Wissen
27.04.2018

Erfolgsfaktoren: Wie Schulen besser werden

Engagierte Lehrer und professionelle Direktoren sind Erfolgsfaktoren, sagt Bildungsexperte Michael Schratz.

Starker Unterricht, starkes Miteinander, starke Infrastruktur – manch Bildungseinrichtung leistet mehr. Mittwochabend wurden ein paar der Vorzeigeinstitutionen mit dem "Starke Schule Award 2018“ ausgezeichnet. Die „Initiative für starke Schulen“ wurde 2015 vom Veritas Verlag und Meinungsführern aus dem Bildungsbereich ins Leben gerufen. Heuer wählten Publikum und Fachjury aus 85 Bewerbern die Sieger. Dazu zählen: Die NMS 2 Klagenfurt, Waidmannsdorf für das Projekt „Commen Crafts Video – durch Teamflow zum Erfolg“,  die Volksschule Schwarzau am Steinfeld für die Aktivitäten „Gemeinsam sind wir stark“ und  die NMS Kötschach für „Einzigartig vielfältig“.

Eine gewichtige Stimme bei der Wahl hatte Michael Schratz. Im KURIER-Interview erklärt der österreichische Erziehungswissenschaftler, Schulpädagoge und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, welche Konzepte im Kleinen Erfolg versprechen und wo es bildungspolitisch hingeht.

KURIER: Was zeichnet eine starke Schule aus?
Michael Schratz: Einmal muss eine starke Schule mehr leisten als nur Durchschnitt. Als zweites ist es der Umgang mit Vielfalt – mit den unterschiedlichsten Schülern, mit diesen vermehrt heterogenen Klassen. Drittens ist es die Unterrichtsqualität: Wird der Unterricht nach innovativen, modernen Prinzipien durchgeführt. Viertens ist es – ganz wichtig – die Verantwortung: Wie weit wird vermittelt, dass wir in Zukunft Bürger bekommen, die für sich selbst und für andere Verantwortung übernehmen. Das Fünfte ist das Schulklima, dazu gehört auch der Umgang mit Eltern und außerschulischen Partnern – bis hin zu Jugendamt und Polizei. Das Sechste und Letzte ist die Schule als lernende Organisation: Wie versucht es die Schule, sich selber weiterzuentwickeln.

Welche Auswahlkriterien haben Sie beim Starke-Schule-Award angelegt?
Hier geht es darum, eine Initiative innerhalb einer Schule hervorzuheben; zu zeigen, wir haben etwas ganz Besonderes gemacht: Wir greifen eine Herausforderung auf, stellen uns dieser und finden vielleicht ganz neue Konzepte.

Warum scheitern so viele gute Ideen für starke Schulen im Alltag?
Meist scheitern sie daran, dass es nicht um die Schule als Ganzes geht, sondern um Einzelpersonen, die versuchen, etwas besser zu machen. Man sieht das ganz oft, wenn junge Lehrpersonen voller neuer Ideen an die Schule kommen, und bald merken, dass sie aufgesogen werden in die Routinen des Alltags. In einer Schule mit 100 Lehrpersonen, stellt sich schnell die Frage: Wie bekomme ich die von ich und mein Unterricht zu wir und unsere Schule.

Wann hat eine starke Schul-Idee Chancen, umgesetzt zu werden?
Erfolgreiche Schulen gehen das gemeinsam an, beziehen Eltern und Partner mit ein, haben ein Konzept, nach dem sie arbeiten. Es gibt drei simple Fragen, die sich eine Schule stellen muss: Wie gut sind wir? Woher wissen wir, wo wir stehen? Und: Wie können wir noch besser werden? Die Umsetzung ist dann ein sehr großes Unterfangen, denn es braucht die konzertierte Aktion von allen. Eine wichtige Rolle spielt die Schulleitung. Deswegen wird vom Ministeriumsseite die Autonomie betont. Das wiederum macht erforderlich, dass die Schulleitungen viel stärker professionalisiert werden, dass sie Schule nicht nur verwalten, sondern gestalten.

Lässt sich starke Schule von der Politik  verordnen?
Nein, das geht nicht. Es gibt so etwas wie die längste Distanz von dem, was im Lehrplan steht, und dem, was bei den Schülern ankommt; da sind so viele Instanzen involviert. Der Schul-Award ist wichtig, um zu zeigen, dass es Initiativen und Engagement gibt, Leute, die ihr Bestes geben – diese versucht der Schul-Award auszuzeichnen. Die werden sozusagen vor den Vorhang geholt.

Nimmt Leistungsdruck in der starken Schule für Lehrpersonen zu?
Druck kommt, wenn die Erwartungen da sind, etwas zu leisten, was gar nicht möglich ist. Wenn man sich anschaut, wie die Lehrpläne voll sind, fördert das sehr stark das Lernen auf Schularbeiten hin und von Schularbeit zu Schularbeit. Es ist für Lehrer ganz schwierig, wirklich systematisch an was dran zu bleiben, weil sie so unter Druck kommen, die Schüler weiterzubringen. Spezielle Aktivitäten geben den Lehrpersonen zumindest das Gefühl, dass sie etwas leben können, was im Unterrichtsalltag sonst auf der Strecke bleibt. Da bin ich dann als Juror immer wieder beeindruckt, was Schulen im Stande sind; dass offensichtlich viel mehr möglich ist, als vielfach geglaubt wird. Das macht eine gute Schule aus: dass sie nicht nur Dienst nach Vorschrift, nach Lehrplan, macht. Wenn aus einer stöhnenden Schule eine atmende Schule wird, ist sie gut.

In den vergangenen Jahren hat sich im Schulwesen viel verändert. Zum Positiven?

Wir haben im Prinzip Fortschritte gemacht. Aber wenn man sich die internationalen Vergleiche anschaut, gibt es noch Luft nach oben. Hier fehlt eine kontinuierliche Vision in der Politik. Ich erlebe immer wieder Unterbrechungen von vorgenommenen Initiativen. Die Schulen müssen zum Teil solche Irritationen abwehren, dass sie gar nicht arbeiten können.
Insgesamt hat sich in den letzten Jahren aber sehr viel getan. Das ist vor allem den engagierten Schulen zu verdanken, die gezeigt haben, was möglich ist. Als Wissenschaftler wünsche ich mir allerdings noch mehr Innovation im System, als sich im Alltag zeigt.

Ist Schulautonomie ein Konzept mit Zukunft?
Auf jeden Fall. Es gibt keine zentralen Lösungen, die im Ministerium für alle erstellt werden können. Das geht nicht – wenn ich  an Tirol denke, an die kleinen Dörfer mit zwei Volksschulklassen und riesige Gymnasien in der Großstadt. Die klugen Lösungen müssen vor Ort gefunden werden. Wir müssen finden, was zu uns passt. Da braucht es viel Innovationsgeist und nicht ein Abarbeiten von Vorlagen.

Welchen Stellenwert hat Leistung in der starken Schule?
Leistung ist ein wesentlicher Aspekt der guten Schule. In Schulen, die engagiert arbeiten, bringen Schüler bessere Leistungen. Sie müssen nicht motiviert werden, sondern sie lernen, über Erfahrung zu verstehen; sie lernen nicht auswendig für Prüfungen. Wie Untersuchungen aus vergangenen Jahren zeigen, lernen Schüler noch viel zu viel auswendig, sie gehen zu wenig kreativ an das Lösen von Aufgaben heran.

Wie schaut die starke Schule der Zukunft aus?
International gibt es drei Themen, die in Zukunft bedeutsam sind: Zum einen Excellence; also hohe Leistung. Zweitens Equity, d.h. Bildungsgerechtigkeit. Wie können wir erreichen, dass alle junge Menschen  die Chance haben, alle mögliche Bildung zu bekommen. Das Dritte ist Wellbeing, da geht es ums Wohlergehen. Wie kann es  der Gesellschaft gut gehen, dass sie nicht nur Eigenbrötler hervorbringt, sondern gesund lebende Menschen. Dieses Verständnis für Wellbeing ist bei uns noch sehr wenig ausgeprägt.