Wissen
26.08.2018

Epilepsie: Sieben von zehn Patienten könnten ohne Anfälle leben

Europäischer Epilepsiekongress ab heute in Wien. Neue Therapieansätze. Cannabis-Wirkstoff hilft bei bestimmten Formen.

Ab heute, Sonntag, ist Wien für mehrere Tage das Zentrum der Internationalen Epilepsie-Forschung: Bereits zum zweiten Mal nach 2004 findet der Europäische Epilepsiekongress in Wien statt. Mit fast 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist er die größte und wichtigste europäische Tagung zur Epileptologie - einem Forschungsgebiet, das sich längst nicht nur auf Krampfanfälle beschränkt und rasant weiterentwickelt.

"Wir können heute so viel mehr für die Betroffenen tun als noch vor einigen Jahren", sagt Kongresspräsident Prim. Univ.-Prof. Eugen Trinka (Leiter der Universitätsklinik für Neurologie in Salzburg) in einer Aussendung. "Leider kommen die Innovationen nicht in ausreichendem Maß bei allen Betroffenen an." Sieben von zehn Epilepsie-Patienten könnten beispielsweise dank neuer medikamentöser Möglichkeiten anfallsfrei leben, doch längst nicht alle Betroffenen profitieren davon. Noch schlechter dürfte es beim Zugang zu neuartigen Operationstechniken aussehen.

Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet an chronischer Epilepsie (zwei und mehr epileptische Anfälle im Leben). 70.000 bis 80.000 Menschen in Österreich sind betroffen, davon 5000 bis 6000 Schulkinder. Fünf Prozent der Bevölkerung bekommen ein Mal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall, das bezeichnet man aber noch nicht als Epilepsie. Bei einem epileptischen Anfall ist das Gleichgewicht der elektrischen Signale zwischen Nervenzellen gestört. Es kommt zu unkontrollierten, gleichzeitigen elektrischen Entladungen von Nervenzellen.

"Die Krankheitslast und die Versorgungsdefizite bei der Epilepsie werden häufig unterschätzt", sagt Trinka. Zwar halten sich die Behandlungskosten im Rahmen - sie betragen derzeit nur 0,5 Prozent der globalen Krankheitskosten. Dafür gibt es umso mehr indirekte Kosten durch Begleiterkrankungen wie Depression, Migräne, Psychosen, Angstzustände oder kognitive Störungen. Überdies haben es Epilepsie-Patienten bei der Ausbildung und am Arbeitsmarkt besonders schwer und sind daher oft arbeitslos. "Allein für Europa werden die wirtschaftlichen Folgen der Krankheit auf 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das ist eine gewaltige Summe, die in der Patientenversorgung besser aufgehoben wäre."

Revolutionäre neue Bewertung

Aktuell vollziehe sich auch eine "Revolution in der Bewertung von Epilepsie", betont Kongresspräsident Trinka: "Wir betrachten heute Epilepsie nicht länger als die eigentliche Krankheit, sondern als Symptom unterschiedlichster anderer Erkrankungen. Bei Kindern etwa können epileptische Anfälle ein Hinweis auf eine seltene, genetisch bedingte Krankheit sein, etwa ein gestörter Zellstoffwechsel, der erst aufgrund der Krämpfe entdeckt wird.

Diskutiert wird auf dem Kongress auch der Einsatz von Cannabis-Wirkstoffen in der Epilepsie-Therapie. Vor allem Cannabidiol, ein nicht psychotroper Bestandteil der Cannabis-Pflanze, hat in einigen Untersuchungen bei Kindern mit seltenen und gegen viele medikamentöse Therapien resistenten Epilepsieformen (etwa das Dravet-Syndrom) vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Im Schnitt ließ sich die Zahl der Anfälle in einer Studie damit um rund die Hälfte reduzieren, neun Prozent der Patienten blieben sogar völlig anfallsfrei. "Diese Substanzen sind nicht für den breiten Einsatz bei allen Epilepsieformen gedacht", sagt Prof. Trinka. "Sie scheinen aber gerade für diese schweren Fälle bei Kindern und Jugendlichen, aber auch erkrankten Erwachsenen, eine interessante therapeutische Option zu sein."

Neuer Ansatz für Alzheimer Forschung

Ein Top-Thema sind auch mögliche Zusammenhänge zwischen Alzheimer und Epilepsie. So zeigt sich bei Alzheimer eine Anhäufung von sogenannten Tau-Eiweißen im Gehirn. Aber auch Epilepsie kann diese Akkumulation befördern und ist möglicherweise der entscheidende Motor für das Fortschreiten der Krankheit. Bekannt ist mittlerweile, dass Alzheimer-Patienten mit einem fluktuierenden Krankheitsverlauf kontinuierliche epileptische Entladungen im Hippocampus aufweisen. Zahlreiche Studien untersuchen derzeit, wie dieser Prozess medikamentös beeinflusst und so die Gehirnschädigung gestoppt werden kann. "Dieser neue Ansatz könnte endlich einen Schlüssel zur wirksamen Bekämpfung von Alzheimer liefern" sagt Trinka.

Mit Laser Epilepsie-Herd ausschalten

Bei bestimmten Epilepsieformen sind neurochirurgische Eingriffe das Mittel der Wahl. Eine schonende Möglichkeit dabei ist seit einiger Zeit die Laserchirurgie: Statt Hirnteile zu entfernen, wird der Herd im Gehirn, wo die Anfälle ausgelöst werden, mit Lasertechnik ausgeschaltet. Damit lassen sich die Rekonvaleszenz-Zeiten verkürzen und die Spitalstage verringern", berichtet Trinka. Die Technik setzt sich bereits in den USA durch, wo Kosten eine besonders große Rolle spielen. Die Patienten können manchmal noch am selben Tag, im Durchschnitt aber nach zwei Tagen entlassen werden. Bei der herkömmlichen chirurgischen Methode bleiben die Patienten durchschnittlich zehn Tage im Krankenhaus.