Wissen
22.11.2018

Forscher enthüllen: Das schrecklichste Jahr unserer Zeitrechnung

Ein internationales Forscherteam datiert die bisher menschenfeindlichste Zeit auf das Jahr 536.

Früher war alles besser, lautet ein geläufiges Sprichwort. Dass die Botschaft dahinter recht kurzsichtig ausfällt, konnten Forscher jetzt belegen.

Ein internationales Team von Historikern, Geologen und Archäologen identifizierte nun die Mitte des 6. Jahrhunderts als jene Zeit, in der der Mensch den bisher widrigsten Lebensumständen ausgesetzt war. Damit verorten die Experten die leidvollste Periode der Menschheit nicht etwa um 1349, als die Pest beinahe die Hälfte der Bevölkerung in Europa dahinraffte. Oder im Jahr 1918, als die Grippe 50 bis 100 Millionen Menschen das Leben kostete.

Ernteausfall, Hungersnot, Seuchenausbruch

Auch den Ursachen der leidvollen Bedingungen ging man nach – und förderte spannende Erkenntnisse zutage. "536 war womöglich das schlimmste Jahr für Europa – und der Beginn von der vielleicht schlimmsten Epoche aller Zeiten hier", sagte der an der Erhebung beteiligte Historiker und Archäologe Michael McCormick von der Harvard University gegenüber dem Magazin Science.

Den Beginn dieser katastrophalen Periode markiert demnach das Jahr 536. Historische Aufzeichnungen aus Europa, dem Nahen Osten und Ostasien belegen, dass sich der Himmel damals verdunkelte, die Sonne tagelang verschwand, dichter Nebel aufzog und plötzlich Kälte einbrach. Rund 18 Monate hielten die Bedingungen an.

541 brach schließlich in Ägypten die Pest aus, verbreitete sich rasch und forderte zahlreiche Opfer unter der geschwächten Bevölkerung – sie galt als eine der Ursachen für das Ende des Oströmischen Reichs. Ab dem Jahr 542 plagten die Menschen schließlich nicht nur Kälte und Hunger, auch wirtschaftliche Stagnation machte der Menschheit zu schaffen.

Lange hatten Experten gerätselt, was die Verdunkelung der Sonne und die folgenden Ernteausfälle und Hungersnöte damals ausgelöst haben könnte. Vieles deutete auf einen Vulkanausbruch hin, durch den sich eine riesige Aschewolke über die nördliche Hemisphäre legte. Wo genau dieser stattgefunden haben könnte, schien bisher schwer zu eruieren.

Ursache örtlich festgemacht

In der im Fachblatt Antiquity veröffentlichten Studie gingen die Forscher dieser Frage mit Untersuchungen an Eisbohrkernen vom Schweizer Colle Gnifetti in den Alpen nach. Laut ihren Daten explodierte 536 ein Vulkan auf Island, der Asche, Rauch und Schwefelsäure großflächig über der Nordhalbkugel verteilte. Auf diese Katastrophe folgten zwei weitere massive Ausbrüche 540 und 547. Schicksalhaft war vor allem das Ereignis 540, durch das die Sommertemperaturen erneut um 1,4 bis 2,7 Grad Celsius fielen.

Entscheidender Nachweis waren kleine vulkanische Partikel im Schweizer Eis, die Vergleichsmaterial aus Island ähneln. Weitere Studien sollen gezielt nach diesem Material in anderen Teilen Europas suchen – etwa in Seesedimenten –, um den isländischen Ursprung bestätigen zu können. Zudem soll eine Rekonstruktion der Wetterbedingungen und Windsysteme erfolgen, die dafür gesorgt haben, dass die letztlich tödliche Wolke ihren Weg nach Europa und Asien fand.

100 Jahre Krise

Die wiederholten Ausbrüche, gefolgt von der Pest, stürzten Europa in eine wirtschaftliche Krise, die bis 640 anhalten sollte. Beweise für die Erholung der Lage fanden die Forscher ebenfalls im Eis: Ein Höchstwert an Blei deutete starke Luftverschmutzung mit dem giftigen Schwermetall an – als Folge des Wiederauflebens des Silberbergbaus und der hohen Nachfrage nach Silber, das aus Bleierzen gewonnen wurde.