© Karen Ostertag

Interview
10/25/2013

Djerassi: „Heute würde ich Alzheimer erforschen“

Der Erfinder der Antibabypille wünscht sich auch als Bühnenautor Anerkennung.

von Laila Daneshmandi

Carl Djerassi ist es leid, auf den Wissenschaftler, der die Pille erfunden hat, reduziert zu werden. „Sie werden Ihren Artikel damit beginnen, über mich als Mutter der Pille zu schreiben. Und irgendwann erwähnen Sie, dass ich auch schreibe. Dabei bin ich seit über 20 Jahren Schriftsteller und Bühnenautor.“

Djerassi ist stolz auf seine Leistungen, immerhin wird ihm an seinem 90. Geburtstag kommenden Dienstag in Frankfurt sein 32. Ehrendoktorat verliehen. Trotz seines hohen Alters ist er ständig auf Reisen von einem Termin zum anderen – allein in diesem Jahr waren es bereits 34 offizielle Anlässe in 20 verschiedenen Städten.

Carl Djerassi will lieber über seine vierte Biografie sprechen – er nennt sie Autopsychoanalyse. „Ein Begriff, den Siegmund Freud nie akzeptieren würde, denn eine Psychoanalyse braucht immer einen Patienten und den Arzt, der ihn analysiert. Wer wirklich etwas über mich erfahren will, erfährt es hier.“

Das Buch beginnt mit einer fiktiven Nachrichtenmeldung über den Suizid von Djerassi an seinem 100. Geburtstag. Im KURIER-Interview spricht er über Anerkennung, Österreich und über seinen Tod.

KURIER: Herr Djerassi, bei so vielen Ehrungen gibt es eine Auszeichnung, die Sie sich noch wünschen würden?
Carl Djerassi:
Diese Frage ist akademisch. Ich habe das Thema in meinen Büchern „Stammesgeheimnisse“ und „Aufgedeckte Geheimnisse“ verarbeitet. 32 Ehrendoktorate sind in vielen Aspekten absurd. Doch erst mein 26. oder der 27. Titel wurde mir von einer österreichischen Universität verliehen. Statt zu sehen, wie viele ich schon habe, habe ich immer nur vermisst, dass ich noch keines aus Österreich hatte. Im vergangenen Jahr erhielt ich dann plötzlich vier Ehrendoktorate von Österreichischen Universitäten – eine Lawine! Und trotzdem frage ich mich, ob ich für meine Leistungen anerkannt werde oder aus Schuldbewusstsein, weil ich im Zweiten Weltkrieg fliehen musste.

Doch zurück zu Ihrer Frage: Was mir noch fehlt, ist Akzeptanz durch die österreichische Theaterwelt. Das hat aber nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit der Berührungsangst des Theaters mit Wissenschaft und Technologie. Mein sechstes Stück „Phallstricke“ war mein Geschenk an Wien, das etwa in London, New York und Portugal gezeigt, aber im Wiener Theater absolut ignoriert wurde.

Anfang Oktober wurden die Nobelpreise verkündet – mehrere gingen schon an von den Nazis vertriebene Österreicher und Deutsche. Warum sind sie alle im Ausland geblieben?
Obwohl ich Miterfinder der Pille bin und an vielen anderen wichtigen Entwicklungen beteiligt war, wurde ich erst 1992 erstmals als Vortragender nach Österreich eingeladen – und das von Literaten. Unter den österreichischen Akademikern meiner Generation und einigen danach gab es einfach noch viele Nazis – das hat sich inzwischen geändert. Jedoch viel langsamer als bei den Deutschen. Ich bin mir sicher, dass Eric Kandel (Medizin-Nobelpreis 2000) oder Walter Kohn (Chemie-Nobelpreis, 1998) vor ihren Ehrungen auch nie nach Wien eingeladen wurden.

Hoffen Sie selbst noch auf den Nobelpreis?
Natürlich war ich nominiert, aber dieses Boot ist schon vor langer Zeit abgefahren.

Sie haben Ihre Karriere als Naturwissenschaftler begonnen, jetzt sind Sie Schriftsteller. Was haben diese beiden Disziplinen gemeinsam?
Für mich nichts. Das sind zwei verschiedene Welten und das war auch wichtig für mich. In der Literatur kann man Dinge erfinden, in der Wissenschaft gibt es nur harte Fakten Schwarz auf Weiß. Auch das Publikum ist total unterschiedlich.

Wenn Sie heute geboren würden, für welchen Weg würden Sie sich entscheiden?
Ich bin von Natur aus neugierig, daher würde ich mich zunächst wohl wieder für die Wissenschaft entscheiden. Für einen Schriftsteller ist es besser, älter zu sein und Erfahrungen mitzubringen.

Woran würden Sie jetzt forschen?
Ich würde organische Chemie wohl als Basis studieren, aber mich für die Neurowissenschaft entscheiden. Derzeit ist Alzheimer ein wichtiges Forschungsgebiet.

Der Freitod ist ein wichtiges Element in Ihrem Leben und in Ihren Büchern. Ihre Tante beging Suizid, auch Ihre Tochter, worüber Sie sehr offen sprechen. Warum ist der Freitod in unserer Gesellschaft so ein Tabu?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Suizid und einem plötzlichen Unfall oder einer Krankheit. Suizid ist eine Nachricht an die Hinterbliebenen. Viele Menschen weigern sich, diese Nachricht anzuerkennen oder schämen sich, darüber zu sprechen. Viele Menschen haben mir aber schon dafür gedankt, dass ich so offen darüber rede.

Sie werden am Dienstag 90 Jahre alt und beschäftigen sich in Ihrem Buch mit Ihrem Tod. Wie möchten Sie sterben?
Heimat ist für mich der Ort, an dem man geboren wurde. Ich habe mir vor vier Jahren einen Wohnsitz in Wien geschaffen und hier möchte ich sterben. Hoffentlich durch einen Herzinfarkt oder Unfall – es muss jedenfalls schnell gehen. Ich möchte aber nicht in Wien begraben werden. Meine Asche soll über dem Wasserfall auf meiner Ranch in Kalifornien verstreut werden, wo auch die Asche meiner Tochter Pamela und meiner Frau Diane verstreut wurde.

Wofür soll man sich künftig an Sie erinnern?
Dafür, dass ich nie Menschen geschadet habe. In meiner Arbeit ging es immer darum, Menschen zu helfen.

BUCHTIPP

„Der Schattensammler. Die allerletzte Autobiografie“ von Carl Djerassi. Erschienen bei Haymon, 477 Seiten, 24,90 Euro.

www.djerassi.com

Exil

Carl Djerassi wurde am 29. Oktober 1923 als Sohn eines jüdischen Ärzte-Ehepaars in Wien geboren (seine Mutter war Wienerin, sein Vater Bulgare). 1938 flüchtete er gemeinsam mit seiner Mutter in die USA.

Wissenschaft

Im Alter von 28 Jahren gelang ihm mit Gregory Pincus und John Rock die Synthetisierung des Schwangerschaftshormons Gestagen, womit der Weg für die Antibabypille geebnet war. Weltruhm brachte ihm auch die Synthetisierung von Cortison.

Literatur

Als Autor schrieb er zunächst Gedichte und Kunstgeschichten, seit 1997 konzentriert er sich auf das Schreiben von Theaterstücken.

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