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Wissen Gesundheit
08/25/2021

Feinsinnige Erzählung: Anna, Alzheimer und ihr Klavier

Seit zehn Jahren umsorgt ein Professor im Ruhestand seine demente Frau. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, ohne Gram.

von Uwe Mauch

Zum Abschied drückt sie ihm noch liebevoll einen Kuss auf die Wange. Seit 54 Jahren ist sie mit ihm verheiratet, ja, glücklich verheiratet. Er folgt ihr dann zur Eingangstür, wo bereits ihr ebenso geliebter Trüffelsuchhund „Otto“ – mit dem Schwanz wedelnd – auf sie wartet. Sie wäre wieder ohne ihr Ortungsgerät außer Haus gegangen. Was in jeder Hinsicht nicht gut ist.

Ihr Mann, der Professor im Ruhestand, erinnert sich: „Einmal, es war an einem Winterabend, ist sie in den falschen Bus eingestiegen, ich konnte sie nicht orten, bat dann die Polizei um Hilfe, zwei Polizisten fanden sie kurz vor Mitternacht in einem ganz anderen Bezirk.“

Er leitete eine angesehene Universität, hatte täglich viel mit Menschen zu tun. Seit nunmehr zehn Jahren lebt „Lorenz Nachtigall“, wie er sich in seinem Buch nennt, in erster Linie mit und für seine geliebte Frau. Die nennt er in seinem Buch Anna, um sie vor neugierigen Blicken der Öffentlichkeit zu schützen.

„Ich bin dem Leben nicht böse“, betont der emeritierte Professor im Gespräch mit dem KURIER. Ein sehr guter Freund habe zu ihm gesagt: „Du bist ein Weltmeister im Verdrängen.“ Er hält dagegen: „Ich hatte nie im Leben große Erwartungen. Ich bin damit immer zurechtgekommen.“

15 Minuten sind nunmehr vergangen, seitdem Anna das Haus verlassen hat. Auf dem iPad des Professors ist sie ein kleiner Punkt, der Richtung eines nahen Parks unterwegs ist. Nach exakt 29 Sekunden springt der Punkt ein Stück weiter, näher ran zum Park. „Alles unter Kontrolle.“

Ein Ringen nach Worten

Er lernte seine Anna in Paris kennen. Er war Student und sie war eine wahre Meisterin der Sprache. Umso mehr musste es ihn irritieren, als seiner Frau rund um ihren siebzigsten Geburtstag die Worte ausgingen. „Anfangs fielen ihr ab und zu einzelne Wörter oder Namen nicht ein, nach weiteren zwei Jahren war es ein ständiges Ringen nach Worten. Bald war es in jedem zweiten Satz, dass sie sie nicht mehr weiter wusste.“

Die Diagnose eines von ihm konsultierten Spezialisten war schnell und eindeutig. Der Professor hört die Worte des Facharztes heute noch. Er kann sich nicht erinnern, dass er geschockt war: „Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht wusste, was da noch alles auf mich zukommt.“

Kurz ein Blick auf den Punkt seines Bildschirms: Der hat sich soeben von der vertrauten Route entfernt. Noch kein Grund, um besorgt zu sein, wachsam aber schon.

In seinem Buch schildert der Professor unter anderem, welches Ortungssystem er verwendet und welche Hilfen ihn weniger überzeugt haben. Doch es sind nicht nur seine praktischen Erfahrungen, die pflegenden Angehörigen helfen können, es ist auch die Art, wie er die Krankheit der Partnerin angenommen hat.

Als Forscher analysiert er alles genau, doch er hadert nicht mit seinem Schicksal: „Wenn ich mich in die Welt meiner Frau hineinversetze, kann ich auch viele Momente des Glücks mit ihr erleben.“

Gut, sie kann nicht mehr selbst kochen, aber wenn er ihr zeigt, wie er eine Zwiebel schneidet, dann erinnert sie sich wieder und hilft ihm sehr gerne. Gut, sie kann auch nicht mehr alleine in die Stadt flanieren oder in den Wienerwald wandern gehen, aber wenn er sie zu Fuß oder mit dem Auto wo hinführt, dann jubelt sie minutenlang und umarmt ihn.

Beglückend sei auch: „Sie kann nichts mehr lesen. Aber wenn sie sich an unser Klavier setzt, dann spielt sie genauso schön wie früher. Gerne auch Neues vom Blatt.“ Wohl aus Dankbarkeit hat sie für die beiden Polizisten, die sie nächtens wieder nach Hause gebracht hatten, sogar eine Mozartsonate gespielt.

Ein Lob für die Verirrte

Apropos: Jetzt zeigt das iPad einen verdächtigen Zickzack-Kurs an. Seine Frau scheint von ihrem Weg abgekommen zu sein. Der Professor muss daher mit seinem Auto los und sie wieder zurück in ihre vertrauten Gefilde bringen.

Wenige Minuten später kann er Entwarnung geben: „Meine Frau“, benachrichtigt er, „habe ich an einer belebten Straßenkreuzung geholt. Sie wusste nicht mehr, wo sie war und wie sie nach Hause zurückkehren könnte.“

Er habe sie dessen völlig ungeachtet gelobt, im Wissen, dass Alzheimer-Patienten nur selten Anerkennung erhalten. Wohl auch ein Grund, warum Anna in Restaurants nach dem Essen aufsteht und das Geschirr in die Küche trägt.

Der Autor: Das „Ich“ in diesem Sachbuch nennt sich aus Rücksicht auf seine Frau  Lorenz Nachtigall. Er ist seit seiner Pensionierung ein emeritierter Professor.

Sein Buch: „Anna, Alzheimer und ich. Bericht eines pflegenden Angehörigen über ein glückliches, erfülltes Leben“, myMorawa, 215 Seiten, 13,20 Euro.

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