Wissen und Gesundheit
02.01.2018

Emanzipation: "Das war der große Aufbruch"

Frauen hatten es satt, von Männern bevormundet zu werden. Sie wollten ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Und kämpften gegen den "144er".

Petticoats – gleich mehrere übereinander – dazu enge Metallgürtel und ein Panzer von BH: Irmtraut Karlsson war das personifizierte 60er-Jahre-Mädl. "Doch auf einmal hieß es: ,Haut eure BHs weg, zieht an, was ihr wollt!’ Daraufhin bin ich den ganzen Sommer ’68 mit einem langen Männer-Leiberl, einer schwarzen Unterhose und sonst nichts herum gerannt", erzählt die langjährige SP-Politikerin und Frauenrechtlerin. "Eine Befreiung", sagt sie heute.

Irmtraut Karlsson im Sommer1968

Genauso, wie die erste Strumpfhose und der erste Tampon. "Das kann man heute keinem mehr begreiflich machen – im alltäglichen Leben haben die ’68er Frauen so viele Erleichterungen gebracht." Und die Frauenbewegung? "Die war ’68 noch nicht existent."

Irmtraut Karlsson heute

1968 begann als Männerbewegung. Er schwang großen Reden, während sie bei Diskussionen Kaffee kochte und Flugblätter druckte. Auch im linken Milieu der ’68er wurden die Probleme der Frauen nicht ernst genommen. Sämtliche aufmüpfigen ’68er waren ausgesprochene Machos.

An dieser Stelle wäre es wohl angebracht, an Vor-’68 zu erinnern: Mädchen in Miniröcken wurden in der Straßenbahn lauthals als Flitscherln beschimpft. In Vorarlberg war das Tragen von Bikinis behördlich verboten. Der Mann war laut einem Gesetz aus 1811(sic!) das Haupt der Familie: In der Praxis durfte seine Frau ohne seine Genehmigung keinen Pass beantragen und keinen Beruf ausüben. Er war Alleinherrscher über Frau und Kinder. Eine Ehefrau musste ihrem Mann jederzeit sexuell zur Verfügung stehen. Wenn er sie und die Kinder misshandelte, galt das als Privatsache. Ein uneheliches Kind war gesellschaftlich eine Katastrophe, die Mutter erhielt nicht einmal das Sorgerecht.

Und: Der Schwangerschaftsabbruch war kriminell, er musste heimlich durchgeführt werden, war teuer und manchmal lebensgefährlich. Denn sozial Schwache konsultierten Engelmacherinnen, die in Hinterzimmern die Eingriffe vornahmen. "Dazu muss man wissen, dass es damals keine ordentliche Empfängnisverhütung gab. Die Pille war ein Hormonhammer, und Schwangerschaften schwebten wie ein Damoklesschwert über den Frauen," erinnert sich Karlsson. "Es brodelte, und die Frauen machten sich für die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches stark." Der Anstoß kam von außen: "Aus Frankreich, wo die Anti-Abtreibungskampagne begann und aus Deutschland, wo sich Promi-Frauen in einer Stern-Geschichte outeten, abgetrieben zu haben."

In Österreich begann '68 erst 1971 mit der Muttertagsdemonstration

Danach postulierte die Frauen auch in Österreich: Weder Richter, noch Ärzte, geschweige denn Theologen haben das Recht, über den Körper einer Frau zu bestimmen. Sie forderten: Der Paragraf 144 (Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs) muss ersatzlos gestrichen werden. Karlsson: "Uns ist damals der Schulterschluss mit allen Frauen gelungen – ob im hintersten Burgenland oder im noblen 19. Wiener Gemeindebezirk. Durch den 144er".

Doch es ging nicht nur um die Strafrechtsreform, sondern auch um Demokratisierung der Bildung, Enttabuisierung der Sexualität und Emanzipation aller. Es ging um die Selbstbestimmung der Frau. Die Londoner Geschichtsprofessorin Christina von Hodenberg analysiert: "Die stärkste Wirkung, die von ’68 ausging, war die Emanzipation der Frauen. Darin bestand die eigentliche Revolution dieser Jahre." Und auch Genderforscherin Maria Mesner meint: "Die Gesellschaft wurde mit Gesetzen langfristig verändert – mit Fristenlösung und Familienrechtsreform, nach der Männer nicht mehr länger das Haupt der Familie waren".

Das Private ist politisch

Vor allem SP-Frauen trieben die Reformen voran und die eigene Partei vor sich her. Das gipfelte in der Parole: "Das Private ist politisch!" "1966 waren alle Abgeordneten vor oder während des Ersten Weltkrieges geboren. Dann hat die SPÖ eine Reihe junger Abgeordneter – Jahrgang 1930 bis 1941 – zugelassen. Das machte die Strafrechtsreform möglich", sagt Karlsson. 1975 fiel der 144er. "Für mich war das Wichtigste an der ’68er-Bewegung, dass frau erkannte: Ich bin auch was wert und kann meinen eigenen Lebensstil verfolgen. Das war der große Aufbruch, der bis heute nachwirkt", sagt Karlsson. "Für uns, die wir dabei waren, hat sich das Leben sehr verändert."

Es waren Schriftstellerinnen, die das Feld bereiteten: In Frankreich verfasste Simone de Beauvoir schon 1949 „Das andere Geschlecht“, das weltweit unzählige Frauen zu ihrer Bibel machten. In den USA schrieb Betty Friedan 1963 „Der Weiblichkeitswahn“, in dem sie mit der typischen Frauenrolle abrechnete. Nein: Frauen sind nicht von Natur aus unterwürfig, unselbstständig und hilflos. – „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, sagte Beauvoir. Und in den späten 1960er Jahren begannen ihr die jungen Frauen zu glauben.
In den USA verbrannten Aktivistinnen der Frauenbewegung öffentlich ihre BHs. In Amsterdam kniffen die „Dollen Minnas“ Männer in den Po. In Rom sangen Frauen auf einer Demonstration: „Tremate, tremate, le streghe son tornate!“ („Zittert, zittert, die Hexen sind zurückgekehrt!“). In Deutschland warf Sigrid Rüger drei Tomaten in Richtung Podium, weil die Männer im Studentenbund wieder mal nicht hören wollten, was die Frauen zu sagen hatten. Zwei davon klatschten einem der „Obergenossen“ ins Gesicht.
In Großbritannien legten 200 Näherinnen der Ford-Werke monatelang die Arbeit nieder, um für Lohnangleichung zu protestieren. Der Streik war erfolgreich: 1970 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Unternehmen zur Auszahlung von gleichem Lohn für gleiche Arbeit unabhängig vom Geschlecht verpflichtet. Vielerorts eröffneten Frauenhäuser für misshandelte Frauen.
„Wir sind die Frauen-Befreiungs-Front!“ riefen Rebellinen von New York bis Berlin.

Eine Frage an unsere Leser: Haben Sie auch zu den Männern gehört, die Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre das Sagen hatten? Waren Sie einer, der sich eine Frau wünschte, die ihm die Wäsche wäscht? Wollten Sie weiterhin das allmächtige Haupt der Familie bleiben? Oder haben Sie mit den und für die Frauen gekämpft?
Eine Frage an unsere Leserinnen: Haben Sie ihren BH in ein Eck geworfen? Trugen Sie Minis und hatten deshalb mit Ihrem Vater schwere Kämpfe? Fanden Sie es unerhört, dass Männer viel besser bezahlt wurden? Oder wollten Sie das brave Heimchen am Herd bleiben?
Schreiben Sie uns, wie Sie ’68 und die Folgejahre erlebt haben. Und schicken Sie uns ein Foto Ihrer wilden Jugend. Die besten Beiträge werden zum Jubiläum im Mai veröffentlicht.
An: KURIER, Ressort Lebensart, Leopold Ungar Platz 1, 1190 Wien, Kennwort’68 oder susanne.mauthner@kurier.at.