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Arbeitsmarkt
12/01/2014

Zuwanderer gegen Zuwanderer am Arbeitsmarkt

Schlecht integrierte Migranten der zweiten Generation werden von Neuankömmlingen verdrängt.

von Anita Staudacher

Eine verfehlte Integrationspolitik von gestern wirkt sich heute massiv auf den heimischen Arbeitsmarkt aus. Seit Monaten steigt die Zahl der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund doppelt so stark wie jene der Inländer (mehr dazu hier). Laut AMS handelt es sich dabei vor allem um schon länger in Österreich ansässige, aber schlecht qualifizierte Ausländer, die von neu Zugewanderten, besser Qualifizierten auf dem Arbeitsmarkt zunehmend verdrängt werden.

Ein Grund dafür ist die mangelnde Sprach- und Lesefähigkeit. Jedes vierte hierzulande geborene Zuwandererkind zwischen 16 und 34 Jahren kann nur schlecht auf Deutsch lesen und schreiben, geht aus der aktuellen Migrationsstudie der Industriestaaten-Organisation OECD hervor. Das ist der zweithöchste Wert unter allen OECD-Ländern, nur Belgien hat noch schlechtere Werte (siehe Grafik). Bei den im Ausland geborenen Jugendlichen schneidet Österreich dagegen im Ländervergleich vergleichsweise gut ab. "Es fällt auf, dass bei den Inländern nur fünf Prozent Probleme haben, während es bei Jugendlichen mit mindestens einem in Ausland geborenen Elternteil 25 Prozent sind", erläutert OECD-Arbeitsmarktexperte Thomas Liebig dem KURIER.

Versäumnisse

Er wertet die Statistik als "Ergebnis der Integrations-Politik der vergangenen 30 Jahre". In anderen Ländern wurde mit der Sprachförderung viel früher angefangen als in Österreich. "Im kritischen Alter zwischen drei bis fünf Jahre wurde zu wenig getan, da besteht noch erheblicher Nachholbedarf", meint Liebig. OECD-Länder, die das konsequenter umsetzen, wie etwa Schweden oder Deutschland, hätten wesentlich bessere Ergebnisse.

Es haben sich aber auch die Herkunftsländer und Qualifikationen der Zuwanderer geändert. Kamen früher eher schlecht qualifizierte Arbeitskräfte aus Ex-Jugoslawien oder der Türkei, so strömen jetzt besser qualifizierte EU-Bürger (Deutsche, Polen, Ungarn, Rumänen) auf den heimischen Arbeitsmarkt. Die OECD stuft 31 Prozent dieser neuen Migranten als hoch qualifiziert ein. Dieser Prozentsatz liegt zwar unter jenem in Deutschland und vor allem der Schweiz, Liebig sieht jedoch "viel ungenutztes Potenzial". Überdurchschnittlich viele neue Zuwanderer arbeiten hierzulande in Jobs, für die sie überqualifiziert sind.

Im Vorjahr ließen sich in Österreich 65.000 neue Migranten dauerhaft nieder. Im Vergleich zu 2012 war dies zwar ein leichter Rückgang, seit 2007 aber ein Anstieg um 37 Prozent. Damit hat Österreich den dritthöchsten Anstieg bei der Zuwanderung von allen OECD-Ländern. Die Pro-Kopf-Migration liegt mit acht Einwanderern pro 1000 Einwohner doppelt so hoch wie im Einwanderungsland USA und deutlich höher als beim Nachbarn Deutschland. Nur die Schweiz, Norwegen und Australien verzeichnen derzeit noch höhere Werte.

Asylwerber

Die OECD rechnet im kommenden Jahr mit weiter steigenden Asylwerber-Zahlen in Europa und Österreich. In der heiß diskutierten Frage des Arbeitsmarktzugangs für Flüchtlinge empfiehlt die OECD einen pragmatischen Weg: Wenn der Flüchtling im Asylverfahren gut kooperiert und es klar ist, dass eine Chance auf einen Flüchtlingsstatus besteht, soll ein rascher Arbeitsmarktzugang gewährt werden. "Je früher die Leute einen Job haben, desto besser gelingt die spätere Integration", betont Liebig. So verknüpfe etwa Finnland die Arbeitserlaubnis mit einer konkreten Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Liebig hat aber Verständnis dafür, dass "viele Länder nicht noch zusätzliche Anreize für mehr Asylwerber schaffen wollen" und verweist auf die Schlepperproblematik. Der Asylkanal dürfe nicht missbraucht werden.

Integrationsaufgabe nicht bewältigt

Lehrer, Ärztinnen (und oft auch Richter) spürten die Probleme schon zu einer Zeit, als sie von der regierenden Politik noch teils beharrlich geleugnet wurden: Die multikulturelle Gesellschaft funktioniert nicht reibungslos. Vor allem das heimische Schulsystem – traditionell eher auf Schwächen als auf Stärken der Schüler konzentriert – war von den vielen neuen Integrationsaufgaben (auch durch schwierige "autochthone" Österreicher sowie zusätzliche Behindertenintegration) völlig überfordert.

Wenn in einer einzigen Klasse die Hälfte der Kinder nicht ordentlich Deutsch spricht und 90 Prozent der Eltern aus sogenannten "bildungsfernen" Schichten stammen, kann das Bildungsziel beim besten Willen nicht erreicht werden. Die "Gesamtschule" Volksschule reichte das Problem an die Neuen Mittelschulen weiter, diese wiederum an den Arbeitsmarkt.

Wenn aber Firmen allen ihren Mitarbeitern gleich Mindestlöhne und Anstellung garantieren müssen, werden sie sich hüten, Menschen mit schwierigem Lebenslauf eine Chance zu geben. Endstation: Mindestsicherung. Die Folgen des einstigen Wegschauens werden uns leider noch lange beschäftigen.

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