Wirtschaft
05.03.2018

Wien hängt Prag und Budapest ab

Die Bundeshauptstadt wird für ausländische Konzerne interessanter, osteuropäische Städte können nicht mithalten.

Seit 2011 hat sich ein Aufwärtstrend bei der Ansiedlung internationaler Unternehmen manifestiert. Pro Jahr kamen rund 150 Unternehmen nach Wien, bis 2016 wurde jedes Jahr ein Rekord erreicht. Auch 2017 ist gut verlaufen, endgültige Zahlen werden erst veröffentlicht. "Wien hat es geschafft, sich als Wirtschaftsstandort zu positionieren und den Ruf als reine Kunst- und Kulturstadt abzuschütteln", sagt Gerhard Hirczi, Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien.

Den neuen Magnetismus erklärt er sich so: In den vergangenen zehn bis 15 Jahren habe sich im innovativen Milieu viel getan und haben Universitäten einen Aufschwung erfahren. Wien ist – was vielen nicht bewusst ist – die größte Universitätsstadt im deutschsprachigen Raum. "Das hat natürlich eine Strahlkraft und ist für die Wirtschaft von hoher Bedeutung." Eine Folge davon sei der Start-up-Boom, der seit fünf sechs Jahren in Wien zu beobachten sei.

Abwanderungen

Freilich gebe es auch Abwanderungen, doch sei der Saldo klar positiv. Eines der Highlights der vergangenen zwei Jahre war der Ausbau des Wiener Standorts des Pharmakonzerns Böhringer Ingelheim um 700 Millionen Euro, wodurch 800 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Auch das Schweizer Familienunternehmen Octapharma baute aus, mit Atos zog ein großer französischer IT-Anbieter in die Seestadt Aspern und mit Gallup kommt ein Marktforschungsunternehmen nach Wien – Letzteres ohne Zutun der Wirtschaftsagentur. "Es ist schön, wenn das ganze ein Selbstläufer wird und Unternehmen von selber draufkommen, dass das Umfeld gut ist."

Bei Absiedlungen handle es sich meist um Umzüge von einem Bundesland ins andere. Etwa haben in letzter Zeit Niemetz oder Forstinger Wien verlassen. Schlumberger hat seine Produktion im Burgenland gebündelt, Headquarter und eine Schauproduktion aber in Wien belassen. Allein innerhalb Wiens übersiedeln pro Jahr 5000 Unternehmen.

Globale Krisen wie in Syrien oder der Ukraine spürt Wien nicht, sagt Hirczi. Am Beginn der Wirtschaftskrise seien viele internationale Unternehmen, die Stabilität suchten, nach Österreich gekommen. Zum jüngsten Pioneer-Festival seien auffallend viele Start-ups aus den USA gekommen – ob das mit der Präsidentschaft Donald Trumps zu tun habe, sei aber schwer zu sagen.

Brückenkopf intakt

Österreich gelte nach wie vor als Brückenkopf nach Ost- und Südosteuropa. Experten glaubten, dass diese Funktion mit der Zeit verblassen würde, doch sei sie aktuell wie eh und je. Auch konnten Budapest, Prag und Bratislava Wien als Wirtschaftsstandort nicht wie befürchtet den Rang ablaufen. "Diese Städte sind nach wie vor mit Abstand hinten." Die meisten ausländischen Ansiedlungen stammen aus Deutschland, auf den Plätze dahinter liegen in wechselnder Reihenfolge die USA, Russland, Italien und Großbritannien.

Verbesserungspotenzial gibt es in Wien trotzdem. Die Universitäten könnten mehr Spin-offs in die Welt setzen und Ausländern, die in Österreich ein Unternehmen gründen wollen, rascher ein Arbeits- und Aufenthaltstitel erteilt werden. Für die Zukunft ist Hirczi optimistisch: "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der positive Trend nicht halten würde, auch wenn es nicht notwendigerweise jedes Jahr ein neues Rekordergebnis sein muss."

Wien lädt Start-ups ein

Im Rahmen des Vienna Start-up-Packages werden 20 Start-ups 2018 für zwei Monate nach Wien geholt, um hier ihre Geschäftsidee zu entwickeln und den österreichischen und europäischen Markt zu erkunden. Das Package wird in zwei Runden abgewickelt und zwei Mal an je zehn Start-ups für je zwei Monate vergeben. Die Start-ups der ersten Runde werden Mai und Juni 2018 in Wien sein.

Neben zahlreichen Leistungen wie etwa Flug, Unterkunft, Arbeitsplatz und Coaching profitieren die Start-ups von dem umfassenden Netzwerk und wertvollen Kontakten. Die Wiener Start-up-Szene selber kann sich mittlerweile auch sehen lassen: Zwei Drittel aller österreichischen Start-ups haben ihren Sitz in Wien. Jedes Jahr werden zwischen 400 und 500 neue Start-ups gegründet. Derzeit gibt es 32 Co-Working-Spaces, 20 Inkubatoren und Acceleratoren.

Über 60 Prozent der Wiener Start-ups sind im Bereich Digital Industry tätig. Wien rangiert unter den Top Ten der „Best Start-up-Supportern“, es stehen Start-up-Fördergelder in der Höhe von 50 Millionen zur Verfügung.

Wiener Großhandel kämpft um seine Zukunft

Der Großhandel ist in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie gar nicht präsent. Dabei ist die Branche umsatzstark und lebendig. Die Wiener Großhändler setzen 61 Milliarden Euro um, davon 38 Milliarden in Wien, den Rest in den Bundesländern und im Ausland, erhob die KMU Forschung Austria. Es gibt 5700 Großhandelsunternehmen mit 55.000 Mitarbeitern, darunter einige wenige namhafte wie Lekkerland, Kwizda und Quester.

Großhändler fahren auf Messen, versuchen Trends zu erkennen, verhandeln Preise, finanzieren Lager und bringen Produkte zu groß und klein – seien es Gewerbe- und Industriebetriebe oder Gastronomen, erzählt Karl Gödde, Vorsitzender der ARGE Großhandel Wien, aus dem Alltag. Nicht anders als der Einzelhandel steht aber auch der Großhandel vor gewaltigen Veränderungen, die sich bereits bemerkbar machen: Die Umsätze und die Margen sinken und der Druck seitens Hersteller und Einzelhändler steigt. Beide wollen ein Stück vom Kuchen, suchen sich gegenseitig und versuchen den Großhandel auszuschalten. „Auch der Druck durch den Online-Handel wird größer“, sagt Gödde. Sogar Konsumenten wenden sich mittlerweile direkt an Hersteller.

„Die Frage ist, wo der Großhandel hingeht“, sagt Rainer Trefelik, Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Wien. Und diese Frage sei eine entscheidende, da der Großhandel ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für den Standort Wien sei. Sämtliche Herausforderungen drehen sich um das Thema Digitalisierung.

Unfaire Bedingungen

Eines von Trefeliks Hauptanliegen: Online-Riesen wie Amazon, Ebay oder Alibaba verkaufen in Österreich, müssen aber nicht die gleichen Steuern und Abgaben wie heimische Händler zahlen. „Es müssen digitale Betriebsstätten definiert und besteuert und so faire Bedingungen für alle Marktteilnehmer geschaffen werden“, führt Trefelik aus. Weiters müsse die Stadt Wien für eine gute Erreichbarkeit der stationären Geschäfte sorgen. Zulieferplätze würden weniger und der Verkehrsfluss komme öfter ins Stocken. Beides koste dem Großhandel Geld. Die Unternehmer würden zwar an Liefergemeinschaften arbeiten, um die Zahl der Fuhren zu verringern, ohne Hilfe der Stadt gehe es aber nicht.

Peter Voithofer, Direktor der KMU Forschung Austria, sieht die Digitalisierung nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance. Online-Plattformen seien nicht nur eine Ausschaltungsgefahr, sondern auch eine Einschaltungsmöglichkeit. Händler könnten neue Produkte und breitere Angebote auf neuen Plattformen anbieten. Mit mehr Service, digitalem Know-how und besserer Positionierung ließe sich einiges machen.