Wirtschaft
29.11.2017

Tourismus: Zu wenig Köche, aber viel mehr Gäste

Die Deutschen kommen wieder, allerdings nicht zum Arbeiten. Allein in Tirol fehlen aktuell 900 Köche.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Es war ein Sommer wie damals, als Urlauber scharenweise in Österreichs Berge pilgerten und ihre Badetücher an den heimischen Seen ausbreiteten. "Sommerfrische ist wieder en vogue", sagt Tourismusobfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher. Das ist jetzt amtlich, zumindest gemessen an den Gästenächtigungen. Heuer kamen so viele Sommerfrischler wie zuletzt 1992. Die Statistik Austria weist 74,87 Millionen Nächtigungen zwischen Mai und Oktober aus – ein Plus von 2,7 Prozent.

Die schlechte Nachricht: Über die finanzielle Lage der Hoteliers sagt das wenig aus. "Die Erträge sinken, weil die Fixkosten steigen", sagt Nocker-Schwarzenbacher im Klub der Wirtschaftspublizisten. Es gehe längst nicht mehr nur um die Investitionen in noch größere, noch aufwendigere Wellnessbereiche. Was den Hoteliers zunehmend Sorgenfalten bereitet, sind die steigenden Lohn-, Marketing- oder Werbekosten. Entwarnung gibt es für die teils hoch verschuldeten Betriebe zumindest derzeit von der Kreditzinsenfront. Sobald das Zinsniveau steigt, werden viele Betriebe ein Problem bekommen, sind sich Experten einig.

Dazu kommen altbekannte Probleme am Arbeitsmarkt. Allein in Tirol fehlen 900 Köche. Nocker-Schwarzenbacher fordert daher einmal mehr eine regionale Betrachtung der Stellenandrangszahl. Diese sagt aus, wie viele arbeitslose Fachkräfte auf eine ausgeschriebene Stelle kommen.

Kochmangel

So kommen in Wien auf jeden offenen Kochjob statistisch gesehen 4,8 arbeitslose Köche. In den Ferienregionen im Westen Österreichs sieht die Lage ganz anders aus. "Bei mir im Bezirk liegt die Zahl bei 0,06", sagt Nocker-Schwarzenbacher, die ein Hotel im Salzburger St. Johann im Pongau betreibt. Angebot und Nachfrage sind ungleich verteilt.

Aufgrund des fehlenden Personals gebe es in Tirol bereits Hotels, die ganze Etagen schließen, sagt sie. Nocker-Schwarzenbacher forderte wiederholt eine Mangelberufsliste auf Landesebene.

Schon jetzt kommen 45 Prozent der Mitarbeiter in der Tourismusbranche aus dem Ausland. Zuletzt auch aus Deutschland. Viele dieser Fachkräfte bleiben nun aber aus, weil sie in ihrer Heimat Arbeit finden. Der Tourismus in Deutschland boomt, die Gehälter steigen und erreichen in vielen Betrieben bereits österreichisches Niveau, rechnen Experten vor. Der Saisonjob in Österreich ist damit weniger attraktiv

Mehr Gäste

Zumindest als Gäste kommen die Deutschen wieder verstärkt nach Österreich. Im Sommer wie im Winter sind sie traditionell für mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Gästenächtigungen verantwortlich und damit die mit Abstand wichtigste Herkunftsnation. Auf Platz zwei folgen die Österreicher selbst mit 23 Prozent.

Die Buchungen für den Winter liegen derzeit leicht über dem Vorjahresniveau, spielt der Wettergott mit, dürfte sich wieder ein Plus von ein bis zwei Prozent ausgehen, meint Nocker-Schwarzenbacher. Das freut allerdings nicht jeden. In überlaufenen Urlaubsregionen steigt die Tourismusverdrossenheit, wie auch die Volksbefragung zu Olympia 2026 in Innsbruck gezeigt hat. Nocker-Schwarzenbacher: "Der negative Ausgang muss uns zu denken geben."

Das Ritual ist so alt wie bekannt: Die Politik jubelt am Saisonende über Rekorde in der Nächtigungsstatistik, Hoteliers klagen, dass unter dem Strich nichts übrig bleibt, und Experten bezweifeln, dass Gästenächtigungen überhaupt eine Erfolgskennziffer sind. Schließlich sagen sie nichts über die Wertschöpfung aus.

Wie kommt die Tourismusstatistik überhaupt zustande? „Das ist von Land zu Land unterschiedlich“, sagt Jürgen Weiß von der Statistik Austria. In Österreich müssen private und gewerbliche Vermieter ihren Gemeinden jede Ankunft und Abreise von einem Gast melden – die Summer aller Meldungen ergibt die allmonatliche Nächtigungsstatistik. Anders das System in Ungarn, Frankreich oder auch Italien. „Dort basiert die nationale Tourismusstatistik auf einer Grenzzählung“, erläutert Weiß. An den Grenzübergängen werden also Autos und Busse gezählt und stichprobenweise gecheckt. „Da wird dann zum Beispiel geschaut, wie viele Menschen im Auto sind und gefragt, ob sie privat oder in einem Hotel nächtigen und das Ergebnis hochgerechnet.“

Doppelzählungen

Diese Variante führt in der Regel zu höheren Ankunftszahlen als die österreichische Methode. So wird auch bei leeren Bussen eine gewisse Auslastung angenommen oder jemand, der drei Mal am Tag über die Grenze fährt, drei Mal gezählt. Genauso wie all jene, die keinen Cent in Hotels ausgeben, weil sie im Hotel Mama, bei Freunden oder Verwandten übernachten. Würde auch Österreich nach diesen Zählsystem vorgehen, würde die Zahl der Nächtigungen mit einem Schlag um ein Drittel in die Höhe schnalzen, schätzen Experten.

Für Sprünge in der Gästestatistik können auch elektronische Melderegister sorgen, die Schwarzvermietern einen Strich durch die Rechnungen machen. „Wie, glauben Sie, kommen Gästezuwächse von 15 Prozent binnen Jahresfrist zustande?“, sagt ein Touristiker, der nicht namentlich genannt werden möchte.