Abnehmspritze: Drei Experten sagen, wohin die Medizin nun steuert

Wie sich der Blick auf Übergewicht verändert hat, was die Medikamente von heute können – und wie die Therapie von morgen aussehen dürfte.
White plate with round whatch shows six o'clock served knife and fork in a girl's hands on a blue background. Time to eat and diet concept. Top view.

Zusammenfassung

  • Adipositas wird zunehmend als komplexe chronische Erkrankung anerkannt, nicht als individuelles Versagen.
  • Moderne Medikamente wirken über hormonelle Mechanismen, ermöglichen deutlichen Gewichtsverlust, sind aber keine Heilung und erfordern oft dauerhafte Einnahme.
  • Die Behandlung erfordert einen ganzheitlichen Ansatz aus Medikamenten, Bewegung, psychologischer Unterstützung und gesellschaftlicher Entstigmatisierung.

"Sie müssen abnehmen“: Jahrelang war das die simple Standardantwort auf ein komplexes Problem. Zu viel Gewicht erschien einzig als Frage von Disziplin, Bewegung, Kalorien, Willenskraft. Wer dick war, bekam Ratschläge, manchmal auch Vorwürfe – aber oft keine Hilfe, die den Menschen wirklich gerecht wurde. Das ändert sich gerade deutlich – mit einem neuen Blick auf die Betroffenen.

Adipositas wird nicht mehr als individuelles Scheitern verstanden, sondern als komplexe chronische Erkrankung. „Man ist davon abgekommen, sie als persönliches Versagen zu betrachten“, sagt der Klinische Pharmakologe Markus Zeitlinger. Die Vorstellung, man müsse nur weniger essen, greife zu kurz. Ein Perspektivenwechsel, der zentral ist, auch im Hinblick auf Therapien.

Mehr als eine Zahl auf der Waage

Übergewicht ist außerdem nicht gleich Übergewicht, und Adipositas nicht nur ein kosmetisches Thema. „Früher hat man Adipositas mit Abnehmen gleichgesetzt“, betont die Endokrinologin Bianca-Karla Itariu

Heute sei klarer, dass das viel zu kurz greife. „Die Behandlung der Adipositas zielt auf weit, weit mehr ab als auf eine simple Zahl auf der Waage.“ Es gehe um biologische, hormonelle, genetische, psychische und soziale Faktoren – und darum, wer tatsächlich krank ist und wer welche Hilfe und Therapie braucht. Damit erlebt die Adipositasmedizin einen bedeutenden Umbruch, Abnehmspritzen sind da nur der Beginn eines Paradigmenwechsels. Die Entwicklung geht also weiter – aber in welche Richtung?

Man nimmt ab, weil man mit Hilfe dieser Medikamente schlicht weniger isst.“ 

von Markus Zeitlinger, Klinischer Pharmakologe, MedUni Wien

Sättigungssignale

Zunächst ein Blick auf derzeit verfügbare Medikamente: Aktuell dominieren Wirkstoffe, die auf GLP-1 setzen, teils bereits in Kombination mit GIP. Diese Darmhormone werden im Körper nach dem Essen freigesetzt und helfen dem Organismus dabei, auf Nahrung zu reagieren – vor allem, indem sie die Insulinausschüttung ankurbeln, wenn der Blutzucker steigt. Heißt: „Sie signalisieren dem Gehirn: Es ist genug da, du musst nicht weiter essen“, so Zeitlinger. 

Auf dieser Basis wirken moderne Medikamente vor allem über drei Achsen: 

  • Sie dämpfen den Appetit,
  • verlangsamen die Magenentleerung
  • und verbessern die Insulinwirkung

Den Kernmechanismus beschreibt Zeitlinger bewusst nüchtern: „Man nimmt ab, weil man mit Hilfe dieser Medikamente schlicht weniger isst.“ Deshalb sind sie keine Mittel, mit denen man bei gleicher Nahrungsmenge trotzdem abnimmt. Wichtiger Punkt – gerade in einer Zeit, in der die Präparate oft wie Wundermittel besprochen werden.

Deutlicher Gewichtsverlust

Kaum erstaunlich, denn die Therapie hat sich in eine Richtung bewegt, die vor wenigen Jahren noch kaum denkbar schien. Innerhalb kurzer Zeit können Menschen deutlich Gewicht verlieren – mit Folgen, die weit über die Zahl auf der Waage hinausgehen. 

Eine Erfolgsgeschichte – und die nächste Generation der Adipositasmedikamente zeichnet sich bereits ab. Zum Beispiel mit Abnehmpillen, die – nach den USA – auch bald in Österreich auf den Markt kommen werden. 

„Das ist aktuell das Auffälligste, was sich bei allen Substanzen tut: die Umwandlung von der Spritze zur Tablette“, sagt Zeitlinger. Das ist ein entscheidender Wendepunkt für viele Betroffene. Es geht noch weiter Manche Firmen testen Medikamente, die nur einmal im Monat eingenommen werden müssen, parallel dazu rücken neue Kombinationen näher. 

Die so genannte „dritte Generation“, die weitere Hormone hinzufügt. Zeitlinger beschreibt hier zwei Hauptstoßrichtungen. Die eine ergänzt mit Glukagon, ein körpereigenes Hormon, das den Blutzucker anhebt. „Spannend ist daran, dass es nicht nur auf Appetit und Stoffwechsel wirkt, sondern möglicherweise auch den Energieverbrauch erhöht – und damit die Gewichtsabnahme zusätzlich antreibt.“ 

Die andere Stoßrichtung ergänzt Amylin. Ein natürliches Sättigungshormon aus der Bauchspeicheldrüse, das unter anderem dafür sorgt, dass man langsamer verdaut und sich schneller satt fühlt. 

„Hier geht es um die Verstärkung der bestehenden Wirkung“, sagt Zeitlinger. Wichtig: Diese Dreifachkombinationen sind noch nicht zugelassen und somit für alle verfügbar. Mit dem therapeutischen Fortschritt kommt allerdings eine unbequeme Wahrheit: Diese Medikamente heilen Adipositas nicht einfach. 

„Sobald man aufhört mit der medikamentösen Therapie, nehmen die meisten wieder zu“, sagt Zeitlinger. Das ist kein überraschender Sonderfall, sondern typisch für chronische Erkrankungen. Der Arzt nennt ein Beispiel: „Auch Medikamente gegen Bluthochdruck setzt man nicht einfach ab, um zu sehen, ob es jetzt vielleicht von allein geht“. 

Für Adipositas bedeute das: Ein Teil der Betroffenen wird diese Therapien wahrscheinlich langfristig brauchen.

"Stigmatisierung führt dazu, dass sich Menschen zurückziehen, weniger Arztbesuche wahrnehmen und sozial interagieren.“ 

von Bianca-Karla Itariu, Endokriologin

Mehr Mobilität, mehr Vitalität

Das klingt ernüchternd, relativiert aber nicht ihren Nutzen. Doch die Frage nach Nebenwirkungen bleibt legitim. Zeitlinger verweist darauf, dass diese zwar bekannt seien – etwa Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall –, insgesamt aber derzeit kein klares Signal für schwerwiegende neue Probleme vorliege. 

Langfristig genauer beobachten müsse man seltene Nebenwirkungen, etwa an Gallenblase oder Bauchspeicheldrüse sowie die Frage, wie sich die Medikamente auf die Muskelmasse auswirken. Das sei relevant, weil diese eng mit gesundem Altern zusammenhänge. 

Gleichzeitig sieht der Klinische Pharmakologe vieles, was sich für Patientinnen und Patienten deutlich verbessert: mehr Mobilität, besserer Schlaf, höhere Vitalität, oft auch weniger depressive Symptome. Aus seiner Sicht keine magische Zusatzwirkung, sondern vor allem Folge davon, dass es Menschen mit weniger Gewicht besser geht.

Adipositas ist nie nur ein Stoffwechselthema. Sie ist auch eine soziale Erfahrung, oft eine schmerzhafte. Itariu betont, dass die psychische Komponente bei Adipositas Auslöser, Folge oder Verstärker sein kann – je nach Biografie, Erkrankungen, Alter und sozialem Umfeld. 

Stigmatisierung führt dazu, dass sich Menschen zurückziehen, weniger Arztbesuche wahrnehmen und sozial interagieren.“ Andere hätten ein stabiles Umfeld und machten diese Erfahrung weniger stark. „Es gibt nicht den einen Phänotyp. Und: „Es kann fast jeden treffen.“

Medikament ist kein Lifestyle-Produkt

Gewichtszunahme hat sehr unterschiedliche Ursachen: genetische und hormonelle Faktoren, Medikamente, psychische Erkrankungen, eingeschränkte Beweglichkeit, soziale Belastungen. 

Itariu kritisiert zudem die moralisch aufgeladene Debatte rund um Abnehm-Medikamente. Für sie sind das weder Lifestyle-Produkte noch etwas, wovon man „Fan“ sein kann. Es sind Medikamente mit Indikationen, Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen. 

Deshalb brauche es Aufklärung und gemeinsame Entscheidungen zwischen Arzt und Patient, nicht Moralisierung und den reflexhaften Vorwurf, Betroffene würden es sich „leicht machen“. Ihr Blick in die Zukunft geht deshalb weiter:  Sie hofft nicht nur auf bessere Medikamente, sondern auch auf Prävention, Antidiskriminierung und strukturelle Veränderungen. 

„Wir können nicht nur auf der Therapieebene herumdoktern“, sagt sie. Wer Adipositas ernst nehme, müsse auch über ein Umfeld sprechen, das Gewichtszunahme systematisch begünstigt.

Auch der Internist Josef Niebauer sieht in der Praxis jeden Tag, wie wenig der alte Tonfall bringt. „Es reicht nicht, Betroffenen zu sagen, sie sollten „ein bisschen abnehmen“ oder sich „mehr bewegen“. Solche Appelle seien medizinisch wertlos. 

Die meisten Menschen mit Adipositas wüssten längst, dass ihr Gewicht ein Problem ist, haben unzählige Diäten hinter sich und sind sich bewusst, dass zu viel Essen ungesund sei – trotzdem funktioniere nachhaltige Veränderung oft nicht. „Entscheidend ist also nicht das Wissen, sondern was daraus im Alltag gemacht wird.“

 „Es reicht nicht, Betroffenen zu sagen, sie sollten „ein bisschen abnehmen“ oder sich „mehr bewegen."

von Josef Niebauer, Internist und Sportmediziner

Keine Frage der Disziplin

Für ihn ist das keine banale Frage mangelnder Disziplin, sondern eine komplexe Mischung aus Gewohnheit, psychischer Bewältigung, Alltag, Bewegungsmangel und oft auch suchtähnlichen Mustern. Essen könne Trost und Belohnung sein; zugleich sei die moderne Lebenswelt darauf ausgerichtet, Bewegung zu vermeiden. Genau deshalb brauche es mehr als den Rat, sich „einfach zusammenzureißen“.

Es braucht realistische Ziele, genaue Pläne, Begleitung, Kontrolle. „Gemeinsam mit den Patienten sollte festgelegt werden, welches Ziel erreichbar ist, in welchem Zeitraum und mit welchen Schritten. 

Dieser Plan muss individuell passen, frühere Erfahrungen berücksichtigen und regelmäßig überprüft werden.“ Bewegungstherapie müsse so beginnen, dass sie überhaupt machbar ist. Niebauer: „Für manche heißt das anfangs nur: jeden Tag um den Häuserblock gehen, immer zur selben Zeit. Im Kalender eingetragen. Später könne man Dauer, Tempo und Umfang steigern.“ 

Die neuen Abnehm-Medikamente sieht er als Chance, aber nicht als Allheilmittel. Ihr Vorteil sei, dass Menschen erstmals spüren können, wie sehr sich weniger Gewicht auf die Lebensqualität, Belastbarkeit und den Alltag auswirkt. Dies könne motivieren, sein Leben tatsächlich zu verändern.

Medikamente als Türöffner

Darin aber liege die Stärke der Medikamente: Sie können ein Türöffner sein. Mit Blick auf die kommenden fünf bis zehn Jahre erwartet Niebauer die schnellsten Fortschritte bei Medikamenten und anderen äußeren Eingriffen, wie der bariatrischen Chirurgie (etwa Magenverkleinerung). Der Grund sei einfach: Alles, was „von außen“ kommt, wirke schneller als eine Verhaltensänderung, die Menschen selbst leisten müssen. Die Medikamente sind kein Wunder, sondern für viele eine Chance.

Die Zukunft der Adipositasmedizin wird daher nicht allein in der Spritze oder in einer Pille liegen. Sie wird aus mehreren Ebenen bestehen: aus wirksameren und leichter zugänglichen Medikamenten, aus Struktur statt Schuldzuweisung, aus Bewegung und Ernährungsbegleitung, aus psychologischer Unterstützung – und hoffentlich aus einer Gesellschaft, die Menschen mit Adipositas nicht bewertet, sondern gleichbehandelt.

Kommentare