Wissen
28.07.2018

Besuch beim Bienen-Doc: Warum Immen jetzt eigene Ärzte haben

Neuerdings gibt es eigens für Bienen ausgebildete Fachärzte. Was die tun, hat der KURIER ergründet.

Schutzbrille, Handschuhe und ein Ganzkörper-Anzug, der noch gute Dienste leisten wird: Vorsichtig füllt Ulrike Bunka in ihrer Praxis im niederösterreichischen Mollmannsdorf 100 ml AMO Varroxal 85% in ein vorbereitetes Plastikflascherl (Bild unten). „Riecht ein bisschen streng“, sagt sie. Kurze Zeit später wird sie den Wirkstoff im Bienenstock platzieren. „Die Varroamilbe wird in Österreich unter anderem mit Ameisensäure bekämpft.“

Die Tierärztin weiß genau, was sie sagt und tut – ist sie doch eine von 23 frisch ausgebildeten Bienendocs. Als Antwort auf das Bienensterben hat die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmed) nämlich 2013 beschlossen, Veterinär-Mediziner zu Fachtierärzten für Bienen auszubilden.

Der Berufsstand sei „ein Baby, nein, ein Embryo“, sagt Bunka. „Es gibt bei mir noch keine Anrufe: ,Bitte kommen Sie, meine Bienen sind krank.’“. Die Bienendoktorin ist bescheiden: Natürlich gebe es Bienendocs, die „seit Jahren selbst Bienen haben, sich wunderbar auskennen und zum Beispiel Sachverständige sind. Wir müssen trotzdem erst einmal auf die Imker zugehen und schauen, ob wir Akzeptanz finden.“

Während sie das sagt, hantiert die von Kopf bis Fuß eingehüllte Bunka geschickt an ihren eigenen Stöcken. „Ich bin Jung-Imkerin“, erzählt sie. „Zuerst schaue ich, was sich am Flugloch tut und ob tote Bienen herumliegen. Wenn das der Fall ist, beginnt sofort die Suche, nach dem Warum.“ Für heute gibt es Entwarnung, trotzdem wollen auch noch die Waben genau in Augenschein genommen werden, ehe sie die vorbereitete Ameisensäure mit dem so genannten Liebig-Dispenser in den Stock stellt (Bild unten) und ihn wieder verschließt.

Kaninchen im Nacken

Vorausschauend hat Bunka schon am Tag davor eine Tasse, Stockwindl genannt, am Boden des Stocks platziert. Die zieht sie jetzt heraus: „Darauf sammeln sich Varroamilben und ihre Ausscheidungen.“ Und weiter: „In allen Stöcken gibt es Varroamilben.“ Das war nicht immer so. In den frühen 1980er-Jahren sei sie aus Asien eingeschleppt worden. „Die östliche Honigbiene kommt mit der Varroamilbe zurecht. Unsere aber leider nicht.“ Ein Vergleich macht die Dimension klar: Würde uns ein Zwergkaninchen im Nacken sitzen, würde sich das ungefähr so anfühlen, wie wenn eine Biene von einer Varroamilbe befallen ist.

Ulrike Bunka hält die weiße Tasse ins Sonnenlicht, winzige dunkle Punkte sind darauf sichtbar, die sie später sorgfältig zählen wird (Bild unten). „Das ist wichtig“, sagt sie. So könne man den Grad des Befalls abschätzen.

 

Womit wir auch schon fast beim Bienensterben wären: „Man denkt, dass die Varroamilbe mitschuldig ist, aber nicht alleine“, sagt Bunka. Neonicotinoide und sinkende Biodiversität machen den Bienen genauso zu schaffen, meint sie und hält ein Plädoyer gegen Zersiedelung, Monokultur und Versiegelung der Böden. Sowie für die Magerwiese: „Die hat die größte Pflanzenvielfalt und Insektendichte, außerdem ist sie eine sehr wichtige Nahrungsquelle für die Bienen.“

Wirtschaftsfaktor Biene

Bienen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: „Alleine in der EU erbringen sie etwa 15 Milliarden Euro an Bestäubungsleistung“ (volkswirtschaftlicher Nutzen an Bestäubungsleistung), sagt Bunka und erklärt, wo sie die Aufgabe des neuen Berufsstandes sieht: „Vermittlung zwischen Imker und Amttierärzten im Seuchenfall und kleine Imker im Paragrafen-Dschungel unterstützen.“ Dass sich Bienendoktoren ständig weiterbilden müssen, um auf dem neuesten Wissenstand zu bleiben, sei ja selbstverständlich.

Bunka, deren Spezialgebiet die Lebensmittelhygiene ist, kritisiert ein Zuviel an Vorschriften, das auch Hobbyimker betrifft, die nur wenige Gläser Honig im Jahr verkaufen und könnte sich vorstellen, dass Bienendoktoren Imker in Sachen Lebensmittelhygiene oder Qualitätsmanagement beraten.

Letztlich sei die Imkerei so schön, weil Bienendoktoren die Biene – anders als die anderen Nutztiere – nicht der Schlachtung zuführen, sondern ihre Produkte verwerten und versuchen, die Biene möglichst lebendig zu erhalten. Bunka abschließen über ihr Ziel: „Dass Bienendoktoren sich gemeinsam mit den Imkern um die Bienengesundheit bemühen.“