¬© KURIER/J√ľrg Christandl

Metaller-Einigung
06/15/2016

Wie die Arbeitszeit flexibler werden kann

Analyse: Jahresarbeitszeitmodelle und mehr Mitsprache auf Betriebsebene als Gebot der Stunde.

von Anita Staudacher

Was lange w√§hrt, wird endlich gut. Nach jahrelangen Streitereien haben sich die Sozialpartner in der Maschinen- und Metallwarenindustrie jetzt doch noch auf ein modernes, flexibles Arbeitszeitmodell geeinigt. Schon ab 1. Juli tritt es ‚Äď vorerst befristet bis 2019 ‚Äď f√ľr rund 120.000 Besch√§ftigte in der Branche in Kraft. Im Kern handelt sich um ein neues Jahresarbeitszeitmodell mit Zeitkonten, das auf Betriebsebene eingef√ľhrt werden kann ‚Äď aber nicht muss.

Die Normalarbeitszeit kann √ľbers Jahr flexibel verteilt werden, ohne dass im Schnitt 38,5 Stunden pro Woche √ľberschritten werden. Die Grenzen der bisherigen Normalarbeitszeit mit 9 Stunden pro Tag und 45 Stunden pro Wochen bleiben unangetastet. Zus√§tzliche Arbeit muss sp√§testens zwei Wochen vorher angek√ľndigt werden, Zeitguthaben k√∂nnen √ľber mehrere Jahre angesammelt und abgebaut werden, wobei auch ein sp√§terer Abbau im Rahmen der Altersteilzeit m√∂glich ist.

Sowohl die Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerseite sprach nach der Einigung von "gelebter Sozialpartnerschaft". Vorteile gibt es auf beiden Seiten: Betriebe k√∂nnen besser auf Auftragsschwankungen reagieren, die Besch√§ftigten k√∂nnen ihre Arbeitszeit zumindest teilweise mitgestalten. Letzteres wird sich wohl erst in der Praxis zeigen. W√§hrend die Industriellenvereinigung (IV) auf eine Verl√§ngerung der gesetzlichen Tagesarbeitszeit beharrt, sieht Sozialminister Alois St√∂ger die Metaller-Einigung als "Vorbild auch f√ľr andere Branchen". Aber l√§sst sich das Modell so einfach umlegen?

Mehr im Betrieb

Experten sehen mehr flexible Gestaltungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene innerhalb von Gesetz und Kollektivvertrag als Gebot der Stunde. Insbesondere in der Industrie. Der Grund: Ein fixer Rahmen passe längst nicht mehr auf alle Betriebe in einer Branche. So brauchen Konzerne, die im beinharten globalen Wettbewerb stehen, andere Lösungen als Klein- und Mittelbetriebe, die nur auf lokaler Ebene tätig sind. "Die Kollektivverträge sollen Überblicksregeln festlegen, aber Ausnahmen auf Betriebsebene ermöglichen", schlägt etwa IHS-Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer vor.

Das Problem: Gibt es im Betrieb keine oder nur eine schwache Arbeitnehmervertretung, geraten die Besch√§ftigten schnell unter Druck. Wird zu viel auf Betriebsebene verlagert, schw√§cht es den Einfluss der Sozialpartner auf √ľberbetriebliche L√∂sungen. Weltkonzerne mag dies zwar freuen und ihnen auch nutzen, aber Gewerkschaften nehmen den Machtverlust sicher nicht hin (siehe Frankreich).

Schon jetzt l√§sst das Arbeitszeitgesetz viel Spielraum f√ľr Branchen- und betriebliche L√∂sungen, der noch viel mehr genutzt werden k√∂nnte. Beispiele daf√ľr sind Jahresarbeitszeitmodelle im Gesundheits- und Sozialwesen sowie am Bau oder die "Freizeitoption" in einigen Industriebranchen. Ein Abtausch mehr Freizeit statt mehr Lohn wird auch von vielen Arbeitnehmern begr√ľ√üt. Flexibler Arbeiten ist auch eine Frage des guten Kompromisses.

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