Kelten-Metropole in Schwarzenbach

© Kurier/Gerhard Deutsch

Wissen
05/29/2019

Die Voest unserer Vorfahren lag in der Buckligen Welt

Forscher haben eine Kelten-Metropole entdeckt. Asterix Cousins haben dort Eisen in großem Stil produziert und nach ganz Europa exportiert.

Wir schreiben 2200 Jahre vor unserer Zeit. Ort des Geschehens: Ein Berg mit beeindruckendem Ausblick  60 Kilometer Luftlinie südlich von Wien. In der massiv befestigten Siedlung, die dort thront, herrscht reges Treiben –  Handwerker produzieren kunstvollen Schmuck sowie Glas und prägen Silbermünzen.
Das, was heute im Grenzgebiet zwischen Niederösterreich und Burgenland ziemlich im Abseits liegt, war damals der Nabel der Welt: Auf dem Burgberg von Schwarzenbach haben Archäologen den  Sitz keltischer Fürsten ausgemacht, die  ihren Wohlstand dem bedeutendsten Rohstoff dieser Epoche verdanken, dem Eisen. Antike Geschichtsschreiber nannten es ferrum noricum (norischen Eisens) und meinten damit das Beste vom besten.

 

Wolfgang Neubauers Arm wandert im Kreis. Der Wissenschafter (Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie) zeigt  Richtung Osten, wo man bei gutem Wetter den Plattensee sehen kann. Im Westen reicht der Blick bis zum Schneeberg. „Sie müssen sich überall Rauchwolken vorstellen,  im Tal wurden die Öfen betrieben.“ Kollege Wolfgang Lobisser schätzt, dass „hier bestimmt 250 Jahre lang auch in den Seitentälern der Smog von Feuern hing. Ringsum hat man Holzkohle hergestellt, die man zum Verhütten des Erzes brauchte.“ 

Großbetrieb

Von 250 bis 15 v. Chr. wurde  Eisen im großen Stil produziert, man könnte sagen, dass hier die Voest der Kelten lag. Neubauers Team hat die Siedlung rekonstruiert und schätzt die Einwohnerzahl auf  1500 bis  2500. Cäsar nannte so einen Ort Oppidum – stadtartige Siedlung. Neubauer: „Hier lebte die Elite“ – Fürsten, die die unten (im Tal in den Arbeitervierteln) kontrolliert haben.
Rundum gab es Lagerstätten für so genanntes Raseneisenerz: „Das hat großen Eisenerzgehalt und liegt knapp unter der Oberfläche“, erklärt Neubauer. Ein einfaches Loch genügt, um ranzukommen. Tausende Pingen, Gruben die vom Abbau von Eisenerz herrühren, haben die Archäologen auf  digitalen Geländemodellen und Luftbildern ausgemacht.
Mitten drin: Der Burgberg. Schwarzenbach war einer der großen keltischen Zentralorte und von strategischer Bedeutung.

Die berühmtesten Kelten kennt jeder, auch wenn sie eher als Gallier bezeichnet werden. Ja, auch  Asterix und Obelix gehören zur großen Familie der Kelten. So bezeichnet man verschiedene Volksgruppen in ganz Mitteleuropa – von Anatolien bis nach Irland –, die während der Eisenzeit lebten. Zum ersten Mal erwähnt wurden sie  schon um 500 vor Christus.

Caesar fasste die Stämme unter dem  Namen Gallier zusammen.  Das Wort Kelten kommt vom griechischen „keltoi“, das Herodot prägte. Es bedeutet so viel wie  „die Kühnen“.

Die Kelten waren weder ein homogenes Volk, noch eine europäische Ur-Gemeinschaft, als die sie bisweilen verklärt werden. Sie hatten  aber schon sehr früh ein hoch entwickeltes Wirtschaftsleben. Die keltische Eisenindustrie etwa war bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. in  Großbetrieben organisiert.

Vom Burgberg aus hatten die Kelten das ganze Abbaugebiet im Blicke; sahen die Feinde aus allen Richtungen anrücken; und exportierten das Eisen ebenfalls in alle Richtungen. Ganz Europa riss sich darum: „Wir schätzen, dass in den etwa 150 Jahren, die diese Siedlung in Betrieb war,  bis zu 60.000 Tonnen Erz abgebaut wurden. Es wurde hier auch verhüttet, was bedeutet, dass bis zu 6.000 Tonnen  produziert wurden“, sagt Neubauer.  „Es war hochqualitatives Eisen, fast schon Stahl, das von den Römern für die Waffenproduktion geschätzt wurde.“

Schwarzenbach war eine der wichtigsten Siedlungen im gesamten keltischen Reich Noricum.

Kein Wunder, dass die keltischen Eliten in Schwarzenbach (einfluss)reich waren: Sie konnten Pferde aus römischer Zucht erwerben, was normalerweise nur römischen Bürger gestattet war. Sie hatten das Münzrecht – ein Privileg, das wenigen Städten dieser Zeit vorbehalten war. Kurz: Schwarzenbach war eine der wichtigsten Siedlungen im gesamten keltischen Reich Noricum. Es sei der erste archäologisch gesicherte Nachweis einer keltischen Münzprägestätte in Österreich, sagt Archäologe Neubauer. „Wir haben die Spuren gefunden“ – auf Silbermünzen, die alle aus demselben abgenutzten Prägestempel aus dem Handwerkerviertel kommen. Der hatte einen kleinen Riss, den wir auf der ganzen Serie verfolgen konnten.“

Freilichtmuseum

Weil die Forscher das, was sie ausgegraben haben, auch langfristig sichern und dokumentieren wollten, begannen sie, ein Freilichtmuseum aufzubauen. Mittlerweile locken Keltenfest und Museum Tausende Besucher. Am kommenden Feiertag (30. Juni) werden neu rekonstruierte Häuser und eine Ausstellung eröffnet. Das, was die Forscher  im Boden finden, wird  nämlich möglichst authentisch mit rekonstruierten Werkzeugen wieder aufgebaut: Aus nach alter Technologie gewonnenem Eisen werden keltische Äxte geschmiedet, um  damit Häuser für arme und reiche Leute zu errichten. Deren Pfosten stehen in den originalen Pfostenlöchern, die man mit Hilfe von Hightech entdeckt hat. Verschlossen wurden die Häuser mit   Fallriegelschlössern, die selbstverständlich auch nachgebaut wurden. 

Reste der bis zu sieben Meter hohen Wallanlage

Das Schlafzimmer im Fürstenhaus

Herrgottswinkel auf keltische Art 

Vorratskammer reloaded

Von den Römer geschätzt: Waffen aus Ferrum noricum

Wolfgang Lobisser hat die keltischen Türschlösser nachgebaut

Wolfgang Neubauer mit einem Tontopf, der Verdunstungskälte nutzt um Schmalz zu kühlen

Im Schwarzenbach wurde Glas zu Schmuck verarbeitet

Die Kelten-Küche funktioniert tip-top

Begehrt: Raseneisenerz lag direkt unter der Oberfläche

Rekonstruktion: So sah der Verteidigungswall aus

Der wachsende Wohlstand  wurde den Bewohnern dann aber zum Verhängnis. Feindliche Stämme griffen die befestigte Siedlung an. „Es gab zwei große Angriffe“, sagt Neubauer.

Durch wen? „Wissen wir nicht. Vielleicht waren es andere keltische Stämme oder die Kimbern und Teutonen, die 113 v. Chr. hier herumgezogen sind. Es waren jedenfalls nicht die Römer.“ Jedenfalls dürfte es um die Kontrolle in der lukrativen Region gegangen sein, mutmaßt Neubauer. Der abgebrannte und noch bis zu sieben Meter hoch erhaltene Wall um die Siedlung zeugt jedenfalls bis heute von der  kriegerischen Zeit.

Untergang durch Misswirtschaft

Den Rest gab den keltischen Fürsten aber ihr Raubbau an der Natur. Um 15 v. Chr. hatten die Kelten nicht das Eisen, aber das Holz endgültig verbraucht: Bis zu 4.000 Hektar Wald waren weg. Zurück blieb ein kahlgeschlägertes und mit Pingen durchsetztes Gebiet, das von den römischen Historikern „Deserta Boiorum“ genannt wurde.

Info:

Eine neue Ausstellung macht mit Hilfe von Funden und virtuellen Modellen mehr als 5000 Jahre Besiedlung am Burgberg lebendig.

Eröffnung im neu errichteten keltischen Gebäude des Freilichtmuseums Schwarzenbach: Donnerstag 30. Mai, 11:00 Uhr

Hier geht es zum Keltendorf: