Mittels Rot-Weiß-Rot-Card dauert es oft sehr lange, bis Personal aus Drittstaaten arbeiten darf

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Wirtschaft
07/30/2019

Aus Serbien, Vietnam oder Indien: Wirtschaft auf verzweifelter Suche nach IT-Spezialisten

Wirtschaftskammer will wegen den Fachkräftemangels Zugangshürden für Software-Entwickler aus Nicht-EU-Ländern lockern.

von Anita Staudacher, Irmgard Kischko

Die Problematik ist bekannt, der Leidensdruck steigt: In der heimischen Wirtschaft fehlen bis zu 10.000 hochqualifizierte IT-Fachkräfte. Weil der Mangel im Inland nicht gedeckt werden kann und die Suche im EU-Raum immer schwieriger wird, will die Wirtschaftskammer (WKO) vermehrt Arbeitskräfte aus Drittstaaten ins Land holen. Als Herkunftsländer im Visier sind unter anderen der Kosovo, Serbien, Vietnam oder Indien.

Das Problem: Viele junge IT-Spezialisten erfüllen die formalen Zugangshürden für die Rot-Weiß-Rot-Karte nicht. Sie scheitern am Punktesystem, das auf formale Qualifikation, Berufserfahrung und vor allem Sprachkenntnisse abstellt. Auch das bürokratische Prozedere schreckt viele ab.

Alfred Harl, Obmann des Fachverbandes Unternehmensberatung/IT in der WKO, schlägt daher eine eigene „Rot-WeißRot-Card Digital“ für IT-Fachkräfte vor. „Wir müssen IT-Spezialisten aus Drittstaaten einfach rascher durchlassen“, so Harl zum KURIER.

Die Kriterien für die Zuwanderung seien zu allgemein gehalten und müssten für diese gesuchte Zielgruppe adaptiert werden, meint Harl ohne ins Detail gehen zu wollen. Bei der Anwerbung von Spitzenkräften brauche es jedenfalls „einen Paradigmenwechsel“, der auch Dienstleistungen wie Umzug-Service inkludiere.

Reform in Verzug

Auf Druck aus der Wirtschaft wurde von der türkis-blauen Regierung bereits Ende Februar eine Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte in Begutachtung geschickt. Sie sieht etwa eine Absenkung der erforderlichen Mindest-Gehaltsgrenze für unter 30-Jährige Schlüsselkräfte von 2.610 Euro auf 2.088 Euro brutto pro Monat sowie den Wegfall des Unterkunfts-Nachweises vor. Zur Abstimmung im Parlament kam es wegen des Regierungswechsels nicht mehr, weshalb bis auf weiteres die alten Regeln gelten. Harl drängt auf eine rasche Umsetzung. Die WKO hat Ausbildungsprogramme in Kosovo laufen, in Vietnam soll ein Entwicklungszentrum für den Software-Bereich aufgebaut werden.

Dass die Rot-Weiß-Rot-Card kein geeignetes Instrument ist, um Fachkräfte von außerhalb der EU nach Österreich zu bringen, bestätigt auch Tomas Jiskra, Geschäftsführer des in Wien ansässigen IT-Personaldienstleisters TTP. „Vor allem die Klein- und Mittelbetriebe sind mit der Bürokratie, die die Rot-Weiß-Rot-Card mit sich bringt, überfordert“, sagt er. Außerdem dauere es mit dieser Karte viel zu lange, bis das benötigte Personal ins Land kommen könne. IT-Projekte in Unternehmen müssten meist sehr rasch umgesetzt werden. Da könne man nicht Monate auf die Mitarbeiter warten.

Kurze Zyklen

„Die klassischen Zyklen von Entwicklungen bis zur Umsetzung, die sich über Jahre ziehen, gibt es in der IT nicht mehr. Wir haben sehr kurze Zyklen, viel Innovation“, beschreibt Jiskra das Umfeld, in dem sich heute die IT-Arbeit bewegt. Da brauche man sehr schnell, sehr spezifisches Personal. Damit täten sich vor allem Klein- und Mittelbetriebe schwer. Sie hätten in dem europäischen Umfeld, in dem Firmen aus jedem, Land um Fachkräfte werben, wenig Chancen.

Jizra fordert daher von den Betrieben mehr Flexibilität ein: IT-Projekte in englischer Sprache etwa. So könnten Ausländer rascher einsteigen. Und natürlich: mehr Aus- und Weiterbildung.

Ganz Europa sucht derzeit nach IT-Fachkräften, auch Österreich. Die zur Standortagentur umfunktionierte staatliche Ansiedelungsagentur Austria Business Agency (ABA)   muss in Polen und Rumänien fündig werden, auch wenn die Märkte dort als leer gefegt gelten. Wie berichtet wird für den neuen Schwerpunkt „Work in Austria“ das ABA-Budget von 4,3 auf 7 Millionen Euro aufgestockt.

Zusätzliches Personal gibt es dafür keines, mit der Anwerbung wurde DiTech-Mitgründerin Aleksandra Izdebska  als „Director ICT“ beauftragt. „Die IT-ler sind nicht über Jobbörsen oder Portale zu finden, man muss sie gezielt über Events suchen“, sagt die gebürtige Polin, die seit ihrem 16. Lebensjahr in Österreich lebt.

Hackathon-Events

Starten soll  „Work in Austria“ im November mit einem  Programmier-Wettbewerb (Hackathon) in Bukarest. „Da kommen bis zu 6000 Besucher ins Stadion“, weiß Izdebska. Im Mai 2020 findet ein ähnliches Event dann in Danzig statt. Auch an polnischen Unis und Fachhochschulen soll gezielt geworben werden. Österreichische Betriebe hätten ein gutes Image als Arbeitgeber, so Izdebska. Nach Polen und Rumänien will die ABA  später auch in Kroatien und Griechenland aktiv werden. Die Gewerkschaft bezeichnet die Anwerbeaktion  als „Fachkräfte-Shopping“ und plädiert  für eine Bildungs- und Fachkräftemilliarde im Inland.