© APA/EPA/ANDY RAIN

Drogen
08/27/2015

Wie sehr verändert Cannabis das Gehirn?

Zwei neue Studien zum Thema "Cannabis & Gehirnentwicklung" zeigen: Es ist kompliziert.

Kiffen liegt im Trend, die Legalisierung von Cannabis wird weltweit vorangetrieben. Eines der Hauptargumente der Befürworter: Es sei harmloser als das (legale) Trinken von Alkohol. Doch ist das so?

In Wirklichkeit ist alles sehr kompliziert. Wie Marihuana auf das Gehirn wirkt, wird seit Jahren intensiv untersucht. Dabei wird immer offensichtlicher, dass die Auswirkungen komplexer sind, als bisher gedacht. Sie sind vor allem abhängig von der Person und von deren Erbanlagen, wie zwei neue Studien zeigen, die im Journal JAMA Psychiatry veröffentlicht wurden.

Die bisherige Datenlage: Zahlreiche Untersuchungen konnten Unterschiede zwischen Kiffer-Gehirnen und solchen, die niemals Cannabis konsumiert haben, nachweisen. So hat sich etwa gezeigt, dass so genannte „Heavy User“ (sie rauchen mind. 3x täglich Marihuana) weniger graue Gehirnmasse im Bereich des orbifrontalen Cortex haben. Eine Region, die mit Sucht in Verbindung gebracht wird. Außerdem gibt es Studien, die nachweisen konnte, dass der IQ sinkt, wenn bereits in der Pubertät gekifft wird. Und viele Untersuchungen wiesen eine Verbindung zwischen der Entwicklung einer Schizophrenie und Cannabiskonsum nach.

Genetische Anlagen spielen eine große Rolle

Die neuesten Erkenntnisse - erstens: Marihuana führt nicht – wie bisher gedacht – zwingend zu einer verminderten Gehirngröße bei Teenagern. Im Gegenteil: Wie Menschen auf Cannabiskonsum reagieren und ob sie überhaupt darauf anspringen, scheint ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren wie Umwelt und genetischer Veranlagung zu sein. So zeigte sich in einer aktuellen Zwillings/Geschwisterstudie der National Institut of Mental Health, dass Teenager, die kifften (und sei es nur einmal) eine kleinere Amygdala haben – das ist eine Gehirnregion, in der Gefühle verarbeitet werden und die eine Art Belohnungszentrum darstellt. Deren genetisch ähnlichen Geschwister, die nicht kifften, zeigten allerdings ebensolche Veränderungen im Gehirn.

Das Gehirn verändert sich - vor allem bei jungen Menschen

Weiters: Bei Menschen, die eine erbliche Prädisposition für Schizophrenie haben, kann früher Cannabiskonsum die Gehirnentwicklung negativ verändern. In einer weiteren aktuellen Studie von Dr. Tomáš Paus, Neurowissenschaftler am Rotman Research Institute, Toronto, wurden mit Magnetresonanzgeräten MRI die Gehirne von mehr als 1500 männlichen Teenagern untersucht – und zwar zwei Mal. Einmal mit 15 und dann mit 19 Jahren. Bei jenen, die in diesem Zeitraum von vier Jahren kifften und gleichzeitig eine genetische Veranlagung für Schizophrenie hatten, wurde der Kortex im Gehirn „dünner“. Zwar ist nicht klar, was diese Veränderung konkret bewirkt, aber es könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Cannabiskonsumenten weniger Verbindungen zwischen den Gehirnzellen haben, und auch weniger Blutgefäße und Kapillaren, die das Gehirn versorgen.

Das Fazit der Forscher: supervorsichtig sein!

Speziell bei jungen Menschen mit einer Disposition für Schizophrenie reift das Gehirn anders. „Gibt es in der Familiengeschichte schwere psychotische Erkrankungen, muss man die Kids daher ermutigen, Cannabis gänzlich zu meiden. Da muss man super-, supervorsichtig sein“, sagt Studienautor Tomáš Paus. „Cannabis ist keine harmlose Droge“, kommentiert auch der bekannte Neurowissenschaftler David Goldman die neuen Erkenntnisse. Was die Substanz speziell in und mit jungen Gehirnen anstellt, sei nach wie vor unklar und von sehr vielen Faktoren abhängig. Außerdem macht die Dosis das Gift – unumstritten ist, dass das am Markt befindliche Cannabis immer höhere Konzentrationen am halluzinogenen Wirkstoff Tetracannabinol aufweist, und daher entsprechend stärker wirkt. Mit unbekannten Folgen.