Bauernhof-Urlaub: Schützt die Stallluft vor Asthma?
Zusammenfassung
- Eine internationale Studie mit Daten von mehr als 1.000 Kindern identifizierte neun Bakteriengattungen aus der Stallluft, die einen großen Teil des schützenden Bauernhof-Effekts bei Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis erklären könnten.
- Die Bakterien stammen vor allem aus dem Verdauungstrakt von Kühen, gelangen über Staub in die Luft und ihre Stoffwechselprodukte könnten über Rezeptoren in den Atemwegen überschießende Entzündungsreaktionen bremsen.
- Für einen möglichen Schutz scheinen Dauer, Regelmäßigkeit und früher Kontakt entscheidend zu sein; ein Bauernhofurlaub gilt daraus bislang nicht als Empfehlung, langfristig denkbar wäre aber eine medizinische Nachahmung etwa per Nasenspray.
Warum erkranken Bauernhofkinder seltener an Asthma und Allergien? Ein internationales Forschungsteam hat nun mehrere Bakterien aus der Stallluft identifiziert, die einen großen Teil dieses seit Jahrzehnten beobachteten Bauernhof-Effekts erklären könnten. Erstmals lässt sich damit eine mögliche Wirkungskette von der Kuh bis zum menschlichen Immunsystem nachzeichnen.
Für die im Fachjournal NEJM Evidence veröffentlichte Studie analysierte das Team um Prof. Markus Ege, vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums und dem Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz Munich Daten von mehr als 1.000 Kindern. Untersucht wurden Nasenabstriche und Matratzenstaub, bei 47 Bauernhofkindern zusätzlich Proben aus Kuhställen. Mit Gen- und Stoffwechselanalysen suchten die Forschenden nach Mikroben, die mit einem geringeren Asthmarisiko verbunden waren. Anhand von Daten aus Frankreich und Finnland überprüften sie die Ergebnisse.
Neun Bakteriengattungen im Mittelpunkt
Dabei stießen die Wissenschaftler auf einen Verbund aus neun grampositiven Bakteriengattungen. Zusammengenommen könnten sie nach den Berechnungen der Forschenden rund zwei Drittel des schützenden Bauernhof-Effekts auf Asthma erklären. Bei Heuschnupfen und Neurodermitis könnten sie für etwa die Hälfte des Effekts verantwortlich sein.
„Wir haben wenige Bakterien identifiziert, die wir nun bis auf die Spezies-Ebene genau benennen können“, sagt die Erstautorin Giulia Pagani, Institut für Asthma- und Allergieprävention bei Helmholtz Munich. Zu den identifizierten Arten gehören Romboutsia timonensis und Glutamicibacter arilaitensis.
Diese Bakterien stammen überwiegend aus dem Verdauungstrakt von Kühen und gelangen über Ausscheidungen und Staub in die Stallluft. Dort bilden oder verarbeiten sie bestimmte Stoffe, darunter Alpha-Linolensäure und Stearidonsäure, die eingeatmet werden und an zwei Rezeptoren auf menschlichen Atemwegszellen andocken können.
„Diese Rezeptoren verhindern vermutlich, dass es zu einer überschießenden Entzündungsreaktion kommt“, erklärt Ege. Damit zeichnet sich erstmals eine konkrete Wirkungskette ab.
Kann Urlaub am Bauernhof schützen?
Wenn die Stallluft vor Asthma und Allergien schützen kann, liegt eine Frage nahe: Könnte man Stadtkindern die nötige Dosis nicht wenigstens im Urlaub verschaffen – etwa, indem sie jedes Jahr einige Wochen auf einem Bauernhof verbringen?
Untersucht wurde das bisher nicht. Die Forschenden verglichen Kinder, die auf Bauernhöfen aufwuchsen, mit Kindern ohne eine solche dauerhafte Exposition. Wie sich regelmäßige Ferienaufenthalte auswirken, lässt sich aus ihren Daten nicht ableiten.
Wahrscheinlich kommt es auf die Dauer und Regelmäßigkeit des Kontakts an. „Wenn ich spekulieren müsste, würde ich sagen: Es braucht eine recht kontinuierliche Exposition. Sporadische Aufenthalte auf einem Bauernhof reichen wahrscheinlich nicht aus“, sagt Ege.
Auch der Zeitpunkt dürfte eine Rolle spielen. Nach Einschätzung des Epidemiologen könnte der Schutz bereits während der Schwangerschaft beginnen. Für die Entwicklung der Atemwege sei aber auch die Zeit nach der Geburt wichtig: Erst dann kommen sie unmittelbar mit der Umgebungsluft in Kontakt und können widerstandsfähiger gegenüber Atemwegsviren werden.
Brauchen Stadtkinder mehr Schmutz?
Der Bauernhof-Effekt wird häufig mit der sogenannten Hygienehypothese erklärt: Fehlt dem Immunsystem in der Kindheit der Kontakt mit vielfältigen Mikroben, könnte es später bei eigentlich harmlosen Stoffen wie Pollen oder Hausstaubmilben leichter überschießen.
Das bedeute aber nicht, dass Eltern ihre Kinder weniger waschen oder zu Hause seltener putzen sollten. „Es geht nicht so sehr um persönliche Hygiene, sondern um das Umfeld“, betont Ege. Bauernkinder begegneten viel mehr verschiedenen Umweltkeimen – aus dem Verdauungstrakt der Tiere ebenso wie aus dem Boden.
Das Besondere sei also nicht Schmutz an sich, sondern die große mikrobielle Vielfalt. Viel draußen zu sein und Kontakt mit Boden und Natur zu haben, könne diese Bandbreite erhöhen.
Wie sich mehr dieser mikrobiellen Vielfalt in den Alltag von Stadtkindern bringen lässt, untersuchte etwa ein finnisches Forschungsteam bei drei- bis fünfjährigen Kindern: Dafür wurden zuvor karge Kindergartenhöfe mit Waldboden, Rasen und Pflanzen begrünt.
Bereits nach vier Wochen veränderten sich die Hautflora und bestimmte Marker der Immunregulation – ob die Kinder deshalb später seltener Allergien oder Asthma entwickeln, wurde allerdings nicht untersucht.
Der Bauernhof-Effekt als Nasenspray
Langfristig könnten die neuen Erkenntnisse helfen, den Bauernhof-Effekt medizinisch nachzuahmen. Dabei müssten nicht zwangsläufig lebende Stallbakterien eingesetzt werden. Manche der gefundenen Bakterien könnten lediglich Hinweisgeber für wirksame pflanzliche Substanzen im Tierfutter sein, die im Kuhdarm verstoffwechselt werden.
Diese Stoffe müssen nun isoliert und im Labor untersucht werden. „Man kann sich vorstellen, dass es irgendwann ein Nasenspray gibt, das diese Substanzen in der richtigen Dosierung enthält und die menschlichen Rezeptoren aktiviert“, sagt Ege. Es soll die Atemwege widerstandsfähiger gegen Viren machen und zugleich überschießende Entzündungen verhindern.
Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ob daraus eine sichere vorbeugende Behandlung wird, müssen Zell- und Tierversuche und später klinische Studien zeigen. Fest steht vorerst: Der Bauernhof-Effekt ist wesentlich besser verstanden, Urlaub im Kuhstall ist aber noch keine medizinische Empfehlung.
Die Hygienehypothese geht auf den britischen Epidemiologen David Strachan zurück. Er beobachtete 1989, dass Kinder mit mehreren älteren Geschwistern seltener an Heuschnupfen erkrankten, und vermutete einen schützenden Einfluss früher Kontakte mit Infektionen. Heute wird die Hypothese weiter gefasst: Entscheidend dürfte weniger „Schmutz“ sein als der frühe Kontakt mit einer großen Vielfalt von Mikroorganismen, etwa über Tiere, Pflanzen und naturnahe Böden.
Diese Mikroben helfen vermutlich dabei, die Regulation des Immunsystems auszubilden. Fehlen solche Reize, könnte die Abwehr später leichter auf eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen überschießend reagieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass Kinder Krankheiten durchmachen oder in unhygienischen Verhältnissen leben sollten.
Eindeutig bewiesen ist die Hygienehypothese als einfache Ursache-Wirkungs-Regel bislang nicht, viele Erkenntnisse stammen aus Beobachtungsstudien. Die neue Bauernhofstudie mache den Zusammenhang jedoch deutlich plausibler, sagt Prof. Markus Ege: „Wir können nun die einzelnen Glieder der vermuteten Kausalkette benennen: die Bakterien, ihre Stoffwechselprodukte und die menschlichen Rezeptoren, an denen sie andocken.“
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