Baumstumpf: Der Lebensraum der indigenen Völker Amazoniens ist bedroht.

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Wissen
08/23/2019

Amazonas-Regenwald: Die Klimaanlage der Welt gerät ins Stocken

Dem größten tropischen Waldgebiet droht der Kollaps. Alle zwei Minuten verschwindet eine Fläche in der Größe von 35 Fußballfeldern.

Im intakten Regenwald gibt es einen Wasserkreislauf: Die Bäume nehmen Wasser über ihre Wurzeln auf und transportieren es in die Wipfel. Dort geben es ihre Blätter ab und das Wasser verdunstet. Schließlich bilden sich Wolken, und es beginnt zu regnen. Der Kreislauf beginnt von neuem. „So erhält sich der Regenwald selbst‘‘, erklärt Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Dieses System ist in Gefahr.

„Im Moment spielt man hier wortwörtlich mit dem Feuer. Jeder zusätzlich verlorene Quadratkilometer an Regenwald ist ein Verlust“, warnt Essl.

Ein riesiger Sonnenschirm

Denn die durch Verdunstung über den tropischen Regenwäldern gebildete Wolkendecke wirkt wie ein Sonnenschirm. Sie verhindert, dass die intensive Sonneneinstrahlung die Landmassen zu stark aufheizt. Regenwälder erfüllen somit die Aufgabe einer Klimaanlage für die Erde. Werden zu viele Flächen gerodet, kippt dieses System und es kommt zu einem großflächigen Absterben des Waldes. Das hätte gravierende Folgen für das Weltklima.

Laut Oliver Salge, Sprecher von Greenpeace Brasilien, wird dieser Kipppunkt erreicht, wenn 20 Prozent an Regenwald verloren sind. In allen neun Amazonas-Anrainer-Staaten seien bisher 15 bis 17 Prozent verschwunden, aber in Brasilien wäre die Lage am verheerendsten. Der Amazonas würde dann versteppen oder gar zur Wüste werden.

Weniger Regenwald, mehr Agrarland

„Holz besteht aus Kohlenstoff und Wasser. Somit ist der Amazonas der mit Abstand größte Kohlenstoffspeicher der Welt“, weiß Essl. Verschwindet der Wald, wird dieser Kohlenstoff freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre. Schon heute setzen Rodungen im Amazonas jedes Jahr mehr als 500 Millionen Tonnen CO₂ frei. Insgesamt stammt ein Viertel der gesamten Treibhausgase in der Atmosphäre von der Umwandlung von Waldgebieten in Agrarland.

„Der Klimawandel und das Verschwinden des Regenwaldes stehen in einem direkten Zusammenhang. Es ist messbar, dass der Amazonas in heißen Jahren mehr Kohlenstoff freisetzt als sonst.“ Die aktuellen Brände seien zu 90 Prozent von Menschen gelegt, alles andere sei Schönfärberei.

Jährlich gehen weltweit 60.000 Quadratkilometern Regenwald verloren. Alle zwei Minuten verschwindet eine Fläche in der Größe von 35 Fußballfeldern.

Jeder kann einen Beitrag leisten

„Die Zukunft des Amazonas liegt in politischer, vom Menschen steuerbarer Hand“, betont Essl. Er nimmt auch die österreichischen Konsumenten in die Pflicht: „Regenwälder werden hauptsächlich für den Anbau von Soja und Palmöl gerodet. Wer auf Produkte auf Grundlage dieser Rohstoffe, wie etwa billig erzeugtes Fleisch, verzichtet, leistet einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Wälder und somit zum Weltklima.“