Jeder Fünfte leidet an Adipositas: Warum Schuldzuweisungen weiter schaden
Auch Mediziner und Medizinerinnen sind nicht frei von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Adipositas.
Adipositas und Übergewicht werden von vielen in Österreich als individuelles Versagen verstanden. Die Schuld für starkes Übergewicht wird häufig den Betroffenen selbst zugewiesen, anstatt anzuerkennen, dass es sich um eine chronische Erkrankung mit erheblichem Leidensdruck handelt. Das geht aus einer aktuellen Erhebung des Marktforschungsinstituts IMAS sowie des Pharmakonzerns Eli Lilly anlässlich des Welt-Adipositas-Tages am 4. März hervor.
85 Prozent der Befragten sehen ungesunde Ernährung als Ursache für Adipositas, 80 Prozent führen die Erkrankung auf Bewegungsmangel zurück. Jeder Zweite (54 %) sieht psychische Belastungen oder genetische Veranlagung (46 %) als Auslöser, 29 Prozent sehen soziale Einflüsse als ursächlich. Damit stehen vor allem verhaltensorientierte Faktoren, weniger aber medizinische oder biologische Gründe im Vordergrund des gesellschaftlichen Bildes.
Jeder zweite Befragte (54 %) glaubt, dass Adipositas durch Eigenverantwortung vorgebeugt bzw. vermieden werden kann. „Tatsächlich gibt es viele Ursachen für Adipositas. Dass die Erkrankung häufig einer Charakter- oder Willensschwäche zugeschrieben wird, fördert bei Betroffenen aber sozialen Rückzug und erhöht ihren Leidensdruck“, sagte Mario Haller, Geschäftsführer von Lilly Österreich bei der Präsentation der Erhebung. Adipositas verdiene dieselbe medizinische Ernsthaftigkeit wie andere chronische Erkrankungen. „Dazu gehören Aufklärung, Zugang zu Therapieoptionen und ein respektvoller Umgang mit Menschen“, betonte Haller.
Ein Fünftel der Befragten erfüllt Kriterium für Adipositas
Laut der aktuellen Erhebung ist ein Fünftel der Befragten selbst adipös, definiert über einen Body Mass Index (BMI) größer 30 kg/m². Weitere 30 Prozent haben Übergewicht (BMI zwischen 25 und 29,9 kg/m²). Der durchschnittliche BMI liegt in Österreich bei 26,9 und damit im Bereich des Übergewichts. Für die Diagnosestellung fließen zudem weitere Faktoren mit ein, etwa der Körperfettanteil oder adipositasbedingte Begleiterkrankungen und Beschwerden. Dazu zählen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes-Typ-2, Herz-Kreislauferkrankungen oder Lungenerkrankungen.
Bereits 81 Prozent der Menschen mit Adipositas haben sich aktiv mit Gewichtsmanagement beschäftigt. Aber nur etwas mehr als ein Viertel (26 %) waren deswegen in den vergangenen 12 Monaten beim Arzt. „Viele, die zum Arzt kommen, haben schon einiges probiert, um abzunehmen. Vielfach wurde ihnen auch gesagt, sie müssen abnehmen, aber die große Frage ist, wie dies gelingen kann. Für viele Betroffene ist das Thema sehr schambehaftet und erfordert eine ganzheitliche Therapie“, sagte Bianca-Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft.
Grenzüberschreitungen sind häufig und erhöhen den Leidensdruck
Vielfach komme es im Alltag zu Grenzüberschreitungen, wenn Menschen mit Adipositas mit ihrem Körpergewicht konfrontiert werden. Das reiche von gut gemeinten, aber wenig wirksamen Tipps wie „Iss‘ doch weniger“ bis hin zu beleidigenden Kommentaren. Auch im Gesundheitswesen brauche es teilweise mehr Empathie und Respekt gegenüber Menschen mit Adipositas. Itariu: „Wenn jemand mit Adipositas wegen einem bestimmten Problem zum Hausarzt kommt, das nicht mit dem Übergewicht zu tun hat, sollte dieser zuerst fragen, ob es okay ist, auch das Gewicht anzusprechen. Vielfach wird das Gewicht zum Thema gemacht, obwohl es nicht immer im Vordergrund steht.“
Neue Hoffnung für Menschen mit Adipositas brachten die Abnehm-Medikamente, mit denen bis zu ein Viertel des Körpergewichts abgenommen werden kann. Sie werden laut Itariu von Patientenseite sehr positiv gesehen, was sich auch daran zeigt, dass viele bereit sind, die hohen Kosten von bis zu mehreren hundert Euro pro Monat je nach Medikament, selbst zu tragen.
Derzeit gibt es nur wenige Ausnahmen, wann die Kosten für die Abnehm-Medikamente übernommen werden. Die meisten Betroffenen müssen diese privat zahlen. „Fortschritte hinsichtlich einer Kostenübernahme schreiten langsam voran, wir stehen aber in Kontakt mit den Sozialversicherungsträgern“, so Itariu.
Viele Patienten würden die Medikamente gut annehmen und hätten erstmals ein Werkzeug in der Hand, mit dem Abnehmen gelingt. Es brauche dazu aber eine gute ärztliche Begleitung, in der auch mögliche Nebenwirkungen und Erwartungen angesprochen werden. Zudem dürften auch weitere Therapien nicht vernachlässigt werden, etwa in den Bereichen Ernährung und Bewegung, psychologische und psychotherapeutische Begleitung sowie gegebenenfalls bariatrische Operationen, also Maßnahmen zur Verkleinerung des Magens bei schwerer Adipositas.
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