Wissen
08.10.2018

Auf Tuchfühlung: Warum Wildtiere Körperkontakt suchen

Sie füttern und beschützen einander, sie schnäblen und pflanzen sich fort. Berührungen stehen in der Fauna auf der Tagesordnung.

"Kuscheln ist kein naturwissenschaftlicher Begriff, es ist ein dummes Modewort“, ärgert sich Andreas Hantschk. Mit „Berührung“ dagegen kann der Biologe im Naturhistorischen Museum Wien viel mehr anfangen. Denn das tun viele Arten im Tierreich – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

„Die Brutpflege war eine Sternstunde der Evolution“, zitiert Hantschk den Zoologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt und bezieht sich damit auf den Sozial-Kontakt. Durch die Versorgung der Jungtiere entstand eine starke Bindung zwischen Muttertier und Nachwuchs, sie schlägt mit Freundschaft und Liebe bis ins menschliche Verhalten durch. Fell an Fell, Haut an Haut, Lausen, auch der Kuss ist höchstwahrscheinlich aus dem Mund-zu-Mund-Füttern hervorgegangen; so wie das Schnäbeln beim Federvieh.

Die Vogelwelt ist reich an Berührungen: Graugänse nehmen ihre Küken unter die Fittiche, Schwanzmeisen nächtigen auf ihren Zügen in dichten Trauben; Nestlinge schlichten sich zu Wärmepyramiden.

Apropos Kälteschutz: Niedrige Temperaturen lassen mitunter Tiere zusammenrücken, die sonst nicht so die unmittelbare Nähe von Artgenossen suchen. Bienen bilden bei Frost eine Kugel, durch Muskelzucken halten sie sich warm. Pinguine finden sich in Kolonien mit wechselnden Außenposten zusammen. Fledermäuse überwintern in Massenquartieren. Stellen sich Moschusochsen zusammen, hilft das der Herde doppelt. „Es wärmt und es schützt die Jungtiere in der Mitte vor Wölfen“, weiß der Museumspädagoge, der nicht zuletzt die Berührung zum Zweck der Fortpflanzung nennt: Manche Schlangen paaren sich in der Masse, einige Erdkröten ballen sich zusammen.

Die Tubifex wiederum, eine Wurmart, sind Gesellschaftstiger: Fehlt ihnen der Schlamm, wollen sie sich in Ihresgleichen vergraben. Sehr berührend.