Vor 200 Jahren: Wie 14 Österreicher den Regenwald erkundeten

Brasilien Expedition…
Foto: /AkB/Kupferstichkabinett Aquarell von Thomas Ender, archiviert in der Akademie der bildenden Künste Wien

Vor 200 Jahren schickte der Kaiser 14 österreichische Gelehrte und Maler zu einer Expedition nach Brasilien.

Der Herr Expeditionsleiter ist ergriffen. In einem Brief nach Wien meldet Johann Christian Mikan von einem besonderen Gefühl, das ihn übermannt, wenn er den Urwald betritt: "Wo nie durch menschliche Kraft ein Baum fiel, wo sie alle noch stehen, wie sie ursprünglich da standen, gleich Säulen, die den hohen Dom des immer grünen Natur-Tempels tragen."

Im Frühjahr 1817 hat Kaiser Franz I. aus Anlass der Heirat seiner Tochter Leopoldine mit Dom Pedro, dem späteren Kaiser von Brasilien, 14 Naturforscher und Maler in das damals nahezu unentdeckte Land entsandt. Im Sommer vor 200 Jahren kommen sie an – und können ihren Sinnen kaum trauen.

NHM, Brasilien Expedition Foto: KURIER/Franz Gruber "Diese Expedition war in jedem Fall einzigartig", erklärt Christa Riedl-Dorn bei ihrer Führung durch das Naturhistorische Museum. Die Leiterin des dortigen Archivs für Wissenschaftsgeschichte ist seit vielen Jahren mit der sogenannten Leopoldina-Expedition betraut. Das Einzigartige: Für die streng ausgewählten Expeditionsteilnehmer gibt es weder zeitliche noch finanzielle Limits. "Dafür müssen sie aber auch Ergebnisse liefern", beeilt sich Riedl-Dorn hinzuzufügen. Unzählige Krokodile, Schlangen und tropische Vögel, die heute in den Schauräumen des Museums zu sehen sind, wurden vor 200 Jahren in Brasilien geschossen und präpariert. Unglaublich, wie gut sie die lange Zeit überstanden haben.

Undurchdringlich wild

Nach dem Rundgang durch das Museum am Ring öffnet die Wissenschaftshistorikerin das auf 15 Grad Celsius abgekühlte Depot, in dem die Aquarelle der Expeditionsteilnehmer für die Nachwelt archiviert werden. Sind der mit der Leitung beauftragte Johann Christian Mikan und sein illustres Forscherteam naturgemäß auf der Jagd nach Informationen über exotische Pflanzen und Tiere, so menschelt es bei ihrer abenteuerlichen Expedition von Anfang an.

"Die Gegend ist daselbst romantisch schön, aber auch undurchdringlich wild", notiert Mikan bald nach seiner Ankunft. Mit einem hübsch und bequem eingerichteten k. und k. Gewächshaus in der Kaiserstadt hat die Flora und Fauna in Regenwald in der Tat wenig gemein.

Und so beklagt sich der Botaniker und Entomologe in einem vertraulichen Schreiben an den Direktor der "Vereinigten Naturalien-Cabinete", dass seine Sammlungen ständig von Ameisen und Termiten angegriffen werden. Diese frechen exotischen Tiere wollten nicht einmal vor den Entsandten der Habsburger haltmachen: "Eben vor einigen Tagen hat jemand durch die Gefräßigkeit der Termiten einen ganzen Koffer voll Wäsche und Kleidungsstücken eingebüßt."

Der Abenteuercharakter der Brasilien-Expedition lässt sich aus heutiger Sicht vergleichen mit einer Mission ins All: Anders als die europäischen Kolonialmächte verfügen die Habsburger und ihre Untertanen über keinerlei Expertise in Südamerika. Schon bald nach dem Ablegen im Hafen von Triest gerät eines der beiden Schiffe in Seenot.

NHM, Brasilien Expedition Foto: KURIER/Franz Gruber Den beschwerlichen Weg der "Kammer-Herren" durch den Regenwald nach "St. Paul" (São Paulo) hat der Maler Thomas Ender auf einem seiner Aquarelle festgehalten. Beim Anblick des Bilds erklärt Chronistin Riedl-Dorn: "Ein anderer Maler fällt vom Reitpferd und wird gepfählt. "Er muss wenig später die Heimreise antreten."

Johann Christian Mikan hat noch ein ganz anderes, ein zwischenmenschliches Problem: in der Person des Zoologen und Präparators Johann Baptist Natterer. Der genießt nicht nur die schützende Hand von Fürst Metternich, er beweist in der Wildnis Brasiliens auch den deutlich längeren Atem.

18 Jahre, 17 Jahre länger als sein Vorgesetzter, hält Natterer im Urwald durch. Mit Hilfe von zwei Sklaven und einigen Zugeteilten sammelt er nachweislich 12.293 Vögel, 1146 Säugetiere, 1621 Fische, gut 32.000 Insekten sowie 1729 Gläser mit Eingeweidewürmer. Damit erwirbt er sich in Wien das Prädikat "Prinz der Sammler".

Ganz im Schatten der beiden Gegenspieler agiert Mikans Frau. "Von ihr wissen wir heute nicht einmal den Namen", beklagt Christa Riedl-Dorn. Dabei erweist sich die Frau ohne Namen als frühe Multitaskerin. Sie bekocht nicht nur die Herren Hofräte, sie kümmert sich auch um die lebenden und die toten Tiere, die sie meisterhaft präpariert, wie ihr Gatte in einem Privatbrief festhält.

Die Frau ohne Namen

Zum Markenzeichen der Frau des Chefs wird ein kleines Äffchen, das sie nach ihrer Rückkehr bei Abendveranstaltungen in Wien auf ihrer Schulter trägt. Typisch österreichisch ist wohl auch, dass aufgrund der internen Spannungen zwei deutsche und ein italienischer Forscher den internationalen Ruhm der Expedition ernten. Dabei waren die drei Externen, eingeladen vom Kaiser und seinem Einsager Metternich, nur als Gäste mit von der Partie.

Naturhistorisches Museum Wien Foto: KURIER/Franz Gruber Schauplatz Museum: Am Sonntag  bietet sich für Besucher des Naturhistorischen Museums die Gelegenheit, mehr über die historische Expedition nach Brasilien zu erfahren: Die Archivare öffnen um 11 Uhr ihre Depots und führen hinter die Kulissen zu selten gezeigten bzw. noch nie ausgestellten Objekten. Bei einer speziellen Führung ab 15.30 Uhr  werden sie auch die 200 Jahre alten Exponate im Schaubereich präsentieren. Alle Infos unter: www.nhm-wien.ac.at

Die Gegenspieler: Mikan versus Natterer

Der Expeditionsleiter

Johann Christian Mikan Brasilien-Expedition… Foto: /AfW NHMW Johann C. Mikan (1769 –1844) ist von seiner Profession her ein Botaniker, vor allem aber ein Insektenkundler. Auf Initiative des Leibarztes des Kaisers, Freiherr Andreas Josef von Stift, wird der Professor für Natur- geschichte vor der Abfahrt nach Brasilien dem Präparator Natterer vor die Nase gesetzt. Er soll die Expedition  anführen. Mikan hält ein gutes Jahr in der Fremde aus. Danach kehrt er nach Wien heim; Zeitzeugen wollen eine gewisse Verbitterung bei ihm erkennen.

Der „Prinz der Sammler

Johann Natterer Brasilien-Expedition… Foto: /AfW NHMW “Johann Natterer (1787 –1843) ist von seiner Profession Zoologe, er ist aber auch ein begnadeter Präparator. Seine Fürsprecher am Hof in Wien sind Fürst Metternich und der Direktor der „Vereinigten Naturalien-Cabinete“, Carl von Schreibers, der ihn ausgebildet hat. Natterer bleibt 18 Jahre in Brasilien und geht damit als der führende Kopf der Leopoldina- Expedition in die Geschichte ein. An seiner Person lässt sich auch zeigen, wie sehr die Wissenschaft von der Politik beeinflusst wird. 

(Kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?