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31.07.2018

Autark und glücklich: Wie diese Orte die Energiewende geschafft haben

Modellorte, die mehr Ökostrom produzieren, als sie verbrauchen, zeigen vor, wie unser Energiesystem einmal aussehen könnte.

Das magische Jahr ist 2050. Bis dahin möchte die EU ihre Treibhausgas-Emissionen gegenüber dem Jahr 1990 um 80 Prozent senken. Der Energiesektor sollte dann nahezu CO2-frei sein, unser Strom fast hauptsächlich aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Eine Mammutaufgabe. 2016 lag der Anteil erneuerbarer Energien am europaweiten Energieverbrauch gerade einmal bei 17 Prozent. Wenn die EU ihre Klimaziele erreichen möchte, dann bedarf es in vielen Bereichen eines radikalen Umdenkens. Keine Subventionierung mehr von fossilen Energieträgern, stattdessen massive Investitionen in erneuerbare Energie.

Was im Großen noch Zukunftsmusik ist, ist im Kleinen oft schon Realität. Es gibt in Europa mittlerweile eine Reihe an Kommunen, die bereits heute mehr Strom aus erneuerbaren Quellen produzieren, als sie selbst verbrauchen. Diese Modellorte zeigen, wie der Umstieg zu schaffen ist, welche Vorteile er gerade für strukturschwache Regionen bringen kann und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Wir haben drei von ihnen besucht. Eine Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Energiewende.

Energiewende 1.0 – Als ein moderner Don Quijote seine Stadt mit Windrädern rettete

Der beliebteste Bürger von Varese Ligure liegt am örtlichen Friedhof in einem schlichten Schiebegrab begraben. Maurizio Caranza, 1940 – 2007, steht auf dem Grabstein geschrieben, über den Jahreszahlen ist ein kleines Bild von ihm zu sehen. Sein Grab ist unscheinbar, ohne Pomp, im Gegensatz zu den kunstvoll verzierten Gräbern der lokalen Aristokratie. Doch das Erbe, das er hinterließ, als er 2006 überraschend an einem Herzinfarkt starb, ist größer als das der vielen Ehrenbürger, die unter den Marmorplatten des überdachten Säulengangs am Ende des Friedhofs begraben liegen. Ohne Caranza, sagen hier in der Stadt viele, wenn sie über den früheren Bürgermeister erzählen, würde es Varese Ligure heute vielleicht gar nicht mehr geben, aber mit Sicherheit würde es anders aussehen. Ärmer, älter, verlassener, so wie viele kleine Städte in den strukturschwachen ländlichen Gegenden Italiens.

 

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Als Caranza 1990 erstmals zum Bürgermeister gewählt wurde, übernahm er eine sterbende Stadt. Ende der 1980er Jahre war die Einwohnerzahl im langgestreckten Vara-Tal in der Region La Spezia im Nordwesten Italiens von einst 8000 auf 2250 zurückgegangen. Das von Landwirtschaft geprägte Tal, umringt von einer zerklüfteten Berglandschaft, hatte nichts zu bieten, keine Jobs, keine Perspektive. Die Jungen suchten woanders ihr Glück, gingen ins nahe gelegene La Spezia oder nach Genua. Doch Caranza hatte eine Vision, wie er seiner Stadt neues Leben einhauchen könnte: Die vermeintlichen Schwächen der Region – ihre geographische Isolation, die antiquierten Praktiken der lokalen Bauern, das Fehlen jeglicher modernen Industrie – sah er als einen möglichen Ausweg aus der Krise. In den frühen Neunzigern, als noch kaum jemand über Klimawandel und Nachhaltigkeit sprach, hatte er die Idee, Varese Ligure zu einen Zentrum grüner Wirtschaft und grünen Tourismus zu machen.

„Für Caranza war klar, dass eine Konzentration auf Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien und eine Umstellung auf biologische Landwirtschaft die einzige Chance war, unserer Gemeinde wieder eine Zukunft zu geben“, sagt Michela Marcone, damals Caranzas Stellvertreterin und bis 2014 seine Nachfolgerin als Bürgermeisterin, in der Lobby des Hotels Albergo Amici, das seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie ist. „Die Leute in den Nachbargemeinden hielten uns für verrückt, doch hier bei uns konnten wir trotz anfänglicher Skepsis die meisten überzeugen, dass das der richtige Weg ist. Caranza war wirklich ein Visionär.“ Oder, wenn man so will, ein moderner Don Quijote. Anstatt gegen Windräder anzurennen, baute er sie.

Hoch oben auf der Bergkette über Varese Ligure, auf 1100 Meter Seehöhe, stehen heute vier davon, jedes einzelne 46 Meter hoch. Caranza war nicht nur ein Visionär, sondern auch ein Experte in Sachen Förderungen. Ein Drittel der Investitionskosten kam aus regionalen und europäischen Fördertöpfen, der Rest wurde privat finanziert. Vor allem ohne die EU-Förderungen hätte sich die Gemeinde so ein Riesenprojekt niemals leisten können. Als die Windräder ans Netz gingen, wurde Varese Ligure mit einem Schlag zum Pionier: 2001 war sie die erste Gemeinde in Europa, die ihren Elektrizitätsbedarf zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen bezog. 6,5 Gigawattstunden Strom produzieren die Windräder heute jährlich, drei Mal mehr, als die Bewohner des Tals selbst verbrauchen. 102 Photovoltaik-Panels am Dach des Rathauses decken zudem den gesamten Stromverbrauch des Gebäudes, und sogar das städtische Schwimmbad wird mit Solarkraft geheizt.

 

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Eingespeist wird der produzierte Strom ins lokale Netz, das vom Energieversorger Acam gemanagt wird, der die Windräder nicht nur verwaltet, sondern zusammen mit der Gemeinde auch Mitbesitzer ist. 30.000 Euro für den Stromüberschuss gehen jährlich ins städtische Budget, außerdem sind die Stromkosten für die Bewohner um einiges niedriger als in den Nachbargemeinden. Doch abseits der finanziellen Vorteile war der Fokus auf erneuerbare Energien Teil eines Masterplans, das gesamte Tal zu hundert Prozent in Richtung Nachhaltigkeit umzugestalten. Dazu gehörte vor allem auch die Umstellung der lokalen Landwirtschaft auf Bioproduktion. Dafür wurden eine Ökomolkerei und eine Biofleischkooperative gegründet, ein Zusammenschluss von mehr als hundert Bauernhöfen, die heute allesamt bio-zertifiziert sind.

Die Gemeinde investierte außerdem, wieder mit Geldern aus den EU-Fonds für Regionalentwicklung, in die Neugestaltung des pittoresken Stadtzentrum mit seiner mittelalterlichen Burg und in die Beseitigung der alten Bausünden – zusammen mit den Anwohnern, die von Caranza überzeugt wurden, Geld in die Hand zu nehmen, ihre alten Häuser zu renovieren. Die Folge: Innerhalb weniger Jahre wandelte sich Varese Ligure von einer sterbenden zu einer zaghaft prosperierenden Stadt. Seit Ende der Neunziger Jahre hat sich die Zahl der Touristen versechsfacht. Vor allem der sogenannte Agritourismus, Urlaub am Bauernhof, boomt.

Insgesamt konnten durch die Umstellung auf eine komplett nachhaltige Wirtschaft 150 neue Jobs geschaffen werden. Dabei musste gar nicht viel umgestellt werden, die Bauern hier produzierten immer schon biologisch, wenn auch mehr aus finanziellen denn aus ideologischen Gründen. Viele konnten sich schlicht die teuren Dünger und Futtermittel nicht leisten, die Kühe liefen seit jeher frei auf den Almen herum. Doch was früher als rückständig galt, wurde plötzlich zum Alleinstellungsmerkmal, Nachhaltigkeit zur neuen Identität. Und am Wichtigsten: Der Bevölkerungsschwund konnte zumindest abgeschwächt werden. Einige Junge ziehen auch heute noch weg, aber nicht mehr, weil sie müssen. Die, die bleiben wollen, haben wieder eine Zukunft.

 

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So wie Sabina Molinari. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Tochter lebt sie auf dem Bauernhof, auf dem schon ihr Vater groß geworden ist. Ihre Farm liegt so abgelegen, dass es vom Stadtzentrum eine halbstündige Autofahrt braucht, bis am Ende von angsteinflößenden Schotterwegen durch die Berge plötzlich das kleine Haus inmitten einer idyllischen Almlandschaft auf 1000 Meter Seehöhe, gleich unterhalb der kommunalen Windmühlen, auftaucht.

Auf der Wiese vorm Haus laufen Ziegen und Hühner herum, zusammen mit der Eselin Camilla, der einzige Grund, warum hier die Türen abgeschlossen werden müssen, seitdem sie gelernt hat, wie Türklinken funktionieren. Im kleinen Stall, der ans Wohnhaus angebaut ist, fressen dreizehn Milchkühe und ein kleines Kalb das selbstgemähte Gras, das Molinari gerade in die Futtertröge geworfen hat.

Sabina gehört zu den klassischen „contadini“, den Kleinbauern, von denen es hier auch heute noch viele gibt. „Auch wenn die Arbeit wirklich hart ist, ich wollte nie weg von hier“, sagt die 39-Jährige mit ihrem einnehmenden Lächeln. „Aber ohne die Vision von Caranza hätten wir hier schon lange aufgeben müssen.“ Ihr Hof sei schlicht zu klein, als dass sie ohne die Kooperative und die höheren Preise für die Biomilch überleben könnte.

Zum Mittagessen in der aus der Zeit gefallenen Stube mit seinem siebzig Jahre alten massiven Steinofen gibt es selbstgemachte Salami als Antipasti und Pasta Corzetti con Funghi, mit Pilzen aus dem Wald, der hinunter ins Tal führt. Selbst die Flasche Grappa am Küchentisch kommt aus der Eigenproduktion eines Nachbars vom gegenüberliegenden Hügel. Varese Ligure wirkt wie eine Antithese zum globalisierten Kapitalismus. Klein bleiben, um wieder wachsen zu können. „Der Nachhaltigkeitsansatz hat Kleinbauern wie mir wieder eine Perspektive gegeben“, sagt Sabina am Weg zurück in die Stadt, vorbei an den Windrädern, die sich langsam und rhythmisch drehen.

Das Problem: Mit dem Tod von Caranza blieb auch seine Vision auf halbem Weg stehen. Ein kleines Wasserkraftwerk, schon seit vielen Jahren in Planung, wurde nie umgesetzt. Zu hohe Kosten, zu viel Bürokratie, wie so oft in Italien. Schon das Genehmigungsverfahren für den Windpark dauerte mehr als ein Jahr. Varese Ligure mag ein Pionier und ein Beispiel dafür sein, wie grüne Wirtschaft gerade ruralen, strukturschwachen Regionen eine neue Perspektive geben kann, aber in gewissem Maße repräsentiert es eine Energiewende 1.0. Denn die komplette Umstellung auf hundert Prozent erneuerbare Energien kann im Kleinen durch die Vision eines engagierten Bürgermeisters gelingen, in großem Maße ist aber wesentlich mehr notwendig: keine rein von oben verordnete Wende, sondern die Partizipation vieler. So wie im 1400 Kilometer nördlich von Varese Ligure gelegenen Thisted in Dänemark.

Energiewende 2.0 – Welt retten und Geld verdienen

„Das hier ist meine Rente“, sagt Anders Hosbond mit einem Schmunzeln auf den Lippen, und zeigt auf das vergleichsweise kleine Windrad, das nur ein paar Meter hinter der Schweinefarm steht, die er seit 1983 bewirtschaftet. Vor knapp zwei Jahren hat er es von einer lokalen Firma bauen lassen, seitdem hat es 80.000 Kilowattstunden Strom produziert, der ins lokale Netz eingespeist wurde. Und das zu einem fixen Preis, der von der Regierung zwanzig Jahre lang subventioniert wird. In drei Jahren, rechtzeitig zu seiner Pensionierung, wird Hosbond die Kosten für die Installation abbezahlt haben, die folgenden fünfzehn Jahre wird er mit jeder Umdrehung des Rotorblatts Profit machen. „Ein gutes Geschäft“, sagt er, und setzt wieder sein spitzbübisches Lächeln auf.

Hosbonds Farm steht in Hurup, einem kleinen Dorf in der Kommune Thisted im Nordwesten Dänemarks. 46.000 Menschen leben hier auf der Halbinsel Thy, zwischen Dünenlandschaften und Heidefächen. Die ländliche Region ist von Landwirtschaft geprägt, und von Windrädern wie dem von Hosbond. Es gibt hier kaum einen Ort, von dem aus nicht eine der insgesamt über 250 Windmühlen zu sehen ist. Von kleinen, altmodisch daherkommenden wie jener auf Hosbonds Farm bis zu über hundert Meter hohen mit einer Kapazität von 4 Megawatt ist hier alles vertreten. Thisted produziert heute 130 Produzent seines Elektrizitätsbedarfs mit erneuerbaren Energieträgern, knappe hundert Prozent mit den Windanlagen, der Rest kommt von Biogas-, Solar- und Müllverbrennungsanlagen. Über ein Fernwärmesystem basierend auf Geothermie- und Biomasseanlagen kommen zudem 85 Prozent der verbrauchten Heizwärme ebenso aus erneuerbaren Quellen.

 

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Das Außergewöhnliche daran: Die Entwicklung hin zur Modellgemeinde in Sachen erneuerbare Energien wurde großteils von normalen Bürgern getragen, vor allem von den lokalen Bauern wie Anders Hosbond. Von den hunderten Windrädern gehören nur zwei der Gemeinde, der Rest ist im Besitz von Privatpersonen oder lokalen Kooperativen, für die die Investition in erneuerbare Energien ein profitables Geschäft ist. Selbes gilt für die Biomassekraftwerke und Biogasanlagen. Die Gemeinde ermutigt die Anwohner aktiv, sich an lokalen Initiativen zu beteiligen, organisiert Bürgertreffen und Workshops und bietet den daraus entstehenden Projekten finanzielle und technische Beratung.

Begonnen hat alles 1983. Ausgehend vom Ölschock in den 1970er Jahren gründete die Gemeinde das Folkecenter für Erneuerbare Energien, eine Non-Profit-Organisation, das zur Implementierung neuer Technologien forscht und als Art lokaler Inkubator diente. Ziel war, fossile Treibstoffe und Atomkraft vollständig durch erneuerbare Energien zu ersetzen. „Uns wurde damals vor Augen geführt, dass unsere vollständige Abhängigkeit von Öl ein Problem ist“, sagt Jane Kruse, einer der Gründerinnen und heutige Direktorin des Centers, im Garten des früheren Bauernhofs, der heute das Forschungsinstitut beherbergt. Eine kleine Gruppe von engagierten Leuten und Wissenschaftlern hätte sich zusammengefunden, um zu zeigen, dass es auch anders gehen kann. Eine Idee, die anfangs nicht von allen hier geteilt wurde. „Windräder galten damals als Hippietechnologie. Viele hielten es für völlig unrealistisch, dass wir fossile mit erneuerbarer Energie ersetzen können.“ Das änderte sich, als die ersten Kooperativen entstanden und zeigten, dass es nicht nur technisch möglich ist, sondern auch finanziell.

Kurt Westermann war einer jener engagierten Bürger, die von Anfang an dabei waren und vor über dreißig Jahren eine Kooperative gründeten. Von einem Fenster in seinem Haus in Hanstholm am nördlichen Ende von Thy aus zeigt er auf den gegenüberliegenden Hügel, wo sich fünf große Windräder drehen. „Dort haben wir 1986 mit einem kleinen angefangen. Die meisten hier haben uns für verrückt gehalten, und wir hatten selbst kaum eine Ahnung davon.“ Die Idee war: Jedem Bürger in Hanstholm war es möglich, bei der Finanzierung mitzumachen. Und da jeder mitmachen konnte, hätte es auch keine Proteste gegeben. Es habe sich schnell gezeigt, dass Windkraft profitabel ist. Profit, der in der Gemeinde bleibt. „Nur wenn so wie heute immer mehr Leute von außerhalb kommen und in Projekte investieren wollen, fangen die Leute zum Protestieren an.“

 

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Dass gerade Thisted zur Vorbildgemeinde in Sachen erneuerbarer Energie wurde, ist kein Zufall und nicht nur dem Engagement der lokalen Bevölkerung zu verdanken. Es gibt weltweit kaum einen Ort, an dem es bessere Bedingungen für Windkraft gibt als die westdänische Atlantikküste. Außerdem ist Dänemark die Wiege der modernen, kommerziellen Windkraftnutzung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war der dänische Erfinder Poul La Cour einer der Wegbereiter moderner Windkraftanlagen. Und in den 1980er Jahren begann hier, von der Regierung forciert, der bis heute anhaltende globale Windenergie-Boom. 1985 standen in Dänemark bereits über 1000 Windräder, ein paar Jahre später folgte der weltweit erste Offshore-Windpark. Und im Jahr 2017 produzierten die dänischen Windkraftanlagen 43,6 Prozent des landesweiten Strombedarfs, mehr als jedes andere Land der Welt.

Die Voraussetzungen waren also da, und der politische Wille kam noch hinzu. Am Weg zur Vorbildgemeinde wurde von der Stadtverwaltung eigens ein Konzept namens „Thisted-Modell“ entwickelt, das Gemeinwesen, Technologie und Wirtschaftlichkeit als Schlüsselfaktoren für eine nachhaltige Entwicklung der Region hervorhebt. Vor allem, dass die Bewohner selbst zu Stakeholder wurden und es ökonomisch Sinn macht, war der Schlüssel zum Erfolg, sagt die Bürgermeisterin Ulla Vestergaard: „Unsere Leute wollen die Welt retten, und verdienen dabei Geld.“ Das Geld, das die Gemeinde damit verdient, geht in einen „grünen Fond“, der verschiedene lokale Projekte unterstützt. Auch das steigert die Akzeptanz der vielen Windräder in der Landschaft.

„Wir haben die Leute von Anfang an miteinbezogen. Am wichtigsten war, dass alle partizipieren können“, sagt auch Kruse, die Direktorin des Folkecenters. Sie sieht in diesem Modell die Zukunft der Energiewende. Aus technischer Sicht gebe es viele verschiedene Lösungen, die umgesetzt werden müssen, organisatorisch gehe es aber vor allem um eine Dezentralisierung und lokale Besitzstrukturen der Energieversorgung. Was im Großen noch Zukunftsmusik ist, sei hier bereits Gegenwart. Dezentraler als ein 11-Kilowatt-Windrad im eigenen Garten wie dem von Anders Hosbond geht nicht.

 

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Thisted zeigt aber im Kleinen auch die Herausforderungen, vor der eine Welt steht, die zu hundert Prozent mit erneuerbarer Energie läuft. Wenn starker Wind weht, produzieren die Anlagen wesentlich mehr Strom, als verbraucht wird. Wohin mit dem Überschuss? Der wird dann zum Beispiel zu extrem günstigen Preisen nach Norwegen verkauft, das damit seine Pumpspeicherkraftwerke wieder auffüllt. Eine sehr teure und unökonomische Lösung. Stattdessen wird nun vermehrt mittels Power-to-Heat-Verfahren Warmwasser fürs Fernwärmnetz aufbereitet – quasi ein virtueller Speicher. Und bei Windstille kann stattdessen mit Biomasse variabel Strom erzeugt und ins Netz eingespeist werden, um es stabil zu halten und den Verbrauch zu decken.

Der lokale Netzbetreiber Thy-Mors Energi hat in den letzten Jahren gezeigt, dass auch große Mengen an erzeugter Windenergie variabel gemanagt werden können. Ob das aber auch für ganze Länder gilt, wird immer wieder von verschiedenen Seiten angezweifelt. Vor allem die technische Umsetzbarkeit wird in diesem Zusammenhang in Frage gestellt. Mittlerweile zeigt aber eine Vielzahl an Studien, dass die Zweifel an der technologischen Machbarkeit einer vollständigen Energiewende im Hinblick auf die Schlüsselfaktoren Verlässlichkeit, Sicherheit und Leistbarkeit unberechtigt sind.

 

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Beispielsweise kommt eine Studie der finnischen Lappeenranta University of Technology (LUT) zum Schluss, dass das Potential erneuerbarer Energien und die dafür notwendigen Technologien, beispielsweise Stromspeicherungssysteme, in der Lage sind, Elektrizität effizient und sicher zu erzeugen und damit den weltweiten Strombedarf bis 2050 ganzjährig zu jeder Jahresstunde zu decken – und das auch noch kosteneffizienter als das aktuelle, hauptsächlich auf fossilen Brennstoffen und Kernkraft basierende Stromsystem. „Eine komplette Dekarbonisierung des Elektrizitätssektors bis zum Jahr 2050 ist umsetzbar. Die Energiewende ist nicht länger eine Frage von technologischer Umsetzbarkeit oder wirtschaftlicher Rentabilität, sondern eine Frage des politischen Willens“, erklärt Christian Breyer, Professor für Solarwirtschaft und Hauptautor der Studie.

Ob eine komplette Dekarbonisierung bis 2050 politisch möglich ist, ist wiederum eine andere Frage. Aber ob bis 2050 oder 2100, dass das Energiesystem der Zukunft radikal anders aussehen wird als heute, daran besteht kein Zweifel. Das hat nicht nur mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien zu tun, sondern auch mit technologischen Entwicklungen, die mit der Energiewende einhergehen. Wie diese Zukunft aussehen wird, zeigt ein kleines Dorf in Bayern.

Energiewende 3.0 – Ein bayrisches Dorf als Testlabor für die Energiezukunft

Gäbe es so etwas wie ein Ranking für Energiewende-Musterdörfer, dann würde es Wildpoldsried unangefochten anführen. Die nackten Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2017 erzeugte die 2600-Einwohner-Gemeinde im bayrischen Allgäu 50,742 Megawattstunden Strom aus erneuerbaren Quellen. Das entspricht fast 800 Prozent des gesamten Jahresverbrauchs. Achthundert.

Was in Wildpoldsried im Kleinen bereits heute Alltag ist, zeigt, wie unser Energiesystem in Zukunft aussehen wird, wenn der komplette Umstieg auf erneuerbare Energien geschafft ist. Wie das gelingen kann, dafür kann Wildpoldsried als Vorbild dienen. Heute kommen Delegationen aus der ganzen Welt, um sich anzusehen, wie das Dorf zum Vorreiter in Sachen grüner Energie wurde. Dabei ging auch hier alles erst vor knapp zwanzig Jahren los. 1999 wurde bei einer Bürgerbefragung eine Vision für den Ort im Jahr 2020 entwickelt, aus der ein Rahmenplan entstand, der der Gemeinde ein ökologisches Profil für die Gemeinde geben sollte. Damit war der Startschuss gefallen für eine Umstellung auf nachhaltige Energiepolitik. Und die Vision wurde passend zum gemeinschaftlichen Charakter kurzerhand WIR genannt – Wildpoldsried innovativ und richtungsweisend.

 

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„Gerade am Anfang haben wir viele Sachen gemacht, bei denen wir nicht gewusst haben, ob sich das rentieren wird“, erzählt Bürgermeister Arno Zengerle über die ersten Projekte. „Aber wir sind halt ins kalte Wasser gesprungen, und es hat sich schnell gezeigt, dass es funktioniert. Dann war der Damm natürlich gebrochen und es ging munter weiter.“ Seit 2000 haben die Wildpoldsrieder zusammen bereits mehr als 50 Millionen Euro in erneuerbare Energien investiert. Dass so viele partizipieren, sieht Zengerle auch als einen der Gründe für den Erfolg. „Es machen viele hundert Leute mit, die sich in irgendeiner Form beteiligen. Für uns ist das eigentlich etwas Normales, da denkt keiner mehr darüber nach, ob das etwas Außergewöhnliches ist. Und unsere Dinge funktionieren auch wirtschaftlich, das muss man auch sagen.“

Die Wildpoldsrieder machen vor, wie eine zukünftige Energiepolitik, die auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist, funktionieren kann: In dem kleinen Dorf werden die vorhandenen erneuerbaren Ressourcen perfekt genutzt. Der Wind, der hier im Alpenvorland kräftig bläst, die Sonne, die hier 1755 Stunden im Jahr scheint. Das Holz der vielen umliegenden Wälder. Selbst Kuhmist. Heute gibt es im Dorf hunderte Photovoltaik- und thermische Solaranlagen, die teilweise in großen Sammelbestellaktionen angeschafft wurden. Die örtlichen Vereine haben Solarpanels auf ihren Hausdächern installiert bekommen, wenn sie abbezahlt sind, gehen die Erlöse in Vereinsbudget. Die mit Biogasabwärme betriebene kommunale Dorfheizung unter dem Dorfsaal liefert Wärme an alle öffentliche Gebäude und über hundert private Häuser und Wohnungen. Dazu kommen fünf Erdwärme- sowie vier Hackschnitzel- und Pelletsheizungen, drei Wasserkraftanlagen und fünf Biogasanlagen, die den Kuhmist der ansässigen Landwirte nutzen.

Herzstück der Energieproduktion in Wildpoldsried sind aber die insgesamt neun Windkraftanlagen, die seit 2000 errichtet wurden, allesamt im Besitz lokaler Gesellschaften, an denen sich hunderte Wildpoldsrieder mit Eigenkapital beteiligten. „Möchte man die Energiewende umsetzen, geht es nicht ohne die Unterstützung der Bürger. Die müssen bei jedem Schritt eingebunden werden, auch mit Kapital, und sie genauso finanziell davon profitieren lassen“, sagt Bürgermeister Zengerle. „Bei uns machen auch deshalb so viele Leute mit, weil sie überzeugt sind, dass es gut investiertes Geld ist. Eine Investition, die erstens Rendite trägt und zweitens natürlich auch ein gutes Gewissen vermittelt.“

Wendelin Einsiedler ist das Mastermind hinter den im Gemeinschaftsbesitz stehenden Windanlagen, und vielen anderen Innovationen im Ort. Möchte man mit dem vielbeschäftigten Mann sprechen, muss man zu ihm in seinen Bagger steigen. Während er Gülle in seine von einer idyllischen Almlandschaft umgebenen Biogasanlage schaufelt, erzählt er, wie er in den 1990er Jahren anfing, sich für die Windkraft zu interessieren. „Von der Natur geschenkte Energie zu nutzen hat mich fasziniert“, sagt er begeistert.

Eine Begeisterung, die ansteckend war, was auch an der Überzeugungsarbeit lag, die Einsiedler über die Jahre leistete. Bei der Volksbefragung 1999 stimmten 92 Prozent für die ersten beiden Windkraftanlagen, an denen sich am Ende 30 Wildpoldsrieder mit Eigenkapital beteiligten. Zwei Jahre später gingen bereits die nächsten beiden Windräder in Betrieb, diesmal schon mit 94 lokalen Gesellschaftern. Gerade am Anfang seien viele Bauern dabei gewesen, erzählt Einsiedler. „Für die ist das ein perfektes zweites Standbein und auch eine Alterssicherung.“

 

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Armin Prestele ist einer jener Landwirte, die von Anfang an dabei waren. „Damals haben alle in Aktien investiert. Sich an einer Windanlage zu beteiligen war mir aber viel lieber“, erzählt er im breiten Allgäuerisch in der Stube seines Bauernhofs und zeigt aus dem Fenster auf die Windmühlen auf der gegenüberliegenden Bergkette. „Bei jeder Umdrehung verdiene ich ein bisschen Geld, da weiß ich, woran ich bin.“ Wichtig sei vor allem gewesen, dass die Initiative von Ortsansässigen ausgegangen ist. „Wenn jemand wie der Wendelin mir erklärt, dass das Sinn macht, dann glaube ich ihm das auch.“ Die Überzeugungsarbeit begann aber schon ein paar Jahre vor den ersten Windanlagenprojekten, erzählt Ignaz Einsiedler, Bruder des Windpapstes, wie Wendelin mittlerweile im Ort genannt wird: „Anfang der Neunziger gab es ein Ökoenergie-Magazin, das man gratis abonnieren konnte. Da haben wir dann hundert Familien angemeldet, damit die sich mit dem Thema auseinandersetzen.“ Guerillamarketing á la Wildpoldsried.

So gut die Überzeugungskraft Einsiedlers ist, bei einer Initiative scheiterte er schlussendlich. Wäre es nach ihm gegangen, dann gäbe es heute auch auf dem Dach der Kirche im Ortszentrum Solarpanels. „Das ist dann aber doch zu weit gegangen, die Idee wurde selbst bei uns nicht genehmigt“, sagt er, und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Von der Politik wünscht sich der Öko-Pionier wieder mehr Mut, und meint damit keine Photovoltaikanlagen auf Kirchendächern: „Da kommen oft große Versprechungen, aber in der Realität wird die Entwicklung oft behindert. Das passt einfach nicht zusammen. In Deutschland ist wirklich ein Riesen-Lobbying am Werk.“ Auch vom Ortschef Zengerle kommt ähnliche Kritik: „Wir Energiedörfer haben derzeit das Gefühl, dass unsere Art der Energieerzeugung ausgebremst werden soll. Es gibt beim Thema erneuerbare Energien natürlich auch Verlierer, und die üben derzeit massiven politischen Druck aus.“

Wildpoldsried zeigt stattdessen vor, wie es mit der vollständigen Energiewende klappen könnte, wenn der politische Wille da ist. Das Dorf im allgäuischen Postkartenidyll dient deshalb als Testlabor für ein System, das sich spätestens 2050 zu großen Teilen aus erneuerbaren Energiequellen speisen soll. 2011 startete Siemens zusammen mit dem regionalen Energieversorger Allgauer Überlandwerke (AÜW), der Hochschule Kempten und der RWTH Aachen ein erstes Forschungsprojekt namens Irene (Integration Regenerativer Energien und Elektromobilität). „Wir haben Wildpoldsried unter anderem deshalb ausgesucht, weil die Situation hier bereits heute ähnlich ist wie in einigen Jahren in ganz Deutschland“, sagt Siemens-Projektleiter Alexander Hammer. Ein Fenster in die Zukunft sozusagen.

Ziel des ersten Projekts war, die Anwendung eines schlauen Netzes, eines so genannten Smart Grids, zu testen. Grund dafür: Die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen ist für unser aktuelles Netz eine große Herausforderung. Derzeit wird ein Großteil des Stroms von großen Kraftwerken produziert, die ans Hochspannungsnetz angeschlossen sind, während Windräder und Photovoltaikanlagen Strom ins Mittel- oder Niedrigspannungsnetz einspeisen. Das aber ist bisher nicht auf die Abgabe von Überschüssen an die höhere Spannungsebenen ausgelegt. Eine Möglichkeit, die neuen Quellen besser zu integrieren, wäre das Aufrüsten der bestehenden zentralen Struktur mit einer Vielzahl neuer Umspannstationen und Hochspannungsleitungen. Stattdessen könnte man aber auch die bestehende zentrale Struktur dezentralisieren. Strom würde dann dort verwendet werden, wo er produziert wird. Voraussetzung dafür ist allerdings, Erzeugung und Verbrauch so gut wie möglich in eine Balance zu bringen. Die Lösung dafür: eine intelligente Steuerung, also ein Smart Grid.

 

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Die Steuerung eines solchen Smart Grids ist extrem komplex. Ein so genanntes „selbst organisiertes Energieautomatisierungssystem“ sollte dafür sorgen, dass im lokalen Stromnetz eine ständige Balance zwischen Angebot und Nachfrage besteht, wofür ein lokaler Marktplatz nach dem Vorbild großer Strombörsen simuliert wird. Bei hoher Nachfrage kann der gerade produzierte Strom teuer verkauft werden, bei großem Angebot kann Strom billig erworben werden. Wenn im Projektverlauf absehbar zu viel Strom produziert wurde, als verbraucht werden konnte, wurden die Batterien von 32 zur Verfügung gestellten Elektroautos oder ein Lithium-Ionen-Speicher aufgeladen, der dann vor allem in den verbrauchsintensiven Abendstunden zum Einsatz kam. „Die Frage der Energiespeicherung ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Punkt bei der Energiewende“, erklärt Hammer bei einem Rundgang im Testlabor am Rande des Wildpoldsrieder Ortszentrums, wo auch der Batteriespeicher steht.

Der Grund ist simpel: Elektrizität kann nicht einfach auf die Seite gelegt werden, wenn gerade zu viel produziert als verbraucht wird, was beispielsweise bei Solarenergie zur Mittagszeit oft der Fall ist. Gerade wenn die Sonne am stärksten scheint, wird relativ wenig Elektrizität verbraucht. Deshalb muss die hergestellte Energie anders genutzt oder gespeichert werden, wie im Fernwärmenetz von Thisted oder in Pumpspeicherkraftwerken, die derzeit am weitesten verbreitete Variante. Derzeit werden verschiedenste, teils recht ausgefallene Ideen für andere Möglichkeiten getestet. Zum Beispiel kann überschüssiger Strom in Form von komprimierter Luft in unterirdischen Höhlen gespeichert werden, die dann bei Bedarf wieder herausgeleitet wird, um Turbinen anzutreiben. Oder er wird genutzt, um Miniaturzüge voller Steine auf einen Berg fahren zu lassen, um später die entstehende Energie zu nutzen, die beim Herunterfahren entsteht.

Viele dieser Ansätze scheitern an der Wirtschaftlichkeit und sind noch lange nicht reif für den Massenmarkt. Die Technologie, die schon heute das Potential hat, die Energiewende Realität werden zu lassen, ist zweifellos die der guten alten Batterie. Das können große Anlagen sein wie jene in Wildpoldsried. Stattdessen könnte aber auch jeder Besitzer von Photovoltaikanlagen selbst eine kleine Batterie zu Hause installieren, so wie die von der Firma Sonnen, dem Weltmarktführer für Solarenergiebatterien für Privathaushalte mit Hauptsitz in, wo sonst, Wildpoldsried.

„Dass wir uns hier angesiedelt haben, ist eine perfekte Symbiose, wir befruchten uns gegenseitig“, sagt Torsten Stiefenhofer, einer der Gründer und Chief Innovation Officer des hoch innovativen Greentech-Startups, das mittlerweile eines der am schnellsten wachsenden Technologie-Unternehmens Europas ist. Der Blick aus seinem Büro auf Wildpoldsried ist gewissermaßen ein Fenster in die Zukunft des Energiemarkts, und seine Firma ist drauf und dran, eine Revolution in genau diesem Markt loszutreten. „Als wir 2010 begonnen haben, gab es kaum eine Nachfrage, Energiespeicher waren überhaupt kein Thema“, erzählt Stiefenhofer über die Gründungszeit des Startups. Das hat sich seitdem radikal geändert. Heute ist die Firma dabei, in den Massenmarkt einzutreten.

 

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Die Batterie von Sonnen ist ein intelligenter Hightech-Stromspeicher, der auf viele tausend Ladezyklen und eine Lebenszeit von zwanzig Jahren ausgelegt ist, was ihn von anderen Lösungen unterscheidet. In Kombination mit einem Photovoltaiksystem kann ein Haushalt bis zu 75 Prozent seines jährlichen Stromverbrauchs mit sauberer und selbstproduzierter Energie abdecken. Sonnen sieht sich aber nicht mehr als reiner Batterieproduzent, sondern hat den Schritt zum Energiedienstleister gemacht. Möglich macht das die so genannte Sonnen-Community, die es jedem Batteriebesitzer ermöglicht, je nach Bedarf Energie zu erhalten oder zu teilen und damit restlichen 25 Prozent des Strombedarfs abzudecken. Und das zu einem Flatrate-Preis und voller Transparenz. Das senkt die Kosten und fordert die traditionellen Energieversorger heraus, denn der Markt wird in so einem System dezentralisiert. Zusätzlich kann Sonnen die Speicher der Community-Mitglieder in einem Batteriepool vernetzen, der Netzdienstleistungen erbringen kann. „Das hat das Potential, richtig groß zu werden“, sagt Stiefenhofer, „das alte Businessmodell der traditionellen Energieversorger stirbt aus, der Konsument wird selber zum Energieproduzenten.“ Das haben mittlerweile auch die Großen der Branche erkannt. Bei der letzten Finanzierungsrunde über 60 Millionen Euro stieg beispielsweise der Konzern Shell bei Sonnen ein. Und im April schloss der Batteriepionier eine Kooperation mit Engie, dem zweitgrößten Energieversorger Frankreichs.

„Die Rolle von regionalen Energieversorgern wird sich in Zukunft stark wandeln“, sagt Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerke mit Sitz in Kempten, als eines der innovativsten Energieunternehmen Deutschlands ebenso Teil des Energieclusters im Südwesten Deutschlands. „Das kann in Richtung reiner Infrastrukturanbieter gehen oder in Richtung Systemdienstleister, wo wir unsere Zukunft sehen.“ Wie diese Rolle aussehen könnte, testet AÜW seit dem Frühjahr in Wildpoldsried. Konkret geht es darum, es digital vernetzten Nachbarn möglich zu machen, überschüssigen Strom auszutauschen oder zu verkaufen. Die Basis für Verträge und Abrechnung ist in dem „Pebbles“ genannten Projekt die so genannte Blockchain-Technologie, die anonyme und fälschungssichere Transaktionen ermöglicht. Eine Bank als zentraler Mittler ist dank der Blockchain ebenfalls nicht zwischengeschaltet, so dass die Haushalte ganz unabhängig miteinander Geschäfte machen können. „Die Blockchain wird ihre Kraft dann entfalten, wenn es Menschen gibt, die ihren Strom dezentral rausbringen und dafür Kunden suchen“, sagt AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke und spricht wie Stiefenhofer das Stichwort Prosumer an, also eine Kombination von Produzenten und Konsumenten. „Gerade im ländlichen Raum wird das in Zukunft enormes Potential haben.“ Strom würde dann nicht nur dezentral produziert und verbraucht, sondern auch gehandelt werden, die ultimative Dezentralisierung wäre dann erreicht.

Dass es möglich ist, zeigen die Wildpoldsrieder, die ihrer Zeit buchstäblich voraus sind. Die vor zwanzig Jahren festgelegten Visionen fürs Jahr 2020 waren schon lange vorher abgearbeitet, die Energiewende, die in Europa bis 2050 gelingen soll, ist hier bereits Realität. Die Zukunft, so hat es den Anschein, ist in dem kleinen Dorf im bayrischen Allgäu etwas früher angekommen als im Rest der Welt.

Gastbeitrag von Michael Riedmüller (Text) und Merlin Daleman (Fotos)

Diese Recherche wurde von "Reporters in the Field" ermöglicht, ein Programm der Robert Bosch Stiftung und der Medien-NGO n-ost.