epa03643364 An elderly woman (R) looks at a savings book as people wait in line in front of a branch of the Laik Bank in Nicosia, Cyprus, 28 March 2013. All of the country's 26 banks were open from 12 pm until 6 pm (1000-1600 GMT) on 28 March with a withdrawal limit set at 300 euros (383 dollars) per person. Cyprus was braced for the reopening of its banks after nearly two weeks, after the government imposed tough capital controls for at least the next seven days. Police were going from bank to bank in central Nicosia to prevent problems, while dozens of people had started to queue in front of the banks' doors. EPA/KATIA CHRISTODOULOU

© APA/KATIA CHRISTODOULOU

Reportage
03/28/2013

Zypern: Erleichterung statt "Bankensturm"

Die Sparer blieben diszipliniert, als die Banken wieder öffneten. Die Angst vor der Zukunft aber bleibt.

von Ulrike Botzenhart

Ein Blick in die verschlossenen Gesichter der zwei Dutzend Zyprioten, die in der heißen Mittagssonne vor der Filiale der Bank of Cyprus in der Makarius Avenue warten, reicht: Die Nerven der Männer und Frauen, jung wie alt, sind angespannt. Keiner will jetzt reden. Kurz vor zwölf, ein Blick durchs Fenster zeigt, dass in der Bank die Angestellten, ebenfalls sichtbar nervös, schon hinter ihren Schaltern sitzen. Als einer die Blicke von zwei Frauen aus der Schlange wahrnimmt, winkt er. Die winken zurück, dann winken alle, einige lachen – Entspannung.

Als dann die Bank öffnet, geht Grüppchen für Grüppchen hinein und erledigt seine Geschäfte. Nichts passiert: kein Schreien, kein Ausrasten, keine Attacken, egal, welcher Art. Die Bankangestellten hätten ruhig ihre Krawatten umbinden können: Ihnen war empfohlen worden, keine zu tragen, damit niemand zornig daran zieht. Aber es wäre niemand auf die Idee gekommen.

Die Banken waren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit Bargeld versorgt worden: Kolportierte fünf Milliarden Euro wurden in der Nacht auf Donnerstag in Larnaka eingeflogen und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen containerweise in die Zentralbank in Nikosia geschafft. Was jene, die mehr als 100.000 Euro auf der Bank haben, auch nicht tröstet: Sie verlieren durch die Zwangsabgabe mindestens 40 Prozent ihres Geldes.

„Bis jetzt hat es überhaupt keine Zwischenfälle gegeben. Gott sei Dank“, seufzt Katherina, die gerade einen dicken Packen Schecks für ihre Stammkundin, die Buchhalterin Despo, eingebucht hat. Die 52-jährige Zypriotin arbeitet für ein Farbengeschäft, einen Familienbetrieb mit vier Angestellten. „Keiner zahlt mehr in bar, alle stellen einen Scheck aus, wenn sie bei uns einkaufen“, erzählt Despo und zeigt auf einen weiteren Packen Schecks, den sie wieder ins Büro mitnehmen muss. Katherina darf sie erst verbuchen, wenn sie nach Banken sortiert und aufgelistet sind. „Dann stelle ich mich halt noch einmal an“, sagt Despo und zuckt mit den Schultern. „In drei Tagen, haben sie mir gesagt, werden wir sehen, ob die Schecks überhaupt gedeckt sind“, sagt sie – und lächelt.

Präsident verzichtet

Das Erstaunen über ihre gefasste Ruhe und die ihrer Landsleute quittiert sie wieder mit einem Schulterzucken: „Was sollen wir sonst tun? Es hilft ja doch nichts.“ So oder so ähnlich war es in den ersten Stunden der Bankenöffnung überall in Nikosia, bestätigt einer der Polizisten, die von Bank zu Bank patrouillierten. „Bravo!“, ruft er einem jungen Sicherheitsmann vor einer Filiale zu, dreht sich um, und aus der Tiefe seiner erleichterten Seele kommt ein: „Wow!“ Auch Zyperns Präsident Nikos Anastasiades fiel offenbar ein Stein vom Herzen. Er bedankte sich bei der Bevölkerung für deren „Reife“ bei der Bankenöffnung. Als Zeichen der Solidarität will er nun auf ein Viertel seines Gehalts verzichten.

Medienrummel

Am Beginn der zentralen Ledra Street haben Dutzende TV-Kameras und Journalisten aus aller Welt Stellung bezogen. Hier liegen Filialen der zwei größten Inselbanken, der Bank of Cyprus und der Laiki Bank, direkt nebeneinander. Und auch hier bleibt alles ruhig, dabei wird die Laiki Bank „abgewickelt“: Wer mehr als 100.000 Euro dort angelegt hat, droht davon keinen Cent mehr zu sehen. „Das einzig Spektakuläre war ein alter Mann, der mit einem Papagei auf dem Kopf auf seinem Roller vorbeigerauscht ist“, lachen zwei Reporter.

Doch der äußere Schein der Gelassenheit der Zyprioten trügt. „Wir stehen total unter Stress. Was kommt da nur auf uns zu? Wie lange werde ich noch einen Job haben? Welche Zukunft kann ich meinem siebenjährigen Buben bieten?“ Es liegen noch mehr Fragen in der Luft, die niemand beantworten kann. Mit traurigen Augen, aber einem professionellen Lächeln serviert Cornelia (40) Cappuccino in einer kleinen Bar in der Altstadt von Nikosia.

Zum Heulen

Auch Daphne, die in einem Hotel arbeitet, ist mehr zum Heulen als zum Arbeiten zumute. „Wir haben schon drei Monate kein Gehalt bekommen. Und wir werden auch diesmal nicht bezahlt werden“, erzählt sie mit leiser Stimme. Aber sie arbeitet doch für eine internationale Kette? „Ja, ja. Aber es gibt immer welche, die von Krisen profitieren. Und was bleibt uns anderes übrig, als mitzuspielen. Sollen wir kündigen und dann auf der Straße stehen?“

„Ich gehe sicher auf keine Bank in den nächsten Tagen“, schüttelt Takis (54) vehement den Kopf. „Die tiefe Depression, die Verzweiflung in den Gesichtern der Menschen – das zu sehen, würde mich töten.“

Zweite Rettungsaktion für den ESM

Zehn Milliarden Euro wird das schwer angeschlagene Euroland Zypern bekommen. Unter anderem dafür, um marode Banken mit Kapital auszustatten. Zypern ist nach Spanien das zweite Krisenland, das die Milliarden vom Rettungsfonds ESM (für Europäischer Stabilitätsmechanismus) geborgt bekommt.

An den Start ging der ESM mit Verspätung im vergangenen Oktober. Noch im Vorjahr überwiesen die 17 Eurostaaten insgesamt 32 Milliarden Euro an Bargeld an den ESM. Noch einmal so viel an Barem müssen die Euroländer heuer zahlen, 2014 wird dann die letzte Rate in Höhe von 16 Milliarden fällig. Mit dem eingezahlten Kapital im Rücken kann der ESM dann Euroländern in Not mit bis zu 500 Milliarden Euro aushelfen.

Bankenrettung

Bald nach seinem Start hatte der Notfalls-Fonds auch gleich zu tun. Am 3. Dezember bat die spanische Regierung formell um die Auszahlung von knapp 39,5 Milliarden für die Bankenrettung. Zwei Tage danach borgte sich der ESM das benötigte Geld von Anlegern aus (über die Ausgabe verschiedener Anleihen) und überwies es am 11. Dezember nach Madrid. Am 5. Februar bekam Spanien dann weitere knapp 1,9 Milliarden Euro.

Eigentlich darf der ESM Banken in Not auch direkt Geld leihen. Der Vorteil dabei wäre, dass die Milliarden, die direkt an Banken gehen, nicht die Staatsschuld erhöhen. Vorerst ist dieser Weg allerdings noch versperrt. Denn die direkte Verbindung zwischen dem Rettungsschirm und wankenden Geldhäusern wird erst offenstehen, wenn die gemeinsame europäische Bankenaufsicht ihre Arbeit aufnimmt. Das wird allerdings frühestens 2014 der Fall sein. Bis dahin müssen die Staaten selbst um Hilfe ansuchen – wie es bei Spanien der Fall war. Die ESM-Milliarden gingen an Spaniens staatlichen Bankenrettungsfonds, der das Geld wiederum an kriselnde Institute weiterleitete. Bei Zypern und vielleicht bald Slowenien wird das ebenfalls so funktionieren müssen.

Zypern ist das fünfte Euroland unter einem Rettungsschirm. Griechenland, Irland und Portugal werden vom vorläufigen Rettungsfonds EFSF betreut. Vorläufig ist hier relativ: Der EFSF soll dann auslaufen, wenn die Länder, denen er hilft, das geborgte Geld zurückgezahlt haben.

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