Rauchen war Kult – jetzt wird's teuer: Die Nikotin-Wende in Österreich
Der Aschenbecher quillt über. Der Moderator qualmt, die Gäste qualmen. Durch jede Bildsequenz ziehen dicke Rauchschwaden und das alles im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es ist 1979, Nina Hagen spricht über den G-Punkt, über Frauen-Orgasmen und Jugendlichkeit, zündet sich dabei eine Zigarette nach der anderen an. Der „Club 2“ war Kult und ist es bis heute. Damals aufgrund seiner kontroversen Themen. Heute auch aufgrund seines hemmungslosen Tschick-Konsums.
Rauchen war sexy, symbolisierte einen Lebensstil, um den man gar nicht herumkam. Nicht einmal beim Aufschlagen eines Kindercomics. Bis zu seinem Entzug im Jahr 1983 hatte Lucky Luke fast durchgehend einen Glimmstängel im Mund. Und inspirierte damit vielleicht sogar den Weltmarktführer bei Zigaretten zu einer Idee.
1954 schwang sich der Marlboro-Mann erstmals auf sein Pferd. Er ritt weltweit durch die Werbespots und Plakate, bis es sich in den frühen 2000ern ausgeritten hatte. Und das nicht nur weil ein Großteil seiner Darsteller an Lungenerkrankungen gestorben ist.
In seiner aktiven Karriere bekam der Marlboro-Mann harte Konkurrenz: Der Nikotinpilot Steve der Marke Memphis ging an den Start. Das war in den 1990er-Jahren – die Hochzeit der Tabakwerbung, die auch in Österreich ihre Spuren hinterließ. Etwa mit dem Hudriwudri, der in die Wiener Linien zieht. Es ist die neckische Figur des Karikaturisten Manfred Deix, die ursprünglich für die Zigarettenmarke Casablanca entwickelt wurde. Spärlich bekleidet thronte er jahrelang auf den Aschenbechern der U-Bahn-Stationen, bis sich der Zeitgeist änderte und der Hudriwudri der Modernisierung zum Opfer fiel.
Warnhinweise & Werbeverbote
Denn kurz vor der Jahrtausendwende wehte plötzlich ein anderer Wind. In den USA kam es zum Phänomen der Sammelklagen. Tabakkonzerne wurden von Privaten auf Entschädigungssummen in Milliardenhöhe verklagt. „Ich glaube schon, dass diese Prozesse dazu beigetragen haben, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden hat“, sagt Silvia Polan des Tabakkonzerns JTI zum KURIER. Rauchen war nicht mehr sexy, sondern tödlich.
Aus dem Fernsehen wurde die Werbung zuerst verbannt – und zwar schon 1989 auf Basis einer EU-Richtlinie. Das Ende der Kinospots und Zeitungsinserate folgte deutlich später in den 2000ern und kam bis dahin nur noch mit Warnhinweis daher. Alles passierte schleichend, schrittweise. „Ein einheitliches Datum für den Beginn der Verbote gibt es nicht“, teilt die RTR (Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH) auf Anfrage mit, „da sie über einen längeren Zeitraum ausgeweitet und verschärft wurden“.
Zwischen 2005 und 2008 machte die Tabakwerbung in Österreich ihre letzten Atemzüge. Mit großem Aufschrei – jedoch nicht nur seitens der Tabakkonzerne. „Wirtschaftlich hat es vor allem für die Werbewirtschaft schmerzhafte Veränderungen gegeben“, sagt Silvia Polan. Die Hersteller konnten ihr Produkt schließlich weiterhin profitabel in den Markt bringen, die Empfänger der Gelder aber schauten durch die Finger. „Dem Sport droht die Durchtrennung eines Lebensnervs“, schrieb der KURIER damals, als vorgeschlagen wurde, Tabakwerbung europaweit zu verbieten. Die Formel 1 war jahrzehntelang „ein erlesenes Spielfeld für Tabakwerbung“, heißt es weiters. Michael Schumacher saß erst im Camel-Rennwagen, dann war er von Kopf bis Fuß angezogen in Marlboro-Rot.
Tabakkonzerne waren ein wichtiger Sponsor des Rennsports. Auf diesem Archivfoto vom 4. April 1983 spricht der finnische Rennfahrer Hannu Mikkola nach seinem zweiten Platz bei der Marlboro Safari Rallye 1983 in Nairobi mit der Presse.
Noch 2007 forderte der EU-Kommissar Markos Kyprianou, Tabakwerbung in der Formel 1 endlich einzustellen. Er appellierte an Ferrari, die Zusammenarbeit mit Philip Morris zu beenden. „Formel-1-Fahrer sind extrem populär“, sagte er. „Wenn sie den Namen eines Tabakkonzerns auf der Brust tragen, sendet das die falsche Botschaft, gerade an junge Leute.“
Heute teilt Philip Morris diesen Zugang. Noch bevor Rauchen zum Tabu wurde, hat der Konzern entschieden, komplett rauchfrei werden zu wollen. Also wurde in der Schweiz ab den 2000er-Jahren an Alternativprodukten geforscht. „Für uns ist klar, dass die Zigarette ins Museum gehört“, sagt Unternehmenssprecher Sebastian Winter. Woanders findet sie nämlich sowieso kaum noch einen Platz.
Schockbilder & Rauchverbot
Nicht nur das Werbeverbot hat den Imagewandel der Zigarette herbeigeführt, sondern auch zahlreiche weitere Maßnahmen, um den Österreichern ihr gesundheitsschädliches Laster abzugewöhnen. Eine wichtige Amtshandlung: Rauchen jugendsicher machen.
2004 lag Österreich bei der Zahl jugendlicher Raucher im europäischen Spitzenfeld, nur überboten von Grönland. Die Konsequenz: Tschick am Automaten gibt es seit 1. Jänner 2007 nur noch mit Alterskontrolle. Wer sich davon nicht abschrecken ließ, wurde ein paar Jahre später mit Schockbildern konfrontiert. Jede Packung hüllt sich seit 2016 in Raucherlungen und faulige Körperteile. Trafikanten nahmen es mit Humor und stellten sich auf ein boomendes Geschäft bei Zigaretten-Etuis ein.
Auch in der Gastronomie wurde viel dazu beigetragen, das Rauchen so kompliziert wie möglich zu gestalten – für Gäste und Gastgeber. Unvergessen bleibt das Hin-und-Her zwischen Raucher- und Nichtraucherbereich – man erinnere sich an die magische Fünfzig-Quadratmeter-Grenze. Nach Jahren der unsicheren Rechtslage mündete die Diskussion im November 2019 im kompletten Rauchverbot. Gekostet hat das die Gastronomen nicht nur Nerven, sondern auch einen Haufen Geld für Umbauarbeiten.
Im selben Jahr (2019) wird Rauchen noch mehr Erwachsenensache. Die Altersgrenze wird auf 18 angehoben – sehr zum Leidwesen aller 16-Jährigen, die zu diesem Zeitpunkt schon süchtig sind. Aber auf sie warten schon neue Nikotinprodukte, die schneller auf dem Vormarsch sind, als das Werbeverbot adaptiert werden kann.
Neu & stark nachgefragt
„Mittlerweile kommen über 40 Prozent unseres weltweiten Umsatzes von rauchfreien Alternativen“, sagt Sebastian Winter von Philip Morris Austria. Bis 2030 sollen es global sogar zwei Drittel sein. Jedoch betont er: „Unsere Alternativprodukte sind für erwachsene Nikotinkonsumenten.“ Für Einsteiger sind sie also nicht vorgesehen – in der Praxis sieht die Sache anders aus:
E-Zigaretten und Nikotinbeutel, sogenannte Pouches, sprechen verstärkt das junge Publikum an und verzeichnen hohe Wachstumsraten. Sie schmecken nach Bubble Gum, Erdbeere oder Cola, kommen aber teilweise mit einem Nikotingehalt von bis zu 17 Milligramm daher. Zum Vergleich: Eine Zigarette darf in Österreich ein Milligramm Nikotin nicht überschreiten. Kein Wunder also, dass der Gesetzgeber gerade emsig daran arbeitet, den rauchfreien Alternativen ein ähnlich tödliches Image wie der Zigarette zu verpassen. „Regulieren statt verbieten“ ist das Motto. Wichtige Schritte werden in diesen Wochen gesetzt.
Ab Februar kommt Bewegung in den Tabakmarkt
Rauchen, Preise, Vorgaben: Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um Tabak und Nikotin.
Zigaretten werden wieder teurer. Warum? Weil bereits ab Februar 2026 schrittweise höhere Steuersätze für Zigaretten, Tabak zum Erhitzen und Feinschnitt gelten. Wie viel Zigaretten kosten werden und warum am 1. April die nächste große Veränderung am Tabakmarkt ansteht.
Wie steht es um den Tabakkonsum in Österreich?
In Österreich wurden im Vorjahr 12,3 Milliarden Zigaretten geraucht. Laut dem OECD-Bericht „Gesundheit auf einen Blick 2025“ rauchen 20,6 Prozent der Österreicher täglich. Im OECD-Durchschnitt sind es 14,8 Prozent. Der tägliche Konsum von Rauchwaren, elektronischen Inhalationsprodukten bzw. Nikotinbeuteln liegt bei 23 Prozent, heißt es in einem Bericht von Gesundheit Österreich, der sich auf eine Befragung aus dem Jahr 2022 beruft. Das Monopol spricht von einer steigenden Tendenz. Die klassische Zigarette werde weniger konsumiert, weil mehr auf die Gesundheit geachtet wird und deshalb viele zu weniger schädlichen Produkten greifen.
- Die vier großen Tabakkonzerne sind: Philip Morris mit u. a. den Marken Marlboro, Heets, Iqos, Zyn; JTI (Japan Tobacco International) mit Winston, Camel, Benson & Hedges; Imperial Brands mit Gauloises und Astor; BAT (British American Tobacco) mit Dunhill und Velo.
- 2,18 Milliarden Euro nahm der Staat 2025 aus der Tabaksteuer ein. Das sind 50 Mio. Euro mehr als im Jahr davor.
- Der Zigarettenkonsum ist rückläufig, dennoch werden immer noch 85,5 Prozent des Umsatzes von Monopolwaren mit Zigaretten erzielt.
- Das Monopol: Seit über 240 Jahren regelt das Monopol den verantwortungsvollen Einzelhandel mit sensiblen Genusswaren. Eigentümer der Monopolverwaltungsgesellschaft (MVG) ist zu 100 Prozent das Finanzministerium. Neben klassischen Tabakwaren ist seit 2020 auch Tabak zum Erhitzen in Österreich ein geschütztes Monopolprodukt.
Welche neuen Produkte gibt es?
Die sogenannten „New Generation Products“ sind neben Tabak zum Erhitzen (Monopolware seit 2020), E-Zigaretten und Lutschsäckchen, auch Pouches genannt. Für diese gelten ab 1. April neue Regeln: Pouches (geschätzter Marktanteil vier Prozent, Wachstumsrate 34 Prozent) werden ab diesem Datum auch ein Monopolprodukt – egal, ob sie Nikotin, Koffein oder Taurin enthalten. Das bedeutet, dass nur staatlich lizensierte Verkaufsstellen das Produkt vertreiben dürfen.
Für E-Liquids und E-Zigaretten (geschätzter Marktanteil 2,7 Prozent, Wachstumsrate 65 Prozent) wird ein Lizenzmodell eingeführt, das den Vertrieb über Trafiken und Fachgeschäfte regelt. Der Online-Handel wird für alle „New Generation“-Produkte verboten. In Begutachtung sind aktuell Gesetze für Werbeverbote und Warnhinweise für Nikotinbeutel.
Weiters werden rauchbare (und nicht berauschende) Hanfprodukte fest im Monopol verankert, für CBD-Shops gilt eine Übergangsfrist bis Ende 2028. Einweg-E-Zigaretten werden gänzlich verboten. Jugendschutzbestimmungen gelten übrigens überall – im Hanfshop, im E-Liquid-Fachgeschäft (150 in Österreich), in Trafiken und auch in der Gastronomie gibt es von der Monopolverwaltung Kontrollen.
Was werden Pouches und E-Zigaretten kosten?
Eine Dose Lutschsäckchen kostet aktuell meist zwischen 4,69 und 5,50 Euro. Bisher konnte der Handel seinen Verkaufspreis selbst festlegen. Sobald die Ware ein Monopolprodukt ist, ist eine Handelsspanne vorgegeben. Diese liegt bei 32 Prozent des Einkaufspreises. E-Liquids und E-Zigaretten sind Lizenzprodukte – das bedeutet, es gibt keinen festgesetzten Preis, nur einen UVP seitens des Großhandels. Einzelhändler (Trafiken) und Fachgeschäfte bestimmen weiterhin eigenständig den Preis.
Wie viel werden Zigaretten nun kosten?
JTI hat seine Preise bereits am 19. Jänner angepasst, jetzt zieht u. a. Marktführer Philip Morris nach. Ab 2. Februar kostet die klassische Packung Marlboro sieben Euro, das ist eine Preiserhöhung von zehn Cent. Viele Zigarettenmarken verbuchen aber eine deutlich stärkere Erhöhung von 30 bis 40 Cent pro Packung. Die aktuellen Zigarettenpreise lassen sich im Preismonitor der Monopolverwaltung einsehen unter www.mvg.at. Preise werden aufgrund der Anhebung der Tabaksteuer angehoben. Das Finanzministerium erhofft sich heuer 100 Mio. Euro zusätzlich aus der Tabaksteuer.
Wie viel verdienen Trafikanten an Zigaretten?
Im Schnitt setzt eine österreichische Trafik 1,4 Millionen Euro im Jahr um (aktuellste Daten der MVG). Klingt lukrativ, muss jedoch differenziert betrachtet werden, erklärt Hannes Hofer, Geschäftsführer der Monopolverwaltung in einem KURIER-Artikel: „Auch wenn die Zahl groß erscheint, hat man im Verhältnis zu vielen Handelsunternehmen eine kleine Handelsspanne.“ Warum das so ist? „Weil eine hohe Verbrauchssteuer auf Zigaretten festgelegt ist, die Trafikanten für den Staat einheben.“ Konkret heißt das: Bei einer Packung Zigaretten bleiben 13 Prozent dem Trafikanten, der Rest geht an die Steuer (75,5 Prozent) und Industrie (11,5 Prozent). Der Umsatz ist also schnell in Millionenhöhe, im Schnitt bleibt Österreichs Trafikanten pro Jahr „nur“ ein Gewinn vor Steuern von 77.500 Euro.
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