Was man außer Rechnen noch können muss. Darüber reden Friesl, Hagen, Amiri, Fleck und Aljazzar (v.li.)

© Kurier/Franz Gruber

Wissen
04/02/2019

Der Lehrplan wird reformiert: Doch wie sollte er aussehen?

Drei Schülerinnen, ein Direktor und ein Vertreter der Wirtschaft diskutieren, wie die Schule aufs Leben vorbereiten sollte.

Klimawandel, Fake News oder Übergewicht: Sobald es ein Problem gibt, soll es die Schule richten. Lehrer setzt das unter Druck, da sie auch „ihren“ Stoff vermitteln müssen – ein Grund, warum das Bildungsministerium nun die Lehrpläne von der 1. bis zur 8. Schulstufe überarbeiten will. Wie müssten die aussehen? Was kann man streichen?

Drei Schülerinnen und der Direktor der AHS Anton-Krieger-Gasse, Michel Fleck, diskutieren mit Christian Friesl von der Industriellenvereinigung, die sich mit modernen Lehrplänen beschäftigt hat.

KURIER: Wenn Sie an die Unterstufe denken, worauf hätten Sie verzichten können?

Farahmaz Amiri: Geometrisch Zeichnen. Das reicht in der Oberstufe für den, der möchte.

Jihan Aljazzar: Es kommt auf die Interessen an. Wer gerne Naturwissenschaften mag, muss nicht unbedingt Musik belegen und umkehrt.

Was muss man nach acht Jahren Schule unbedingt können?

Amiri: Grundrechnungsarten, Flächeninhalte berechnen, Prozentrechnen sowie Formeln umstellen: Das sollte sitzen. Und natürlich muss jeder sinnerfassend lesen können.

 

Paulina Hagen: Englisch gehört dazu und digitales Grundwissen.

Michel Fleck: Im Prinzip also das, was man als Hauptfächer bezeichnet?

Christian Friesl: Ja, weil man dort wichtige Kompetenzen erwirbt, um andere Fächer bewältigen zu können. Schön finde ich, dass Schüler Englisch und ein Mindestmaß an digitalem Verständnis als elementar betrachten, also dass man als 14-Jähriger sinnvoll mit digitalen Angeboten umgehen kann.

Fleck: Die digitale Grundbildung kommt jetzt zum vorhandenen Lehrstoff dazu. Das setzt die Lehrer nicht nur zeitlich unter Druck; einige sind wohl auch bei dem Thema unsicher. Grundsätzlich sollte man sich einmal überlegen, was man selbst aus der Unterstufe noch kann. Man merkt meist: Das ist nicht viel. Trotzdem will jeder Lehrer seinen Stoff unterbringen – weil er für sein Fach brennt und weil er v. a. in der Oberstufe befürchtet, dass er sich bei der Matura blamiert, wenn Schüler einen Teilbereich nicht beherrschen. Da plädiere ich für Mut zur Lücke.

 

Friesl: Wobei ich mir um Oberstufenschüler und Lehrlinge weniger Sorgen mache. Wer so weit ist, ist meist gut auf Schiene. Unsere Aufmerksamkeit muss auf jenen Schulabgängern liegen, die nicht lesen können oder keine Ahnung von Prozentrechnen haben. Das betrifft fast jeden vierten Absolventen der Pflichtschule. Mittlerweile wächst bei den Unternehmen das Unbehagen, weil 15-jährige Bewerber für die Lehre z. B. den Umfang eines Grundstücks nicht berechnen können.

Amiri: Ich kenne einige gescheiterte Schüler. Als ich in der Unterstufe war, sind jedes Jahr zwei weggegangen. Manchen war es zu viel. Oft hörte ich: „Wozu Schule, das braucht man eh nicht.“ Und ehrlich. Manchmal habe ich mir so etwas auch gedacht.

Aljazzar: Manche hatten einfach „nur“ private Probleme.

 

Friesl: Stellt sich die Frage: Wie schaffen wir, dass so viele Kinder wie möglich gut durchs Leben kommen – also ohne große psychische, soziale Wirrnisse. Die Schule ist der Ort, wo junge Menschen neben dem Elternhaus die meiste Zeit verbringen. Auch wenn die Schule nicht alles leisten kann, so muss sie doch sicherstellen, dass alle Schüler die Grundkompetenzen beherrschen. Die Lehrer müssen nicht alles machen, unser Schulsystem hat da noch Luft noch oben. Es braucht Zusatzpersonal wie Psychologen und auch mehr Zeit in der Schule – also eine Ganztagsschule. Denn neben dem Wissen geht es auch um Haltungen, die eingeübt werden müssen: Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung sind z. B. essenzielle Fähigkeiten, wenn man im Arbeitsleben erfolgreich sein will.

Kann man soziale Fähigkeiten im Lehrplan festschreiben?

Fleck: Man kann sie zumindest lernen – wenn man etwa zu zweit ein Referat macht, übt man im Team zu arbeiten und zu präsentieren.

Friesl: Man kann nicht vorschreiben, wie man unterrichtet, aber man kann beschreiben, welche Ziele und Kompetenzen angestrebt werden. Pädagogen sind in der Lage, so zu unterrichten, dass sie Kompetenzen fördern – indem sie z. B. nicht nur Inhalt, sondern auch Präsentation eines Referats bewerten.

Amiri: Viele dieser sozialen Fähigkeiten habe ich im Job kennengelernt: Ich arbeite jeden Samstag im Supermarkt. Das hat mich selbstbewusster gemacht. Geholfen hat mir mein Geografie-Lehrer, indem er uns viel Praxisnahes beigebracht hat, z. B. dass wir immer zuerst einen Vertrag unterschreiben sollen und dann erst arbeiten.

Fleck: In den berufsbildenden höheren Schulen muss man Pflichtpraktika machen. Das könnte der Gesetzgeber für die AHS verpflichtend einführen, auch wenn ich weiß, dass es nicht einfach ist, einen Platz zu bekommen.

Wie sieht es in den Klassen mit anderen Themen aus, wie z. B. der politischen Bildung?

Hagen: Wir behandeln das intensiv. Vor der Nationalratswahl haben wir uns neun Stunden in der Woche nur mit Parteien beschäftigt.

Aljazzar: Bei uns war ein Experte, mit dem wir über Cybermobbing geredet haben. Und mit unserem Biologielehrer reden wir jeweils eine Stunde über historische Persönlichkeiten – und darüber, wie sie Ziele erreicht und nicht aufgegeben haben.

Fleck: Schüler lernen bei uns auch, wie man mit Krisensituationen umgeht. Da reagieren wir als Schule anlassbezogen – Unterricht wird dann kurzzeitig zur Nebensache.

Bleibt die Frage: Was gehört tatsächlich in den Lehrplan?

Friesl: Es geht um drei Dinge: Es braucht einen guten Rahmen-Lehrplan – mit Betonung auf Rahmen –, der weniger Details festschreibt, sondern eher kompetenzorientiert ist. Derzeit hat ein Volksschullehrplan 276 Seiten. Das braucht es nicht. Bis zum Ende der Schulpflicht gibt es fast 20 Fächer und etliche Unterrichtsprinzipien – da kann man entrümpeln. Zweitens: Es liegt an den Lehrern, Themen zu setzen. Als Akademiker muss ich spüren, was ein Kind z. B. über den Klimawandel wissen muss. Drittens: Weniger Vorgaben von oben bedeutet, dass Schulen mit den Ressourcen Schwerpunkte setzen können.

Fleck: Das Problem ist: In Mathematik schwebt die Matura über allem. Da ist der Druck enorm – auf Lehrer und Schüler. In Biologie sind Details dagegen nicht so wichtig – es geht viel mehr darum, junge Menschen für die Natur zu begeistern. In Mathematik stellt sich für mich die Frage, ob man den gesamten Stoff braucht: Kann man z. B. ohne Integralrechnen studieren? Ich glaube schon.

Die Leistungsunterschiede der Schüler sind enorm. Schafft die Schule, das auszugleichen?

Fleck: Sie muss. Wer Grundlegendes nicht kann, ist am Arbeitsmarkt überhaupt nicht vermittelbar. Das sind die Sozialhilfeempfänger oder – schlimmer – Kriminellen von morgen. Da braucht es einen Standard, um sie fit für den Beruf zu machen.

Friesl: Hier könnten zwei verpflichtende Jahre Kindergarten viel bringen. Wir schlagen zudem eine mittlere Reife vor, die wir Grundbildungsnachweis nennen. Das soll ein attraktiver Abschluss sein, den jeder Schüler, jede Schülerin mit etwa 14 Jahren machen muss. Wer den nicht schafft, muss entsprechend gefördert werden.

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