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Muntermacher
01/21/2015

EU prüft Gefahren von Energy Drinks für unter 18-Jährige

Studien zufolge konsumieren Jugendliche zu viel Koffein.

von Axel Halbhuber

Angesichts der Beliebtheit koffeinhaltiger Energy Drinks bei Kindern und Jugendlichen will der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, Schritte gegen die umstrittenen Muntermacher prüfen. Der damit verbundene hohe Koffeinkonsum sei "besorgniserregend".

Er werde mit der Europäischen Lebensmittelbehörde ( EFSA) darüber "diskutieren, was die EU-Staaten hier gegebenenfalls unternehmen sollten", sagte Andriukaitis der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Mittwochsausgabe).

Stellungnahmen

Gegenüber der APA bestätigte die EFSA den Entwurf für ein Gutachten zu gesundheitlichen Effekten von Koffein. Jetzt seien Wissenschaftler bis 15. März 2015 zu Stellungnahmen eingeladen. Den endgültigen Report wolle man bis Ende des Jahres veröffentlichen. An sich klingt der Entwurf - es handelt um die Zusammenfassung bereits vorhandener wissenschaftlicher Literatur - wenig alarmierend.

„Einzeldosen von Koffein bis zu 200 Milligramm und Tagesrationen von bis zu 400 Milligramm sind für Erwachsene in Europa gesundheitlich unbedenklich. Dies sind zwei der vorläufigen Ergebnisse eines wissenschaftlichen Gutachtens der EFSA über die Sicherheit von Koffein aus allen Ernährungsquellen", heißt es auf der EFSA-Homepage in einer Kurzmeldung. Ungünstige Wechselwirkungen zwischen Koffein und anderen Inhaltsstoffen von "Energy Drinks" - wie Taurin und Glucuronolacton - oder Alkohol seien unwahrscheinlich.

Der Wiener Ernährungsspezialist und Kinderarzt Kurt Widhalm erklärte dazu gegenüber der APA: "Wir wissen alle, dass man nicht übertreiben sollte." Aber klare Studien, wonach es ein toxisches Risiko durch Koffein gebe, lägen seines Wissens nach nicht vor.

Abgabeverbot

Anders sehen das Verbraucherschützer. Der deutsche Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte ein Abgabeverbot für koffeinhaltige Energy Drinks an Jugendliche unter 18 Jahren. "Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Bundesamt für Risikoforschung sind auch wir der Meinung, dass die Drinks für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sind", sagte Sophie Herr, Teamleiterin für Ernährung beim vzbv, der Zeitung. Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch hatte zuvor schon gefordert, den Verkauf von Energy Drinks an Kinder und Jugendliche zu verbieten. In Litauen sind die koffeinhaltigen Muntermacher seit November 2014 bereits für unter 18-Jährige verboten. Dem litauischen Gesundheitsministerium zufolge ist das Verbot das erste seiner Art in der EU. Weitere Länder könnten folgen.

Laut einer Studie der EFSA konsumieren Millionen Jugendliche in der EU zu viel Koffein. Demnach nehmen Jugendliche in fünf von 13 untersuchten EU-Mitgliedstaaten mehr Koffein zu sich als empfohlen. Der Studie zufolge sollten sowohl Erwachsene als auch Minderjährige eine Dosis von drei Milligramm Koffein pro Kilo Körpergewicht am Tag nicht überschreiten - andernfalls drohten Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Krampfanfälle oder Nierenversagen.

Ein zwölfjähriger Bub mit 50 Kilogramm Körpergewicht überschreitet nach dieser Rechnung mit einer 0,5-Liter-Dose eines Energy Drinks diese Grenze. Laut Foodwatch gelten in Deutschland 6,6 Prozent der Jugendlichen als "Hochverzehrer" von Koffein und überschreiten die Grenzwerte der EFSA.

Energy Drinks im VKI-Test

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Teufelszeug

Neunjährige, die morgens Energydrinks statt Milchkakao aus dem Häferl süffeln: So ein Bild wird gerne herbeigezerrt, wenn es darum geht, das picksüße „Teufelszeug“ für eine bestimmte Zielgruppe zu verbieten. An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an jene Zeit, in der Colagetränke von überbesorgten Müttern und Vätern als das neue „Absinth“ gehandelt wurden – böse und süchtig machend. „Bei uns daheim gibt’s kein Cola“, lautete die Devise. Stattdessen reichte man Himbeerdicksaft.

Doch wie es mit Verboten so ist: Erst dadurch wurde das braune Gesöff so richtig interessant und spannend – die etwas blödere Art der „Bedürfnis-Inszenierung“. Wer dann am Parkbankerl heimlich an seinem Doserl nippte, galt als coole Sau. Was das angedachte Verkaufsverbot von Energy-Drinks für Minderjährige betrifft, würde ich also auf den „Coke“-Effekt wetten. Was tun? Zum Beispiel darüber nachdenken, was Kinder und Jugendliche überhaupt dazu bringt, sich eine Überdosis Dosen kritiklos in den Körper zu kippen. Abgesehen davon, dass sie daheim oft nichts anderes vorgelebt bekommen (das Bier, der Wein der Eltern zum „Runterkommen“), fehlt es vor allem daran: an Bildung und – in der Folge – an Bewusstsein für den eigenen Körper und dem, was ihm gut tut. Und was nicht.

Wenn Energydrinks die Gesundheit gefährden

Über die Gesundheitsgefährdung beim Konsum von Energy-Drinks wird seit Jahren so intensiv diskutiert, weil wissenschaftliche Beweise fehlen. Am Mittwoch fachte Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, die Diskussion überraschend wieder an: Die Beliebtheit der Energy-Drinks bei Kindern und Jugendlichen ist problematisch, der hohe Koffeinkonsum sei „besorgniserregend“. Er werde mit der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA prüfen, was „die EU-Staaten hier unternehmen sollten."

EFSA findet keine Position

Eben diese EFSA findet aber keine Position. Einerseits erklärte sie in Studien, dass Millionen Jugendliche in der EU zu viel Koffein zu sich nehmen. Die Empfehlung: Würden Erwachsene wie Minderjährige eine Tagesdosis von drei Milligramm Koffein pro Kilo Körpergewicht überschreiten, könnten Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle oder Nierenversagen drohen. Bei 50 Kilo Gewicht ist diese Grenze beim Konsum von einem halben Liter Energy-Drink überschritten.

Experten warnen

Das sehen die meisten Experten und Organisationen ähnlich: Weltgesundheitsorganisation WHO und der Verein Foodwatch empfehlen ein Verkaufsverbot von Energy-Drinks an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, in Deutschland stuft das Bundesinstitut für Risikobewertung „Energy Shots“ als „nicht sicher“ ein, womit sie eigentlich vom Markt genommen werden müssten. Eigentlich. Die einzige Konsequenz bis jetzt: Ende 2014 setzte Litauen als erstes Land ein Abgabeverbot von Energy-Drinks an Kinder und Jugendliche in Kraft.

Bei Jugendlichen ist die Mischung aus belebenden Energy-Drinks mit Alkohol ein beliebtes Party-Getränk. Doch eine Studie, die nun im "Journal of Adolescent Health" veröffentlicht wurde, zeigt die Gefahren dieser Mixtur auf. Wissenschaftler rund um Megan Patrick von der University of Michigan Institut for Social Research und Jennifer Maggs von der Penn State University konnten zeigen, dass der Mix aus Alkohol und Energy-Drink dazu verführt, mehr davon zu trinken, inklusive aller daraus resultierenden Probleme: Vom Vollrausch, über Vergiftung bis hin zu Suchtgefahr. In Kombination mit Alkohol verhindern die aufputschenden Drinks einen weiteren Schutzmechanismus: Einsetzende Müdigkeit soll normalerweise verhindern, sich selbst zu vergiften.

Auswirkungen auf das Herz

Der exzessive Konsum von Energy-Drinks, speziell jener, die viel Koffein enthalten, ist aber auch sonst umstritten. So können sie etwa die Art und Weise verändern, wie das Herz schlägt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bonn http://uni-bonn.de . Die Wissenschaftler untersuchten die Herzen von 17 Personen mit bildgebenden Verfahren - eine Stunde nachdem sie einen Energy-Drink getrunken hatten. Es zeigte sich, dass die Kontraktionen des Herzens stärker geworden waren. Vor allem Kinder und Herzkranke sollten die Getränke auslassen. Erst vor einem Jahr wurde in den USA wurde ein Energy-Drink mit einem Todesfall in Verbindung gebracht. Die Familie von Anais Fournier, 14, machte den Hersteller für den Tod des Mädchens durch Herzstillstand verantwortlich. Am Tag davor hatte sie zwei 0,7-Liter-Dosen des Getränks konsumiert. Der Koffeingehalt entspricht 14 Cola-Flaschen derselben Größe. Als Todesursache wurden Herzrhythmusstörungen durch eine Koffein-Vergiftung festgestellt. Entwarnung kam damals von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit): "Die Situation in den USA ist nicht mit der europäischen vergleichbar, auch die Gebindegrößen sind bei uns anders." In der EU gebe es Höchstgrenzen für Koffein (32 mg /100 ml). Außerdem: Anais Fournier litt am Ehlers-Danlos-Syndrom. Diese seltene Bindegewebserkrankung kann unter anderem auch die Herzkranzgefäße betreffen.

Die Suche nach der Wahrheit

Die Kritiker haben ein Problem: Vielen Experten fehlen eindeutige Studien, die ein toxisches Risiko durch Koffein belegen. Denn andererseits überraschte die EFSA nach den Worten des EU-Kommissars am Mittwoch sogar mit folgenden Daten: „Einzeldosen von Koffein bis zu 200 Milligramm und Tagesrationen von bis zu 400 Milligramm sind für Erwachsene unbedenklich. Bei Schwangeren ist eine Koffein-Aufnahme von bis zu 200 Milligramm pro Tag für den Fötus unbedenklich.“ Energy-Drink-Gigant Red Bull begrüßt diese Sichtweise: „Kaffee, Tee und Soft Drinks machen bei allen Altersgruppen bei Weitem den größten Anteil des Gesamtkoffeinkonsums aus. Eine 250-ml-Dose eines typischen Energy-Drinks enthält in etwa die gleiche Menge an Koffein wie eine Tasse Kaffee (80 mg).“

Birgit Beck, Ernährungswissenschafterin vom Verein für Konsumenteninformation VKI, sieht ein zusätzliches Problem im Zuckergehalt. „Derzeit sagt man, dass maximal zehn Prozent der täglich eingenommenen Energie Zucker sein sollen, die WHO empfiehlt sogar nur fünf.“ Diese fünf Prozent wären durchschnittlich für einen Jugendlichen schon mit 250 ml Energy-Drink überschritten.

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