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Baby an schlecht aufgelöster Tablette erstickt? Kinderarzt ordnet Fall ein

Ein Säugling einer deutschen Familie bekam nach einer schlecht aufgelösten Vitamin-D-Fluorid-Tablette keine Luft mehr. Ein Wiener Kinderarzt ordnet das Risiko für Babys in Österreich ein.
Das Bild zeigt die Füße eines Babys.

Der tragische Todesfall ereignete sich bereits im Oktober des Vorjahres bei einer deutschen Familie in Österreich, berichtete jetzt die Süddeutsche Zeitung: In Deutschland ist es - im Gegensatz zu Österreich - üblich, dass Säuglinge täglich eine in Wasser aufgelöste Tablette mit Vitamin D und Fluorid erhalten. Auch die deutschen Eltern des drei Monate alten Säuglings handelten routinemäßig so und lösten täglich eine derartige Tablette in Wasser auf.  "Doch an einem schrecklichen Tag im Oktober 2025 bekam das Baby nach der Einnahme plötzlich keine Luft mehr", so die Süddeutsche. Das drei Monate alte Kind starb. 

Deutsche Experten schließen nicht aus, dass die nicht vollständig aufgelöste Tablette die Ursache für den Tod des Säuglings war. Der Wiener Kinderarzt Peter Voitl spricht von einem absoluten Ausnahmefall und verweist darauf, dass in Österreich Säuglinge in der Regel Vitamin-D-Tropfen, aber keine Vitamin-D-Tabletten erhalten.

Voitl betont, dass er zu dem konkreten Fall keine näheren Details kennt. "Ganz allgemein kann ich aber sagen, dass in Österreich Vitamin-D-Tabletten unüblich sind. Bei uns ist die gängige Praxis, Kindern im ersten Lebensjahr Vitamin-D-Tropfen zu geben - und die sind völlig unproblematisch." Die Kombination mit Fluorid sei in Österreich nicht üblich, schon gar nicht in Tablettenform: "Die gibt es seit den 90er Jahren nicht mehr. Ab dem ersten Zahn wird täglich Fluorid-Zahnpasta in der Größe eines Reiskorns empfohlen."

Bei Säuglingen vor dem ersten Zahndurchbruch sei keine Fluoridierungsmaßnahme notwendig, sagt Voitl. "Da ist die Fluoraufnahme über die Ernährung ausreichend." Das steht auch bereits in einem Konsensuspapier der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und der Österreichischen Gesellschaft für Zahnheilkunde (ÖGK) aus dem Jahr 2011.

Aufgelöste Tabletten für Säuglinge: "In Österreich nicht üblich"

Er selbst finde die Praxis, Säuglingen Wirkstoffe über aufgelöste Tabletten zu verabreichen, "ein wenig fragwürdig", sagt Voitl: "Bei gängigen Medikamenten ist das bei uns nicht üblich." Bei den Antibiotika-Engpässen in den vergangenen Jahren gab es zwar Fälle, wo Kindersäfte nicht mehr verfügbar waren: "Aber dann schreibt der Kinderarzt auf das Rezept, dass der Apotheker eine magistrale Rezeptur zubereiten soll, ein  individuell in der Apotheke auf ärztliche Verschreibung hergestelltes Arzneimittel. In diesem Fall wird aus Tabletten ein kindgerechter Saft zubereitet."

Laut Süddeutscher Zeitung handelte es sich bei den von der deutschen Familie in Österreich verwendeten Vitamin-D-Fluorid-Tabletten um ein relativ neues Präparat, bei dem laut Beipacktext der Zerfall der Tablette 1-2 Minuten dauert, und zwar in 5-10 ml Wasser (zwei vollständig gefüllte Teelöffel). Bei einem seit Jahrzehnten in Deutschland verwendete älteren Präparat steht im Beipacktext hingegen nur, dass man das Arzneimittel "in 1 Teelöffel Wasser auflösen bzw. zerfallen" lassen solle.

Zwar haben Säuglinge als Schutz einen sehr guten Hustenreflex: "Kommt ein Fremdkörper in die Luftröhre, können sie ihn - wenn er nicht zu groß ist - mobilisieren und aushusten. Es muss bei dem betroffenen Säugling also ein größeres Tablettenstück gewesen sein, das da hineingerutscht ist."

Generell sei es wichtig, dass Eltern darauf achten, ihren Kindern alle Medikamente so zu verabreichen, "wie es im Beipackzettel steht oder wie der Arzt oder Apotheker es empfiehlt". Und die Gabe von Vitamin D für Säuglinge sei grundsätzlich unverzichtbar: "Ohne Vitamin-D-Tropfen bestehe das Risiko, dass die Kinder an Rachitis erkranken, einer Knochenerkrankung, bei der aufgrund des Vitamin-D-Mangels die Knochen nicht ausreichend fest werden, sich verformen können und massive Wachstumsstörungen die Folge sein können."

Deutsche Behörde: "Immer überprüfen, ob die Tablette vollständig zerfallen ist"

Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat zu dem Todesfall eine Risikoinformation veröffentlicht. Darin ist von einem "Todesfall eines Säuglings im zeitlichen Zusammenhang mit der Anwendung eines Arzneimittels zur Rachitis- und Kariesprophylaxe" die Rede. Die Verabreichung derartiger Tabletten bei Säuglingen und Kleinkindern dürfe "nicht in unaufgelöster Form" erfolgen. "Vor jeder Anwendung bei Säuglingen und Kleinkindern sollte deswegen überprüft werden, ob die Tablette vollständig zerfallen ist."

Und die Behörde betont einen Aspekt, der möglicherweise in dem tragischen Fall eine entscheidende Rolle gespielt hat: "Bei einem Wechsel zwischen verschiedenen Präparaten ist besondere Aufmerksamkeit auf die produktspezifischen Angaben in der jeweiligen Fach- bzw. Gebrauchsinformation zu richten. Abweichungen von den dort beschriebenen Hinweisen können die sichere Anwendung sowie die korrekte Dosierung beeinträchtigen."

 

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