognitive Einschränkungen ausdrücklich empfohlen; die Evidenz ist hier stärker als bei den meisten anderen Maßnahmen. Als sinnvoll gelten Ausdauerbewegung, Krafttraining und weniger langes Sitzen. Welche Sportart und Dosis das Gehirn am besten schützen, bleibt offen – regelmäßig und langfristig aktiv zu sein zählt mehr als ein spezielles „Anti-Demenz-Training“.
Unmissverständlich ist die WHO auch beim Rauchen, auch riskanter und schädlicher Alkoholkonsum sollte reduziert oder beendet werden. Alkohol wird in keiner Menge zum Schutz des Gehirns empfohlen; der vermeintliche Nutzen kleiner Mengen dürfte auf Verzerrungen in Beobachtungsstudien beruhen.
Gesundes Essen statt Wunderpille
Empfohlen wird ein ausgewogener, abwechslungsreicher Speiseplan mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten und Nüssen. Mediterrane Kost, DASH- und MIND-Ernährung zeigten kleine Vorteile bei einzelnen geistigen Leistungen. Eine bestimmte „Demenzdiät“ lässt sich daraus nicht ableiten, der gesamte Speiseplan zählt mehr als einzelne Nährstoffe.
Von Vitaminpillen zur Demenzvorbeugung rät die WHO ausdrücklich ab: Vitamin B und E, Omega-3-Fettsäuren sowie Multivitamin- und Mineralstoffpräparate sollen bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel nicht extra eingenommen werden. Für einen Nutzen fehlt der Beleg, mögliche unerwünschte Wirkungen können dagegen ins Gewicht fallen. Ein diagnostizierter Mangel muss selbstverständlich behandelt werden.
Was das Herz und die Gefäße schützt
Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen sollten konsequent behandelt, Übergewicht in der Lebensmitte möglichst reduziert werden, der direkte Beleg für eine Demenzprävention ist allerdings schwach. Eine besonders intensive Blutzuckerkontrolle senkte das Risiko nicht nachweisbar stärker als die übliche Behandlung, Statine sollen nicht allein zur Demenzvorbeugung eingenommen werden, sind aber bei entsprechender Herz-Kreislauf-Indikation wichtig.
Neu ist eine bedingte Empfehlung für Hörgeräte. Der Grund dafür: Schlechtes Hören kann eine soziale Isolation und geistige Mehrbelastung fördern. Beobachtungsdaten verbinden Hörgeräte mit einem niedrigeren Demenzrisiko; sie sollen vor allem den Hörverlust behandeln, der mögliche Nutzen fürs Gehirn ist ein Zusatz.
Kreuzworträtsel, Freunde, Musizieren
Lesen, Spielen, Musizieren und kognitives Training können das Gedächtnis oder die Aufmerksamkeit geringfügig verbessern. Nicht nachgewiesen ist, dass Gehirntrainings-Apps oder Rätsel eine Demenz verhindern können. Sinnvoll können sie trotzdem sein, speziell wenn sie neu, anspruchsvoll und mit sozialen Kontakten verbunden sind.
Auch soziale Aktivitäten erhalten erstmals eine bedingte Empfehlung: Sie brachten kleine Verbesserungen einzelner geistiger Leistungen.
Neu empfiehlt die WHO außerdem „Multidomain-Interventionen“, bei denen mindestens drei persönliche Risiken gleichzeitig angegangen werden, zum Beispiel das Thema Bewegung, Ernährung und Blutdruck.
Was nicht als Demenzschutz belegt ist
Eine menopausale Hormontherapie soll bei Frauen ab 65 Jahren nicht eigens zur Demenzvorbeugung begonnen werden. Auch für jüngere Frauen reicht die Evidenz für eine Empfehlung dafür oder dagegen nicht aus. ber Hormone zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden sagt das hingegen nichts aus.
Für die Behandlung von Depressionen, Schlafstörungen und Sehbeeinträchtigungen sowie für bestimmte Maßnahmen nach einem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma fehlt ebenso ein ausreichender Beleg für Demenzschutz. Das heißt nicht, dass diese Erkrankungen unbehandelt bleiben sollen, sie müssen allerdings aus anderen gesundheitlichen Gründen fachgerecht versorgt werden.
Eine weitere neue Empfehlung richtet sich direkt an die Politik: Weniger Luftverschmutzung könnte nämlich das Demenzrisiko senken. Die Evidenz ist zwar noch sehr unsicher, die Befunde sind jedoch über verschiedene Länder hinweg konsistent. „Damit aus diesen Empfehlungen Wirkung entsteht, braucht es Engagement, Investitionen und Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinweg“, schreibt Dévora Kestel, amtierende Direktorin der WHO-Abteilung für nichtübertragbare Krankheiten und psychische Gesundheit, im Vorwort der Leitlinie. Saubere Luft ist schließlich eine gesellschaftliche und nicht nur eine persönliche Verantwortung.
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