Erfolg aus Wien im Kampf gegen das Chikungunya-Virus

This 2006 photo made available by the Centers for …
Foto: AP/James Gathany Stechmücken übertragen das Chikungunya-Virus, das sich derzeit auf dem amerikanischen Kontinent stark ausbreitet. Auch immer mehr Urlauber aus Österreich sind betroffen.

Auf dem Masern-Virus basierender Impfstoff wirkt auch gegen das Tropenfieber. Wiener Firma maßgeblich beteiligt.

Ein modifizierter Masern-Impfstoff hat das Potenzial, gegen das Chikungunya-Virus zu wirken. Das ist das Ergebnis einer Studie, die unter anderem an der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der MedUni Wien durchgeführt und jetzt im Top-Journal "The Lancet Infectious Diseases" veröffentlicht wurde.

Das Chikungunya-Virus verursacht eine fiebrige Erkrankung, die tödlich enden kann und vor allem in Lateinamerika und in der Karibik auftritt. Bisher gibt es dagegen weder einen Impfstoff noch wirksame Medikamente, erläuterte die MedUni Wien am Montag in einer Aussendung. Den Wissenschaftern der MedUni unter der Leitung von Bernd Jilma, des Instituts Pasteur in Paris, des Walter Reed Army Institute of Research in den USA sowie der Wiener Biotechfirma Themis Bioscience GmbH ist es gelungen, winzige Oberflächenpartikel des Chikungunya-Virus mit Hilfe des Masern-Impfstoffs in den menschlichen Körper zu bringen und deren Wirksamkeit nachzuweisen.

Modifiziertes Virus eingeschleust

"Das modifizierte Masern-Virus wird wie ein trojanisches Pferd in den Menschen eingeschleust und produziert dort die entsprechenden Oberflächenpartikel des Chikungunya-Virus", erläuterte Jilma. Dies geschieht in so geringer Konzentration, dass keine Krankheitssymptome auftreten. Die Chikungunya-Partikel sind dennoch in der Lage, das lymphatische System anzuregen und eine Antikörper-Produktion auszulösen. Diese Antikörper stehen dann für jenen Zeitpunkt bereit, wenn wirklich eine Ansteckung mit dem Chikungunya-Virus erfolgt. Damit kann die Erkrankung nicht ausbrechen. Die Technologie wurde am Institut Pasteur entwickelt, von Themis Bioscence GmbH umgesetzt und nun an der MedUni Wien an 42 Probanden klinisch getestet.

Das modifizierte Virus verstärkt laut MedUni auch die Immunität gegen die klassische Masern-Infektion. "Wenn der Impfstoff entsprechend verändert ist, könnte er auch gegen Dengue-Fieber oder andere Viren wirksam sein", erklärte Jilma. Die Erkenntnisse müssen nun in Phase II- und Phase III-Studien klinisch evaluiert werden, ein Einsatz in der Praxis sei in drei bis fünf Jahren denkbar, so die Wissenschafter. Eine aktive Immunisierung sei mit ein bis zwei Teilimpfungen möglich.

Die Ergebnisse im Detail

Die Phase-I-Studie von Themis zum rekombinanten Masern-Chikungunya-Impfstoff wurde von November 2013 bis Juni 2014 in Form einer Dosis-Eskalations-Studie mit insgesamt 42 gesunden, männlichen und weiblichen Probanden im Alter von 18 bis 45 Jahren durchgeführt, die randomisiert (per Zufall) vier verschiedenen Kohorten (Gruppen) zugeteilt wurden. Die Studienteilnehmer erhielten jeweils eine Injektion einer niedrigen, mittleren oder hohen Dosis des Chikungunya-Impfstoffs oder des aktiven Vergleichsimpfstoffs Priorix (dem standardmäßigen Masern-Impfstoff). In der Studie wurden die Immunogenität (die Fähigkeit des Impfstoffes, eine Reaktion des Immunsystems auszulösen), Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs untersucht. Außerdem erhielten zufällig ausgewählte Probanden entweder 28 oder 90 Tage nach der ersten Impfung eine Auffrischungsimpfung.

Gute Reaktion des Immunsystems

Der Impfstoffkandidat führte bereits nach der ersten Immunisierung zu einem Anstieg der Konzentration neutralisierender Antikörper in allen Dosiskohorten. Der Prozentsatz der Teilnehmer, die Antikörper gegen das Chikungunya-Virus entwickelten, lag nach der niedrigen Dosis bei 44 %, nach der mittleren Dosis bei 92 % und nach der hohen Dosis bei 90 %. Die Immunogenität des Impfstoffkandidaten wurde durch eine bestehende Immunität gegen Masern nicht beeinträchtigt. Nach der zweiten Impfung lag der prozentuale Anteil der Geimpften, die Antikörper produzieren, bei allen Probanden in den jeweiligen Impfstoffkandidaten-Gruppen bei 100 %. Der Impfstoffkandidat hatte insgesamt ein gutes Sicherheitsprofil. Die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse nahm zwar mit steigender Impfstoffdosis und -menge zu, es wurden jedoch keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse im Zusammenhang mit der Impfung festgestellt.

Importierte Fälle von Reisenden

In Österreich gab es im vergangenen Jahr 20 Fälle von Chikungunya-Fieber. In der Karibik, Zentral- und Südamerika sowie auf den pazifischen Inseln, aber auch in den USA, hat das Virus, das durch Stechmücken übertragen wird, spätestens seit dem Jahr 2013 eine Epidemie ausgelöst. Nach Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation OPS sind seither mehr als 1,2 Millionen Menschen in Lateinamerika an dem Virus erkrankt, wobei die Karibik-Region besonders betroffen ist.

Das Chikungunya-Fieber verursacht unter anderem Muskel- und starke Gelenkschmerzen, die Monate bestehen bleiben können, sowie hohes Fieber. Betroffene leiden außerdem oft an Übelkeit und Erbrechen. Bei Menschen mit einem gesunden Immunsystem verläuft die Erkrankung in der Regel ohne Komplikationen. Bei geschwächten Patienten kann sie tödlich enden. Menschen, die in betroffene Länder reisen, wird empfohlen, sich vor Mückenstichen zu schützen.

"Ein ausgezeichneter Kandidat"

„Die jüngsten Ausbrüche haben das öffentliche Bewusstsein für das Chikungunya-Virus weltweit geschärft  und obwohl weiter an der Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs und der Wirksamkeit gegenüber dem natürlichen Chikungunya-Virus gearbeitet werden muss, zeigen die Daten unserer Studie bereits, dass der neue Impfstoff ein ausgezeichneter Kandidat ist, um diese schlimme Erkrankung einzudämmen“, erklärt Dr. Erich Tauber, CEO von Themis Bioscience. „Angesichts dieser vielversprechenden Ergebnisse treiben wir das Chikungunya-Impfstoffprogramm voran und hoffen möglichst bald mit den Phase-II-Studien beginnen zu können.“

Bilder von Traumstränden wie diesen verleiten viele Reisende zu einer völlig verklärten Sichtweise: "Die Vorfreude auf malerische Landschaften, traumhafte Strände und exotische Gerichte am Urlaubsort führt leicht dazu, dass gesundheitliche Risiken im Ausland unterschätzt werden", heißt es beim "Centrum für Reisemedizin" in Düsseldorf. Und das gilt nicht nur für Deutsche. Sie ist zum Beispiel eine Urlaubsbekanntschaft, vor der man sich in acht nehmen sollte: Die Ägyptische Tigermücke überträgt Tropenkrankheiten wie das Dengue- oder das Chikungunya-Fieber. Aber auch andere Mückenarten kommen als Überträger in Frage. Mikroskopische Aufnahme des Dengue-Virus: In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Zahl der Infektionen weltweit verdreißigfacht. Die Weltgesundheitsorganisation spricht bereits von 50 bis 100 Millionen Infektionen jährlich. Es handelt sich um die häufigste Viruserkrankung in den Tropen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts trat Dengue nur lokal auf. Etwa auf den Philippinen oder in Thailand, wo es in den 1950er-Jahren Epidemien gab. Danach sorgte unter anderem der zunehmende Schiffs- und Flugverkehr für eine Verbreitung der Überträgermücken. Viele Länder (im Bild Singapur) haben große Info-Kampagnen gestartet, in denen Maßnahmen zur Vorbeugung vermittelt werden: Denn ein Grund für die starke Zunahme der Infektionszahlen sind viele kleine stehende Gewässer wie Pfützen und Lacken, auch auf alten Tonnen oder in Autoreifen, in denen die Mücken brüten. Der Einsatz von Insektiziden ist nur begrenzt erfolgreich: Einerseits ist er auch für die Menschen nicht unbedenklich - andererseits werden viele Moskitos sehr rasch gegen die Mittel resistent. Und durch den Wind werden die Mücken über weite Gebiete verfrachtet - auch dorthin, wo erst vor kurzem gespritzt wurde. In Brasilien versucht man es derzeit mit einer anderen - experimentellen - Methode: Dort wurden Moskitos freigelassen, die mit einem Bakterium infiziert sind, das eine Weitergabe des Dengue-Virus verhindern soll. Auch an Impfstoffen wird gearbeitet - noch ist aber kein Präparat zugelassen. Die Mücken stechen sowohl in der Nacht als auch am Tag. Am aktivsten sind sie  am frühen Morgen und am späten Abend. Sind sie einmal durch eine Blutmahlzeit mit einem Virus infiziert, bleiben sie das ihr ganzes Leben lang - und dieses kann immerhin einige Wochen dauern. 40 Prozent der Weltbevölkerung - rund 2,5 Milliarden Menschen - leben in Regionen, in denen Dengue-Viren endemisch sind - also ständig in der Bevölkerung zirkulieren. Mehr als 100 Staaten in Afrika, Asien und auf dem amerikanischen Kontinent sind betroffen. Beim klassischen Dengue-Fieber kommt es zu grippeähnlichen Symptomen: Hohes Fieber, Muskel-, Kopf- und Kreuzschmerzen, aber häufig auch zu Augenschmerzen sowie zu einem masernähnlichen Hautausschlag. Gefährlich ist besonders das "Dengue-hämorrhagische Fieber": Diese besonders schwere Verlaufsform - wie hier bei einem Kind in Nicaragua - ist typisch für eine zweite Infektion mit einem anderen Virustyp als beim ersten Mal. Es kann dabei zu inneren Blutungen, Krämpfen und Schockzuständen kommen. Rund 500.000 Menschen müssen jährlich weltweit wegen eines schweren Krankheitsverlaufs mit inneren Blutungen in einem Spital aufgenommen werden. Rund 2,5 Prozent dieser Patienten sterben. Bei optimaler medizinischer Versorgung kann die Sterberate aber unter ein Prozent gesenkt werden. Wie rasant sich Infektionskrankheiten ausbreiten können, zeigt auch das Beispiel des Chikungunya-Virus: Erst seit  rund einem Jahr ist es auf dem amerikanischen Kontinent heimisch - und seinen Ausgang nahm es hier, auf der Karibikinsel St. Martin. Auf St. Martin erkrankten im Dezember 2013 zehn Einwohner an Chikungunya. Davor kam diese Erkrankung ausschließlich in Afrika, Asien Indien sowie auf einigen Pazifikinseln vor. Bald nach den Fällen auf St. Martin wurde das Virus auch auf anderen Karibikinseln nachgewiesen. Als nächstes Land am amerikanischen Kontinent war dann Panama an der Reihe  (das Bild zeigt eine Bekämpfungsaktion in Panama). Und heute sind bereits mehr als eine Million Erkrankungsfälle auf dem amerikanischen Kontinent nachgewiesen - vor allem Mittel- und Südamerika. Doch das Virus scheint seinen Siegeszug noch nicht beendet zu haben. Denn mittlerweile werden zunehmend auch Fälle aus Florida gemeldet - und dabei handelt es sich nicht nur um importierte Erkrankungen.  Marisa Hargrove aus Bay Harbor Islands war eines der ersten Opfer. Sie arbeitete in ihrem Garten, als sie von einer Gelse gestochen wurde. Wenige Tage später erkrankte sie an hohem Fieber und starken Muskelschmerzen. In ihrem Blut wurde das Chikungunya-Virus diagnostiiert. Jetzt warnt sie die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Nachbarschaft. Doch die Behörden befürchten, dass eine weitere Ausbreitung in den USA unvermeidbar ist. Was bleibt, ist regelmäßiges Schmieren oder Sprühen, auch wenn es unbeliebt ist.  Auch viele Fußballspieler hatten im Vorjahr bei der WM in Brasilien diese Notwendigkeit erkannt, wie hier im Bild Portugals Miguel Veloso. Und in der Nacht sollte man sich unter ein Moskitonetz legen - außer man will selbst testen, ob der Name Chikungunya tatsächlich seine Berechtigung hat. Denn der stammt aus Tansania und bedeutet  dort "der gekrümmt Gehende" - wegen der starken Muskel- und Gelenksschmerzen. Oder man testet Dengue - dessen ursprüngliche Wortbedeutung auch sehr vielversprechend ist: "Knochenbrecherkrankheit".
(APA / EM) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?