Mit Meditation das Einkaufsverhal­ten verändern

Achtsamkeitsmeditation und Konsum…
Foto: /Technische Universität Berlin/BINKA Achtsamkeitsmeditation und Konsum

Ein Projekt zeigt, dass regelmäßiges Meditieren die Zufriedenheit steigert und die Bedeutung materieller Werte sinkt.

Einatmen. Ausatmen. Bewusst sein. Weder bewerten noch urteilen. Nur dasitzen. Und dabei über das Leben der Jeans nachdenken, die man gerade trägt. Woher sie kommt. Welche Geschichte sie hat. Was sie auf dem langen Weg aus Asien nach Europa erlebt haben könnte.

Es ist ruhig. Nur die Atemgeräusche der Meditierenden, die sich in Achtsamkeitstraining üben, sind zu hören. Das ist eine Form von Meditation, die bisher erfolgreich zur Senkung von chronischem Stress, zur Förderung des Wohlbefindens oder der Konzentration eingesetzt wurde. Diesmal ist die Idee eine andere, diesmal geht es um die Bildung von Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und um Aspekte wie: Brauche ich das Zeug überhaupt? Kann ich auch ohne diesen Konsumartikel leben? Was macht’s, wenn ich unreflektiert kaufe, was mir gerade so in den Sinn kommt?

Ich will ja, aber...

Achtsamkeitsmeditation und Konsum… Foto: /Technische Universität Berlin/BINKA Das aktuelle Konsumniveau ist geprägt von Überkonsum und damit einhergehenden irreparablen Umweltschäden sowie sozialen Folgeproblemen. Ziel des Projekts "BiNKA" (Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining") an der Technischen Universität Berlin war es, mit Hilfe von Meditation etwas daran zu verändern. Im Fokus: die sogenannte "Einstellungs-Verhaltens-Lücke". Viele Menschen sagen: "Ich will, aber es geht nicht." Denn die Umsetzung der positiven Einstellung zu Nachhaltigkeit scheitert nicht nur an mangelnden Angeboten und Informationen, sondern meist an Gewohnheiten und damit unreflektierten Konsummustern. Je mehr sich diese Lücke schließt, desto eher klingt das so: "Ich will – und: na, geht doch!"

Nachhaltige Ziele anpeilen

Vorweg: Nein, Meditation hat nicht das Potenzial, den Planeten zu retten. Dennoch wirkt sie. "Es ging uns bei dem Projekt um die Frage, ob eine Achtsamkeitsintervention Menschen tatsächlich dazu bringt, sich ihrer Einstellung gemäß entsprechend zu verhalten. Dabei knüpften wir an die "Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion" an, die vom Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn im Jahr 1979 entwickelt wurde und als wissenschaftlich fundiert gilt", erklärt Projektleiter Univ.-Prof. Ulf Schrader, TU Berlin. Die Teilnehmer sollten dabei nicht nur lernen, mit Stress umzugehen, es wurden auch nachhaltige Ziele angepeilt, etwa: Wie schaffe ich es, in einen stärker achtsamen Zustand zu kommen, um mich nicht mehr zu sehr von äußeren Einflüssen treiben zu lassen? Oder: Was brauche ich, um zufrieden zu sein?" Die Idee dahinter: Je ruhiger, ausgeglichener und bewusster ein Mensch ist, desto seltener erliegt er Kaufimpulsen und desto eher konsumiert er nachhaltig.

Zufriedenheit stieg

Gruppe entspannt in Sportstudio Foto: Robert Kneschke - Fotolia/Fotolia/Robert Kneschke Das Projekt lief über acht Wochen, nach der sechsten Woche gab es eine längere Session ("Tag der Achtsamkeit"). Anleitungen für die individuelle Praxis zwischen zehn und 30 Minuten täglich, ergänzten das Programm. Der Effekt: "Wir konnten zeigen, dass die Bedeutung materieller Werte deutlich zurückgegangen ist, während die individuelle Zufriedenheit stieg", erzählt Schrader. Konsum als kompensatorischer Akt, um Zufriedenheit über materielle Güter herzustellen, verlor an Bedeutung.

Auch andere Einflüsse auf das Kaufverhalten

Königsweg sei das dennoch keiner, räumt Schrader ein: "Auf quantitativer Ebene führt Meditation nicht dazu, dass nachhaltiger konsumiert wird." Für das Verhalten seien auch andere Dinge zentral, die sich mit der Achtsamkeitsintervention nicht beeinflussen ließen, wie etwa die Preisgestaltung. "Die nicht-nachhaltige Lösung ist immer noch die günstigere Lösung, die leichter verfügbare, die üblichere. So lange die Rahmenbedingungen nicht passen, wird sich nichts ändern. Das Prinzip ,Meditiere – und dann wird schon alles gut werden’, funktioniert nicht, leider", meint Schrader.

Einen erstaunlichen Nebeneffekt im Rahmen des Projekts gab es allerdings: "Eine Studentin sagte, beim Konsum habe sich nicht viel verändert, aber ihrem Freund habe sie den Laufpass gegeben. Das war interessant."

Was ist Achtsamkeitstraining?

Das Mindfulness-Based Stress Reduction Program (MBSR) wurde von Jon Kabat-Zinn in den USA entwickelt. Der ehemalige Molekularbiologe hatte selbst langjährige Erfahrungen mit buddhistischer Meditation – etwa als Zen-Schüler. Er bot schließlich Schmerzpatienten in einem Krankenhaus, ergänzend zur regulären Behandlung, ein Programm an, das  auf  Achtsamkeitsmeditation und Yoga basierte – die sogenannte  Stress-Reduction-Clinic.

Das MBSR-Programm wird mittlerweile  auf der ganzen Welt angeboten. Jährlich erscheinen Tausende Studien zu dessen Wirksamkeit und Effekten.
Zu einem Achtsamkeitstraining gehört ein achtwöchiges Trainingsprogramm mit wöchentlichen  Gruppensitzungen und einem Schweigetag. Typisch dafür sind Sitz-meditationen, achtsame   Yoga-Übungen oder der „   Body Scan“. Dabei wird der Körper bewusst gespürt. Wichtige Rollen spielen der Atem und ein Gewahrsein der Gegenwart.

(kurier) Erstellt am
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