Psychische Gesundheit: Dieser Erziehungswert schützt Kinder

Angststörungen nehmen zu: Welche Rolle der Verlust von Orientierung und Gemeinschaft dabei spielen könnte.
Hands of a group of multinational people which stay together in circle.

Immer mehr junge Menschen weltweit leiden unter Angststörungen. Ein Team des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität Bochum hat untersucht, wie diese Entwicklung mit gesellschaftlichen Erwartungen und Erziehungswerten zusammenhängen könnte.

  • Ein Ergebnis der Studie: Dort, wo „religiöser Glaube“ als Erziehungsziel im Lauf der Jahre an Bedeutung verlor, stieg die Häufigkeit von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen tendenziell stärker. 

Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift Developmental Science. Für ihre Arbeit werteten die Forschenden Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten aus und betrachteten Entwicklungen über mehr als drei Jahrzehnte. 

Darüber hinaus flossen Kulturdaten des World Values Survey in die Untersuchung ein. Dieses globale Netzwerk der Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben. 

Werte-Wandel in der Erziehung

„Über die Zeit haben sich die Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit  verändert“, sagt der Hauptautor Leonard Kulisch.   In vielen Gesellschaften sei hier ein deutlicher Wandel zu beobachten.  

Die meisten Eltern erachten es heute für wichtiger, Eigenständigkeit und Individualität  vermehrt zu fördern und zu betonen – anders als früher. Dieser Zusammenhang fand sich vor allem in westlichen Ländern.

Wie Glaube verbindet

Über alle Kontinente hinweg fiel den Forschenden  eine weitere Verknüpfung auf: Dort, wo religiöser Glaube als gewünschte Eigenschaft bei Kindern stärker betont wurde, traten im Zeitverlauf tendenziell weniger Angststörungen auf.  

Kulisch vermutet, dass es dabei nicht nur um Religion selbst geht, sondern auch um das, was oft mit ihr verbunden ist: Zugehörigkeit, Orientierung, Rituale und ein Gefühl von Sinn.

Einsamer, brüchiger, weniger stabil

„Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern“, sagt Kulisch. Doch in westlichen Ländern habe die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß überschritten.

Wo solche Ressourcen schwächer werden, könnte eine Lücke entstehen. Familien seien womöglich einsamer, soziale Netzwerke weniger stabil, Routinen im Alltag brüchiger. 

Solche Faktoren gelten als wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, so die Überlegung.

„Gemeinschaft schützt

Ein möglicher praktischer Schluss: Wenn Religion als Quelle von Gemeinschaft und Orientierung an Bedeutung verliert, braucht es andere Orte, die Kindern und Jugendlichen genau das geben. Genannt werden Vereine, Gruppenaktivitäten und zivilgesellschaftliches Engagement.

Auch Kindergärten und Schulen könnten gezielt dazu beitragen, Zugehörigkeit, stabile Beziehungen und gemeinsame Rituale zu stärken.

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