Wirtschaft
28.10.2017

Wiener Apotheke als Preisrebell

Rezeptfreie Medikamente: dm blitzte vorerst beim Höchstgericht ab, erhält aber neue Konkurrenz durch mea-Shops der Stern Apotheke.

Wie in einer Apotheke sieht es hier nicht aus. Wer in die Stern Apotheke in Wien-Ottakring eintritt, fühlt sich wie einst bei Schlecker oder dayli. Drogerieware und rezeptfreie, teilweise apothekenpflichtige Arzneien aller Art stehen sortiert in den vielen Regalen oder liegen völlig ungeordnet in Aktionskörben, sogar Einkaufswagerl gibt es. Alles ist angeblich billiger als anderswo, weder der Bipa gegenüber noch dm könne preislich mithalten, berichten Kundinnen beim Besuch des KURIER.

Preisrebell

Bekannte Marken-Sonnencremen, Kosmetika, Hustensäfte oder Nahrungsergänzungsmittel locken mit Rabatten von bis zu 60 Prozent. "Ich glaube, dass die Preise in Österreich überzogen sind", so das einfache Credo von Stern-Apotheken-Chef Rudolf Mather. Schon 2010 begann er als Preisrebell, indem er Zusatzrabatte von Pharmagroßhändlern an seine Kunden weitergab. Nach Freigabe des Versandhandels für Apotheken 2015 gründete er medistore.at und eröffnete einen neuen Preiskampf im Internet.

Mit einem Riesensortiment von 15.000 Produkten und Billigstpreisen matcht er sich als einzig nennenswerter Anbieter aus Österreich mit großen ausländischen Versendern wie shop-apotheke oder Zur Rose. Mather, der gemeinsam mit Pharmazeuten Michael Kuhn die Stern Apotheke führt, investierte in eine riesige Sortieranlage und wurde selbst zum Pharmagroßhändler.

Obwohl er als Apotheke nicht werben darf, zählt medistore.at inzwischen 25.000 Kunden. Etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes der Stern Apotheke entfällt auf den Versand. "In fünf Jahren wollen wir die Nummer eins in Österreich sein", tönt Mather, "das Werbeverbot ist aber ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber unseren Mitbewerbern aus dem Ausland."

Sekundärmarkt

Wie kann ein einzelner Händler so billig sein? Mather, der wegen Verstöße gegen das Werbeverbot mit der Apothekerkammer im Clinch liegt, erläutert sein Konzept so: "Die Masse macht’s aus." Er kaufe die Ware vor allem im so genannten Spot- oder Sekundärmarkt ein. Im Unterschied zu langfristigen Lieferverträgen werden Pharmazeutika dort wie an der Börse gehandelt, wodurch die Preise oft deutlich unter den Marktpreisen liegen. Meist handelt es sich um Restbestände oder Überproduktionsware. Mather versichert, dass er nur in Österreich zugelassene, frei verkäufliche Produkte verkauft.

Seine nächsten Expansionsschritte sind stationär. In Kürze sperrt in Wien-Ottakring der erste "mea"-Shop auf. "Marken, Pflege, Gesundheit & mehr – kompromisslos günstig" lautet der Slogan, der kein Werbeslogan sein darf. Mea sei eine Mischform aus Apotheke und Drogeriemarkt mit breiter Auswahl. Obwohl er vor allem über den Preis punkten will, verwendet Mather das Wort "Diskonter" lieber nicht. Für vier weitere Mea-Standorte habe er schon um Genehmigung angesucht. Sollte der Apothekenvorbehalt fallen, will der umtriebige Geschäftsmann bis zu 20 weitere Shops im Raum Wien aufsperren. Einen Apothekenanschluss bräuchte es dann nicht mehr.

dm blitzt vor dem VfGH ab

Wie berichtet, wandte sich die Drogeriekette dm an das Höchstgericht, um auch Aspirin, Lemocin & Co. in ihre Regale schlichten zu können. Am Freitag wurde der Antrag vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) aus formalen Gründen zurückgewiesen. Ein Antragsteller müsse genau angeben, wo er die Verfassungswidrigkeit ortet, heißt es in der Begründung des Gerichts. dm will nicht aufgeben und schon in den kommenden Tagen über weitere Schritte beraten. Verfassungsexperte Heinz Mayer, der für dm den Antrag einbrachte, ist überzeugt: „Die Verfassungswidrigkeit des Apothekenmonopols liegt klar auf der Hand".