Wissen
02/20/2019

Star-Forscher Johannes Krause: Wir sind alle Migranten

Der deutsche Genetiker erklärt in seinem neuen Buch, warum Mitteleuropäer zu gut 50 Prozent anatolische Ackerbauern sind.

Wir sind allesamt Migranten. Und miteinander verwandt. Das sagt Johannes Krause. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena hat sein Wissen über Migration, Sex mit Neandertalern und darüber, was den Mensch zum Menschen macht, in ein laientaugliches Buch gepackt.

 

Zur Person

Johannes Krause

Der deutsche Archäogenetiker ist erst 38 Jahre alt und hat bereits an der Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms mitgewirkt sowie eine neue Urmenschenart, den Denisova-Menschen, entdeckt. Seit 2014 ist er Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena mit 120 Mitarbeitern. Dort analysiert er urgeschichtliche Migrationsströme, indem er nach alter DNA in Knochen sucht.

Mit Hilfe dieses Archäogenetik genannten Wissenschaftszweiges kann man nicht nur genetische Profile der Verstorbenen erkennen, sondern auch, wie sich Erbanlagen in Europa ausbreiteten, also wann und woher unsere Vorfahren kamen. Das Journal Nature bezeichnet Krause als „aufgehenden Stern in der Forschung mit  alter DNA“.

KURIER: Ihr Buch „Die Reise der Gene“ ist starker Tobak für Nationalisten – auf Seite 10 schreiben Sie „Mobilität liegt in der Natur des Menschen“ . . .

Johannes Krause: Schaut man auf die Evolution der vergangenen sieben Millionen Jahre, erkennt man, dass der Mensch ein Jäger und Sammler war. Und hypermobil. Die heutige Zeit ist keine Ausnahme. Das Konzept der starren Grenzen und Nationalstaaten hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben. Es ist ein politisches Konzept, das wir im Moment leben.

Sie beschreiben die verschiedenen Migrationswellen nach Europa. Die wichtigsten?

Vor ungefähr 45.000 Jahren begann der moderne Mensch aus dem Nahen Osten und Nordostafrika einzuwandern und sich zum Teil mit den lokalen Neandertalern zu vermischen. Darum stecken in jedem von uns ein bis zwei Prozent Neandertaler. Die nächste große Einwanderung fand dann vor etwa 8000 Jahren statt. Da kamen Ackerbauern aus dem Osten. Wenn wir uns anschauen, woher die Gene der Mitteleuropäer stammen, so kommen sie zu 50 Prozent von Bauern, die aus Anatolien eingewandert sind. Wir sind also zu mehr als der Hälfte anatolischer Ackerbauer und zu zwei Prozent Neandertaler. Vor 4800 Jahren brachte eine neue Welle ein weiteres Viertel der Gene, die wir heute in Mitteleuropa vorherrschend haben. Das verbleibende Viertel entfällt auf die Gene der Jäger und Sammler – tief verwurzelte Ureuropäer gab es nie.

 

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Die Einwanderungswelle vor 8000 Jahren erfolgte über die heute viel zitierte Balkanroute, und die vor 4800 Jahren?

Über die Ukraine, nördlich des Schwarzen Meeres. Diese Menschen hatten Pferde, Rad und Wagen neu entwickelt. Darum waren sie auch so mobil. Sie breiteten sich in ganz Europa aus, was wir an der Genetik der Menschen erkennen, die sich zu dieser Zeit stark verschob.

Das Genom hat sich innerhalb von fünf Generationen komplett umgekrempelt. Wie das?

Da kann man nur spekulieren. Wir sehen, dass der Umbruch sehr stark durch männliche Gene dominiert ist. Fast 90 Prozent der alten Y-Chromosomen wurden verdrängt. Das waren sicher männerdominierte mobile Gruppen, die sich mit den lokalen Frauen vermischten. Da kann man alle möglichen Szenarien daraus stricken, ich weiß aber nicht, was wirklich passiert ist.

Was Sie aber wissen, ist, dass Europa damals ziemlich entvölkert war.

Ja, ehe diese Einwanderungswelle kam, gab es einen Bevölkerungskollaps. Wir haben Hinweise auf Krankheitserreger – die Pest breitete sich zu dieser Zeit erstmals aus. Vielleicht ist es zu einer Pandemie gekommen. Verbunden mit klimatischen Änderungen, könnte die Population so dezimiert worden sein, dass Einwanderer den Lebensraum besser ausnutzen konnten.

Die Migration vor 5000 Jahren ist die letzte genetisch nachweisbare. Wie schaut es mit der aktuellen aus?

Die Menge an Genen, die in den vergangenen Jahren aus dem Nahen Osten nach Europa kam, ist nur ein winziger Bruchteil von dem, was sich vor 5000 oder 8000 Jahren abgespielt hat. Um ein ähnliches Phänomen wie damals zu erleben, müsste eine Milliarde Einwanderer alleine nach Deutschland kommen. Davon sind wir drei Kommastellen weit entfernt. Insofern ist das überhaupt nicht vergleichbar.

 

Warum haben viele Menschen Angst vor dem Fremden?

Das hat mit der Evolution des Menschen zu tun. Wir waren lange Jäger und Sammler und haben in kleinen Gruppen mit 20 bis 30 Individuen gelebt. Ganz anders als Bienen, die in einem großen Staat mit Millionen von anderen Tieren leben.

Das Konzept der Völker und Rassen ist ebenfalls überholt?

Als Biologe muss ich sagen, dass es diese Abgrenzung nicht gibt. Gut: Sie sind eine Österreicherin, ich bin ein Deutscher – aber das hat nichts mit Biologie zu tun, es ist etwas, das wir definiert haben. Man kann immer wieder nur sagen: Wir sind genetisch gesehen Afrikaner. Der „Ureuropäer“ war afrikanischer als der anatolische Ackerbauer, der vor 8000 Jahren einwanderte. Wenn die Menschen aus diesen Fakten etwas anderes machen, kann man es niemandem verwehren. Wir leben in einer postfaktischen Zeit.

 

Buchtipp

Johannes Krause/Thomas Trappe: "Die Reise unserer Gene." Propyläen-Verlag. 22 €.

Ab Freitag in den Buchhandlungen.