Corona, Ubahn

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© Kurier / Juerg Christandl

Wissen Gesundheit
06/04/2020

Coronavirus: Forscher pochen auf Blick auf soziale Benachteiligung

Experten mahnen gesundheitspolitisches Lernen aus Coronakrise ein.

Die Coronakrise zeigt, dass sozial und gesundheitlich benachteiligte Personen stĂ€rker betroffen sind, weil sie etwa in stĂ€rker Schadstoff-belasteten Gegenden wohnen. Forscher hoffen daher angesichts der drastischen Maßnahmen zur EindĂ€mmung der Pandemie darauf, dass nun Bewegung in verkehrs- und gesundheitspolitische Langzeitdiskussionen kommt, wie sie am Donnerstag vor Journalisten sagten.

Faktor LuftqualitÀt

Im Zuge des Corona-Ausbruchs habe sich eindrucksvoll gezeigt, dass VerĂ€nderungen möglich sind und auch gesellschaftlich akzeptiert werden, die zu deutlichen Reduktionen des Individualverkehrs fĂŒhren, so Hanns Moshammer, Leiter der Abteilung fĂŒr Umwelthygiene und Umweltmedizin der Medizinischen UniversitĂ€t Wien, in einem vom Verein "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz" organisierten PressegesprĂ€ch. Etwa hinsichtlich der Belastung der Luft durch Stickstoffdioxid (NO2) haben sich in Lockdown-Zeiten dadurch "deutliche Verbesserungen" in der LuftqualitĂ€t eingestellt.

Es sei nur "bedauerlich, dass sich die Leute jetzt wieder verstÀrkt in ihr Auto setzen" und der öffentliche Verkehr immer noch nur rund die HÀlfte der FahrgÀste zÀhlt wie vor der Krise.

Gerade am Beispiel der Stickoxide lasse sich auch ein Faktor festmachen, warum Covid-19 gesellschaftliche Randgruppen im Durchschnitt stĂ€rker betrifft. Denn in Gegenden mit höherer Luftverschmutzung - das sind in Wien etwa die Lagen in der NĂ€he von Hauptverkehrsadern - sind die Mieten meist niedriger. Das zieht dementsprechend Personen mit niedrigerem Einkommen an, die wiederum in tendenziell schlechterer gesundheitlicher Verfassung sind. "Vulnerable Gruppen leiden stĂ€rker unter der Luftbelastung", betonte auch Willi Haas vom Institut fĂŒr Soziale Ökologie der UniversitĂ€t fĂŒr Bodenkultur (Boku) Wien.

Soziale Effekte

Auch wenn Effekte des sozialen Status und Wohngegend in Bezug auf Covid-19 schwer zu messen seien, erkenne man in Wien bereits Auswirkungen: Laut Moshammer gibt es Daten, die darauf hindeuten, dass in der Bundeshauptstadt in Bezirken mit höheren Schadstoffbelastungen das Risiko am Coronavirus zu erkranken oder zu sterben höher ist. Diese vorlĂ€ufigen Befunde mĂŒssten allerdings noch durch Fachkollegen ĂŒberprĂŒft werden. Dahinter könnte u.a. der bekannte Effekt stecken, dass Stickoxide die SchleimhĂ€ute irritieren, was das Risiko fĂŒr allergische Reaktionen und Infektionen erhöht.

Wie stark soziale Aspekte bei der Ausbreitung mitspielen, zeige sich nun am Beispiel des Verteilerzentrum der Post in Hagenbrunn (NÖ), wo im Zusammenhang mit Leiharbeitern ein großer Ausbreitungscluster entstand. Die Krise mache nun einige negative Effekt greifbarer, die in Zusammenhang mit Benachteiligung beispielsweise am Arbeitsmarkt stehen. FĂŒr Moshammer ist nun SolidaritĂ€t mit den SchwĂ€chsten gefragt, denn "die 'Gefahr', die von Randgruppen ausgeht, wird nicht geringer, wenn man sie weiter an den Rand drĂ€ngt".

Dauerthemen angehen

Damit sich diese Situation verbessert, brauche endlich mehr Bewegung bei umweltpolitischen Dauerthemen wie der Verbesserung des öffentlichen Verkehrs bei gleichzeitigem Einbremsen des Individualverkehrs und mehr RĂ€ume fĂŒr aktive MobilitĂ€t in StĂ€dten. Die Coronakrise habe gezeigt, dass entschiedenes Handeln etwas bewirken könne, die Ausnahmesituation habe Maßnahmen legitimiert, deren Umsetzung vorher undenkbar waren: "Warum wenden wir das nicht beim Verkehr an?", sagte Haas. Studien wĂŒrden zeigen, dass so deutliche Verbesserungen bei der Gesundheit erzielt wĂŒrden. "Wir mĂŒssen an vielen, vielen RĂ€dchen drehen", so Moshammer.

Die Rezepte lĂ€gen seit Jahrzehnten auf dem Tisch, die Umsetzung scheitert aber weiter an verhĂ€rteten politischen Positionen. Die Coronakrise könnte nun dabei helfen, "das Gesundheitsthema höher anzusetzen", die "Fronten flĂŒssiger machen" und Bewegung in Diskussionen zu bringen, zeigte sich Haas ĂŒberzeugt. Dass man nun etwa unter Laien ĂŒber "Flatten the curve" und Co spreche, war noch vor ein paar Monaten undenkbar. Hier zeige sich, dass das Gesundheitsbewusstsein insgesamt zugenommen habe.

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