Wenn die erste große Liebe des Kindes Eltern überfordert
Gefühlschaos de luxe: Die erste Liebe wirft bei Jugendlichen wie Eltern oft viele Fragen auf.
Manchmal beginnt die erste Liebe mit einer geteilten Jause im Kindergarten, dem Verschenken gemalter Herzen, einem festen Platz nebeneinander in der Volksschule: Kinder können schon früh intensive Gefühle der Zuneigung entwickeln, die sie vielleicht sogar selbst als "verliebt sein" beschreiben.
Bei Eltern löst das mitunter Irritationen aus, weiß die Psychologin und Buchautorin Elisabeth Raffauf ("Angst- Aufwachsen in unsicheren Zeiten und wie wir unseren Kindern helfen mutig in die Welt zu gehen", 2025, Patmos Verlag). "Als Erwachsener muss man verstehen, dass Kinder in diesem Alter nicht im erotischen, sexuellen Sinn verliebt sind, sondern jemanden einfach – wie man so schön sagt – zum Fressen gern haben."
Von der Grundemotion her seien die Gefühlszustände aber durchaus vergleichbar: "Die Kinder wollen ganz viel Zeit mit der betreffenden Person verbringen, sie freuen sich oder sind ganz aufgeregt, wenn sie sie sehen."
Erste Liebe: "Man sollte sich keinesfalls darüber lustig machen"
Schon bei kleineren Kindern empfiehlt Raffauf, die zwanzig Jahre lang in einer Erziehungsberatungsstelle tätig war, Eltern, den Empfindungen mit Offenheit zu begegnen. "Man sollte sich keinesfalls darüber lustig machen und anerkennen, dass da etwas ganz Besonderes ist. Man kann zum Beispiel sagen: 'Wie schön, dass es da jemanden gibt, den du so gerne magst.'"
Auch die erste Jugendliebe kann Eltern herausfordern. "Eltern haben natürlich oft Sorge, dass Kinder zu früh Sex haben, vielleicht dazu überredet werden", sagt Raffauf, die für das Kinderradio des deutschen WDR die Kinderaufklärungsreihe "Herzfunk" mitentwickelt hat. Häufig schwinge unbewusst ein Gefühl der Traurigkeit mit: "Der Schritt in die erste eigene Beziehung ist immer auch ein Schritt weg von den Eltern. Für Eltern bedeutet die erste Liebe des Kindes also auch ein bisschen Abschied nehmen."
Ein bestehendes Vertrauensverhältnis ist die beste Basis für einen guten Umgang innerhalb der Familie. "Zu wissen, dass das Kind sich einem anvertraut, wenn es in Not ist, gibt Eltern Sicherheit", erklärt die Psychologin. Wichtig sei, dem Kind sein natürliches Bedürfnis nach Privatsphäre zuzugestehen, und gleichzeitig Interesse zu signalisieren. "Man muss seine Neugier als Mutter oder Vater nicht krampfhaft verbergen. Man kann einfach fragen, ob man fragen darf, wie und was denn da so läuft."
Angst vor einem überhasteten ersten Mal
Grundsätzlich sei die Angst vor einem überhasteten ersten Mal aufseiten der Eltern oft unbegründet. Das deutsche Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit gibt in regelmäßigen Abständen Studien zu Jugendsexualität heraus. In der jüngsten Studie, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde, zeigte sich: Jugendliche werden später sexuell aktiv – und verhüten sicher. 2019 waren die meisten Jugendlichen mit 17 Jahren sexuell aktiv, heute meist mit 19. Bei der Verhütung zeigt sich die junge Generation verantwortungsbewusst. Lediglich sechs Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gaben an, beim ersten Sex nicht verhütet zu haben.
Die Ergebnisse belegen auch: Aufklärung wirkt – und stärkt junge Menschen in ihren Entscheidungen. Im Idealfall hat eine kontinuierliche, altersgerechte Aufklärung stattgefunden, bevor der oder die Jugendliche die erste intime Beziehung eingeht.
Wenn Eltern das Gefühl haben, dass es Defizite gibt und sich Aufklärungsgespräche in der Familie nicht mehr ganz natürlich anfühlen, kann laut Raffauf auf alternative Quellen verwiesen werden. "Es gibt inzwischen tolle Bücher, Podcasts und Broschüren. Man kann sagen: 'Ich weiß, dass für dich gerade ein neuer Lebensabschnitt beginnt, und ich würde dir gerne etwas an die Hand geben, damit du über Dinge Bescheid weißt, über die wir vielleicht nicht so gut reden können.'"
Die Tür für Gespräche aufmachen
Wie können Eltern sich verhalten, wenn der oder die Auserwählte nicht so ist wie erhofft? "Es ist wichtig, zu verstehen, dass mein Kind sich diese Person ausgesucht hat und sie jetzt Teil des Lebens meines Kindes ist – das macht Kritik natürlich heikel", sagt Raffauf. "Das Beste ist, die Tür für Gespräche aufzumachen – nicht nur bildlich gesprochen. Es ist ratsam, den Partner oder die Partnerin einzuladen, mal zusammen zu essen und ihn oder sie kennenzulernen."
Eine Ausnahme ergebe sich bei begründetem Anlass zur Besorgnis. "Wenn man das Gefühl hat, dass das Kind in Gefahr ist, kann und soll man das nicht verbergen, sondern muss das direkt ansprechen."
Langfristig lasse sich eine Antipathie nur schwer verbergen. "Um nicht unauthentisch zu wirken und sich vom Kind zu distanzieren, kann man seine Bedenken vorsichtig ansprechen. Zum Beispiel indem man sagt, dass man etwas nicht gut findet, was die Person gemacht hat, aber nicht die Person selbst kritisiert – das ist eine Gratwanderung, die Eltern nicht erspart bleibt."
Eltern sind trotz omnipräsenter digitaler Anwendungen wichtige Ansprechpartner
Viel wird aktuell über den Einfluss sozialer Medien auf die Entwicklung von Kindern diskutiert. Studien zeigen etwa immer wieder, dass Heranwachsende beim ersten Kontakt mit Pornografie zunehmend jünger werden. Die jüngste Jugendsexualitätsstudie offenbart dennoch: Eltern sind trotz omnipräsenter digitaler Anwendungen nach wie vor meist die wichtigsten Ansprechpartner in Sachen Liebe und Sexualität.
Die erste Liebe hat im Leben eines Teenagers jedenfalls besondere Bedeutung. "Es ist so überwältigend, weil es mit nichts vergleichbar ist, was man bisher erlebt hat. Oft denken die Jugendlichen: 'Wenn das nicht hält, ist das Leben vorbei'", beschreibt Raffauf.
In den ersten Beziehungserfahrungen liege prägendes Potenzial: "Wenn man schöne, bereichernde Erfahrungen macht, auch auf körperlicher, sexueller Ebene, formt das den Zugang zur Liebe mit."
Gefühl von Geborgenheit
Die Bedeutsamkeit der ersten Liebe macht auch den Trennungsschmerz entsprechend erdrückend. Raffauf rät Eltern, einfach da zu sein. "Man muss keine Gespräche erzwingen, sondern ein Gefühl von Geborgenheit und eine wohltuende Atmosphäre schaffen und eventuell Ablenkung anbieten."
Der Umgang mit der ersten Verliebtheit hat sich in den vergangenen Jahren auch mit für Jugendliche relevanten Themen wie gleichgeschlechtlicher Liebe oder nicht-binären Identitäten verändert.
Dass Mütter und Väter verunsichert sind, wenn sich das im Leben des Kindes real niederschlägt, sei grundsätzlich nachvollziehbar, sagt Raffauf: "Es ist verständlich, wenn es Eltern ein Stück weit irritiert. Das kann auch Eltern mit einem modernen, aufgeklärten Selbstverständnis betreffen. Ich fände es gut, wenn sich Eltern beraten lassen, um Fragen zu klären, die sie beschäftigen und dann in einen guten Kontakt mit ihren Kindern treten zu können."
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