Wirtschaft
09.07.2018

"Wo sind denn all die Dächer für Solaranlagen?"

Werner Steinecker, der Energie AG-Chef über den Ökostrom-Ausbau und die Chancen durch Digitalisierung.

KURIER: Herr Steinecker, die Energie AG Oberösterreich hat beim Großteil ihrer Kunden bereits digitale Stromzähler installiert. Zufrieden?

Werner Steinecker: 530.000 Kunden, das sind 77 Prozent unserer Stromabnehmer , haben smart meter. Nur 1,4 Prozent der Kunden wollen das nicht und haben sich gegen die viertelstündliche Ablesung ausgesprochen.

Was bringen diese Zähler?

Für die Kunden einen detaillierten Überblick über ihren Stromverbrauch und Tarife, die einiges an Ersparnis bringen können. Für uns: eine klare Übersicht über die Nutzung der Netze. Da ersparen wir uns viel Geld, weil wir die Leitungen bedarfsgerechter nutzen und weniger ausbauen müssen. Aber smart meter sind für uns schon Thema von gestern. Digitalisierung heißt viel mehr.

Was denn?

Wir stellen die gesamte Unternehmensstruktur auf digitale Basis. Kundenwünsche werden für uns noch zentraler, Mitarbeiter haben in internen Ausschreibungen zig Projektvorschläge eingebracht, wie Digitalisierung die Kundenbeziehung verbessern kann. Wir brauchen dafür keine Start-ups.

Wie zum Beispiel?

So kam der Vorschlag eine App zu entwickeln, in die Kunden unter Eingabe ihrer Postleitzahl und Dachfläche die Wirtschaftlichkeit von Solaranlagen rasch erkennen können. Die App ermittelt Sonnenstände, und errechnet die Amortisation der Investition. Solaranlagen rechnen sich bei der aktuellen Förderung meist schon in vier Jahren.

Wenn sich ihre Kunden vermehrt selbst mit Strom versorgen, wozu brauchen sie dann die Energie AG noch?

Die Solaranlagen decken meist nur Spitzen-Strombedarfszeiten ab. Das ist gut für uns, denn Spitzenstrom ist teuer und das ist gut für die Kunden. Aber wir müssen dafür sorgen, dass Strom zu jeder Zeit in ausreichendem Maß vorhanden ist. Wir nehmen den Kunden den Solarstrom ab und steuern die Netzauslastung. Wasserkraftwerke schaffen die Grundlast und mit Gaskraftwerken, die schnell hochgefahren werden können, sicherm wir, dass die Versorgung jederzeit klappt.

Die Regierung will aber 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren. Geht das überhaupt?

Die Regierung fordert das fast Unmögliche, um ein Maximum zu erreichen. Ich frage mich aber: Wo sind denn die vielen Dächer für Solarenergie? Wo sind die Flächen für Windkraftausbau und wo die Flüsse für neue Wasserkraftwerke? Die Förderung ist aber wichtig, damit sich die Branche zu bewegen beginnt. Es gibt brach liegendes Potenzial wie etwa Abwärme in Industrie- und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. thermische Kraftwerke werden wir also brauchen, um die Versorgung zu sichern. Aber für den Bau neuer Anlagen sind die Gaspreise derzeit zu hoch.

Oder Strom zu billig?

Gas kostet 17 Euro pro Megawattstunde. Ich brauche zwei MWh Gas zur Erzeugung von einer MWh Strom, die ich dann um 40 Euro verkaufen kann. Das rechnet sich nicht.

Zurück zur Digitalisierung: Viele haben Angst, dass sie zu viele Daten preisgeben müssen und diese nicht vor Fremd-Zugriffen sicher sind?

Mir kommt das so vor wie um 1900, als die Menschen Angst vor dem Zugfahren hatten, weil der Mensch angeblich nicht mehr als 30 km/h verträgt. Wir beschäftigen uns aber selbstverständlich mit Datensicherheit und der Verschlüsselung der Daten. Wir testen derzeit zusammen mit Professor Zeilinger die Quantenübertragung von Daten. Wenn das funktioniert, wird das etwa Cyberangriffe auf die Stromwirtschaft gänzlich verunmöglichen. Bei der Quantenübertragung können nur Sender und Empfänger die Datenpakete entschlüsseln.

Wird aus dem Stromversorger ein Digital-Unternehmen?

Wir stehen da noch ganz am Anfang. Die Unternehmen werden weitgehend automatisiert. Personal-Recruiting wird ein riesiges Thema. Das Berufsbild ändert sich in Richtung Data-Scientist und Mitarbeiter werden in Richtung digitale E.Wirtschaft weitergebildet.

Branche fordert Mindespreis für CO²

„Das zweite Quartal 2018 war in Österreich das heißeste der Messgeschichte. Weinbauern im Burgenland werden mit der Ernte schon im August beginnen müssen“, beschreibt Peter Püspök, Präsident des Verbandes Erneuerbarer Energien, die drastischen Auswirkungen des Klimawandels. Doch anstatt Ökoenergien auszubauen und dem Klimawandel damit entgegenzuwirken, bremse Europa genau hier. „Wir haben die Führungsrolle bei Erneuerbaren an China verloren  – mit allen negativen Auswirkungen auf Industrie und Jobs“, sagt Püspök. Die Branche fordert Österreichs Regierung nun auf, während der EU-Ratspräsidentschaft das Thema Erneuerbare zu forcieren.
Püspök hat dafür ein Fünf-Punkte-Programm vorgelegt.

Erstens müssen die Marktregeln von der zentral produzierenden großen Kraftwerke auf kleine dezentrale Anlagen umgeschrieben werden. Zweitens müsse sich Österreich bei der nächsten Klimakonferenz in Polen auf die Seite der Energiewendeländer schlagen und drittens darauf drängen, dass alle Länder bis Ende 2018 einen Klimaschutzplan abgeben.

Viertens – und das ist wohl das Umstrittenste – sollte Österreich auf einen Mindestpreis für setzen, eventuell auch im nationalen Alleingang.

Dieser Preis müsste zumindest 20 Euro je Tonne betragen und schrittweise angehoben werden. 2050 müsste er bei 100 Euro liegen. Das würde dann aber fast niemanden mehr treffen, zumal fossile Energien nicht mehr im Markt sein werden. Letzter Wunsch im Fünf-Punkte-Programm ist der strikte Anti-Atom-Kurs.