Wissen
06.05.2018

Wie zwei Grazer Klimaforscher in den UN-Weltklimarat kamen

Klimaforschung: Österreichs hat zwei neue Experten, die im UN-Gremium mitwirken. Was sie dort tun.

2858 aus 108 Ländern wollten dabei sein. 721 haben es geschafft: Sie werden am neuen Weltklimabericht mitarbeiten. Zum sechsten Mal hat der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, siehe Geschichte unten) der Vereinten Nationen Forscher aus aller Welt ausgewählt, die den so genannten Sachstandsbericht zum Klimawandel verfassen sollen. Er dient den Staaten als Grundlage für klimapolitische Entscheidungen und soll im Frühjahr 2021 erscheinen. Mit dabei: Zwei österreichische Wissenschaftler von der Uni Graz. Im KURIER-Interview erzählen die Volkswirtin Birgit Bednar-Friedl und der Klimaforscher Douglas Maraun, wie sie ausgewählt wurden und was sie am Klimawandel fasziniert.

KURIER: Wie kommt man in den Weltklimarat?

Maraun: Man muss sich beim Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus bewerben und wird – bei entsprechender Expertise – nominiert. Dann suchen die drei UN-Weltklimarat-Arbeitsgruppen ihre Autoren aus.

Bednar-Friedl: Man achtet darauf, dass weibliche Forscher und solche aus Entwicklungsländern dabei sind. Außerdem versucht die UN auch immer wieder, neue Wissenschaftler zu gewinnen.

Herr Maraun, Sie sind einer der Leitautoren des Kapitels „Verbindungen zwischen globalem und regionalem Klimawandel“ in Band 1. Was heißt das?

Wir schreiben den Klimawandel-Wissensstand auf, und das ist eine große Herausforderung. Besonders schwierig ist es, Aussagen darüber zu treffen, wie sich das regionale im Verhältnis zum internationalen Klima ändert. Spannend ist auch die Frage, in welchen Regionen der Welt Menschen ohne technische Unterstützung nicht mehr werden leben können – da geht es vor allem um große Hitze, in der es kein Überleben ohne Klimaanlage mehr gibt. Das trifft auf den Nahen Osten bis rüber nach Pakistan und Indien zu.

Frau Bednar-Friedl, Sie sind Koordinierende Leitautorin für das Kapitel zu regionalen Klimafolgen in Europa im 2. Band des Klimaberichts. Heißt was?

Es gibt für jeden Raum regionale Kapitel. Ich bin für den Klimawandel und seine Folgen in Europa zuständig. Beispielsweise befasst sich eines unserer Forschungsprojekte mit Klimawandelfolgen für den Außenhandel. Gerade der südostasiatische Raum kann sehr stark von Hitzeperioden und ansteigendem Meeresspiegel betroffen sein, was gravierende Auswirkungen auf Österreich haben kann, weil viele Produkte aus dieser Region kommen.

Sie befassen sich auch damit, wie Menschen sich anpassen können.

Ja, ein großer Aspekt sind hier psychologische und ökonomische Fragen. Heißt: Wie geht es den Menschen damit? Wir werden nur dann gut mit den Klimawandel-Folgen umgehen, wenn es die Bevölkerung als wichtig erachtet. Die Philosophie des IPCC ist es, den Kenntnisstand so aufzubereiten, dass Entscheidungen von Ministerien, Unternehmen und privaten Haushalten auf Basis einer guten Informationslage getroffen werden können, ohne ihnen zu sagen: So musst du es tun. Die große Herausforderung: Nicht zu kompliziert werden.

Woher kommt Ihre Begeisterung für die Klimaforschung?

Bednar-Friedl: Es ist ein Thema, bei dem man die persönliche Betroffenheit spürt, wenn man sie spüren möchte.

Mauran: Mich treibt um, sinnvolle Informationen zur Verfügung zu stellen. Außerdem gehört Klimaforschung zu den wichtigen, gesellschaftlich relevanten Themen.

Stichwort: Wer ist der Weltklimarat?

Alle fünf bis sieben Jahre  ein Bericht über den Stand der Klimaforschung

Angesichts der Erderwärmung wurde vor fast 30 Jahren der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) gegründet, der 195 Mitgliedsländer hat und 2007 für seinen Kampf gegen den Klimawandel den Friedensnobelpreis erhielt.

Der Weltklimarat ist ein von der UNO eingesetztes Gremium von Wissenschaftlern, forscht aber nicht selbst, sondern trägt Erkenntnisse zusammen. Alle fünf bis sieben Jahre wird ein Bericht über den Stand der Klimaforschung veröffentlicht. Er besteht aus drei Teilen:

  • Teil 1 beleuchtet die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimas, vergangene und künftige Änderungen von Temperatur, Ozeanen und Gletschern sowie den Einfluss des Menschen.
  • Teil 2 zeigt die Auswirkungen auf Mensch und Natur und sucht nach Möglichkeiten, wie wir uns anpassen können.
  • Teil 3 sammelt Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels.

Kein anderer Bericht durchläuft so viele Prüfungen wie der Weltklima-Report. Für Teil 1 sichten meist mehr als 800 Wissenschaftler weltweit Tausende Studien. Später wird das um die 2000 Seiten starke Werk auf maximal 40 Seiten eingedampft, damit es überhaupt von Politikern gelesen wird.

Zur Person

Birgit Bednar-Friedl wollte schon in der Volksschule Umweltforscherin werden. Heute leitet die  Volkswirtin von der Universität Graz die Forschungsgruppe „Ökonomik des Klima- und globalen Wandels“ am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel. Ihre Forschungsgebiete: Internationale Klimapolitik, wirtschaftliche Folgen des Klimawandels sowie Klimawandel-Anpassung. Mit den Themen Klimawandel-Folgen und Anpassung in Europa wird sich Bednar-Friedl jetzt auch als koordinierende Leitautorin von Teil 2 des Kima-Berichtes befassen.

Douglas Maraun hat sich schon immer für Naturwissenschaften interessiert. Während des Physik-Studiums wurde er  immer mehr zum Meteoro- und Klimatologen. Heute leitet der Klimaforscher von der Universität Graz die Arbeitsgruppe für Regionalen Klimawandel am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel. Seine Forschungsgebiete: Unsicherheiten von Regionalen Klimaszenarien, Güte von Klimamodellen, Änderung von Extremniederschlag im Klimawandel. Als Leitautor des Weltklimaberichts 2021, Teil 1, wird er den Klima-Wissenstand zusammentragen.