Wissen und Gesundheit
19.01.2013

Fäkalien als Darm-Therapie

Schwere Darminfektionen werden mit Stuhlproben von anderen geheilt

Der Gedanke, den Stuhl eines anderen verabreicht zu bekommen, toppt sogar die Ekelprüfungen im RTL-Dschungelcamp. Im Kampf gegen den gefürchteten Durchfallkeim Clostridium difficile scheint das allerdings die derzeit effektivste Methode zu sein, belegt eine aktuelle Studie der Universität Amsterdam.

Der Gastroenterologe Josbert Keller berichtet im New England Journal of Medicine, dass er die Studie frühzeitig abgebrochen hat, weil die Behandlung so sensationell erfolgreich war. Während die übliche Antibiotika-Therapie nur vier von 13 Patienten heilen konnte, war die Fäkal-Therapie bei 15 von 16 Personen erfolgreich. Bei dieser Methode wurden den Patienten die heilbringenden Bakterien über eine Nasensonde verabreicht.

Im KURIER-Interview erklärt der Infektionsspezialist Univ.-Prof. Wolfgang Graninger von der MedUni Wien, warum die Angst vor antibiotikaresistenten Keimen unberechtigt ist und welche Wege der Medizin gegen resistente Keime bleiben.

KURIER: Schätzungen zufolge stecken sich jährlich 55.000 Patienten mit Spitalskeimen an. Die Medizin scheint bei der Behandlung immer öfter anzustehen – ist das so?
Wolfgang Graninger: Es wird immer von steigenden Resistenzen und fehlenden neuen Substanzen gesprochen. Der falsche Gebrauch von antimikrobiellen Substanzen (wie z. B. Antibiotika, Anm.) ist aber die Ursache für diese Resistenzen. Der wesentliche Punkt ist der schonende Umgang mit Antibiotika. Man muss möglichst Schmalspektrum-Antibiotika verwenden. Superbreitband-Antibiotika wie zum Beispiel Peneme müsste man bewilligungspflichtig machen.

Am meisten wird der Keim Clostridium difficile gefürchtet – was ist so gefährlich daran?
Das Schlimme ist, je breiter wirksam das Antibiotikum, desto mehr unschuldige Bakterien werden getroffen – die lebenswichtigen Darmbakterien. Wir haben im Darm eine herrliche Landschaft wie in einem Mischwald mit Bäumen, Sträuchern und so weiter. Bei Antibiotika kommt jemand mit einer Motorsäge und sägt alle Bäume um – was bleibt über? Die Antibiotika killen alle Bakterien – nur Clostridium difficile überlebt. Vor dem haben alle Angst, weil der aus Rache ein Gift bildet. Und das produziert 14 Durchfälle am Tag. Es kann nicht sein, dass jemand für eine Hüftoperation ins Spital kommt, da bekommt er eine Dosis Antibiotika, die Darmflora verabschiedet sich, Clostridium difficile macht ihm 14 Durchfälle und dann stirbt er mir am Durchfall. Das ist grotesk, aber es ist schon passiert.

Was war bisher die Therapie der Wahl?
Ein weiteres Antibiotikum, Metronidazol. Es killt den letzten Überlebenden in der Darmflora, Clostridium difficile, damit er kein Gift mehr produzieren kann und danach muss der Patient seine Darmflora wieder aufbauen. Das Schwierige ist, dass das Metronedazol nicht mehr so wirkt wie früher.

Wie funktioniert diese Stuhl-Transplantation?
Das Gescheiteste gegen die Clostridium difficile wäre, ich forste die Darmflora wieder auf. Das kann man machen, indem man den Patienten seinen eigenen Stuhl oder den einer anderen Person zurückgibt. Dann ist die Darmflora innerhalb kürzester Zeit wieder aufgebaut. Dabei werden die Bakterien aus dem Stuhl extrahiert und als Einlauf oder in Form einer Kapsel, die sich erst im Darm auflöst, verabreicht. Am gescheitesten wäre, jeder lässt eine erbsengroße Stuhlprobe bei –20 Grad einfrieren. Das ist wie eine Lebensversicherung. Allerdings hat die Methode bisher nicht so richtig gegriffen. Sie ist intellektuell das Richtige, aber nicht emotionell.

Welche Möglichkeiten bleiben den Patienten?
Zum Glück gibt es ein neues Medikament, das wirkt wie Metronidazol. Der Effekt ist wunderbar und verhindert Sporenneubildung. Weil es sehr teuer ist, verwenden wir das allerdings erst in zweiter Wahl.

Wie hilfreich sind Getränke, Joghurts und Pulver zum Aufbau der Darmflora?
Die sind alle ein Unsinn. Eine Firma stellt ein Präparat mit zehn verschiedenen Darmbakterien her. Das ist zumindest ein besserer Ansatz. In Zukunft wird es Präparate mit 100 Bakterien geben, um zumindest einen kleinen Effekt zu erzielen.

Sind antibiotikaresistente Antibiotika nun eine Bedrohung?
Die Angst ist unberechtigt. Man muss es nur richtig machen. Wir haben in Österreich sehr niedrige Resistenz-Raten. Niedriger sind sie nur noch in Holland und in Skandinavien. Wir glauben fälschlich, dass wir neue Antibiotika brauchen. Der springende Punkt ist, dass alte Antibiotika, die wir schon in den Mistkübel geschmissen haben, plötzlich wieder eine hervorragende Wirkung haben. Die sind zum Beispiel das Mittel der Wahl gegen den Krankenhauskeim MRSA.