Wirtschaft
30.03.2017

Weniger Sozialstaat, aber Erbschaftsteuer

Unternehmer Michael Tojner lässt mit Reformvorschlägen aufhorchen.

Früher haben fünf Arbeitnehmer einen Pensionisten finanziert, heute sind es nur noch 2,5 und wenn alles so weitergeht wie bisher, ist das Verhältnis im Jahr 2030 bei 2:1. "Das geht sich nicht aus. Dann wird den Erwerbstätigen so viel vom Gehalt abgezogen, dass sie gar nicht mehr arbeiten gehen wollen", rechnet der Wiener Unternehmer Michael Tojner in seinem Vortrag bei der Mittwochsgesellschaft im Wiener Palais Coburg vor, die der Handelsriese Metro in Kooperation mit dem KURIER veranstaltet.

Große Worte, die man gelassen aussprechen kann – solange man kein Politiker ist. Und so auch nicht in diversen Kammer- und Bündezwängen gefangen ist, die Reformwillige schnell ausbremsen. Tojner will es aber nicht bei einer Rede belassen. Wenn ihn die Regierung dazu einlädt, stehe er gerne bereit und arbeitet in einer Reformkommission mit.

Vorbild Deutschland

Ganz nach dem Vorbild Deutschlands in Zeiten von Kanzler Schröder, als ein gewisser Herr Hartz jene Reformen ausgearbeitet hat, von der Kanzlerin Merkel noch heute profitiert. "Das würde ich gerne machen", betont er. Das Land brauche eine tiefgreifende Pensionsreform, gleichzeitig müssen die Sozialkosten nach unten gefahren werden, so sein Standpunkt. Der "überbordende Sozialstaat" sei nicht mehr finanzierbar, die Staatsquote von aktuell 50 Prozent müsse auf 42 bis 45 Prozent reduziert werden. Das würde dann dem Niveau Deutschlands entsprechen.

Dass Argument, dass in Deutschland auch nicht alles rosig ist, Pensionisten zum Beispiel eine deutlich niedrigere Pension bekommen als in Österreich, lässt er so nicht gelten. "Stimmt schon, aber dafür sind die Pensionen in Deutschland gesichert."

Teure Pensionen

Schon heute seien in Österreich 43 Prozent aller ausgezahlten Pensionen nicht mehr durch Beitragseinnahmen gedeckt, der Staat müsse 20 Milliarden Euro im Jahr zuschießen, Tendenz steigend. Österreich ist bei den Pensionsausgaben europaweit Spitzenreiter, führt Tojner aus: "13 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts wird für öffentliche Pensionsleistungen aufgewendet. In Deutschland liegt die Quote bei 10,6 Prozent, in der Schweiz bei 6,6 und in Schweden bei 7,4 Prozent."

Aus Sicht von Tojner muss das Pensionsantrittsalter auf 70 Jahre steigen – nicht von heute auf morgen, sondern bis zum Jahr 2060. Die unzähligen Ausnahmebestimmungen für einen früheren Antritt müssten gestrichen und flexiblere Arbeitszeitregelungen im Alter geschaffen werden – etwa Teilzeit mit Weiterversicherung des 100-Prozent-Lohns.

Es müsse aber auch eine Änderung des Mindsets her. Der "überbordende Sozialstaat" dürfe nicht länger das Gefühl vermitteln, dass er für alles aufkommt – von der Kur bis zum frühen Pensionsantritt. "Derzeit ist der Einzelne in Österreich ja der Meinung, dass er blöd wäre, wenn er das alles nicht in Anspruch nimmt." Das sei in der Schweiz ganz anders. "Wenn dort jemand mit 50 in Pension geht und dann noch einen Marathon läuft, zeigen die Leute mit dem Finger auf ihn und sagen, das finanzieren wir. Bei uns würde es heißen, das zahlt der Staat."

Tojner ist zudem für die Wiedereinführung einer Erbschaftssteuer. Auch hier sei Deutschland Vorbild: "Wer ein Unternehmen erbt und für zehn Jahre die Arbeitsplätze erhält, zahlt keine Erbschaftssteuer, genausowenig wie bei der Übernahme des Eigenheims." Erbt jemand hingegen ein Zinshaus, dessen Wert sich in den vergangenen Jahren verdoppelt hat, sei es aber legitim, dass er dafür Erbschaftssteuer zahlt. Diese soll nach Tojners Vorstellung zweckgebunden werden – "zur Finanzierung der Bildung". Er wäre selbst davon betroffen, sagt er.

Kammer-Kritik

Spar-Potenzial sieht Tojner, der mit seinem Montana-Konzern Chef von weltweit 6000 Mitarbeitern ist, auch bei der Wirtschaftskammer. "Ich bin kein Kammergegner, aber man müsste sie anders organisieren." Das deutsche Gegenstück zur WKÖ komme schließlich auch mit zehn Prozent weniger Kosten aus. Aus seiner Sicht wären Zusammenlegungen mit anderen öffentlichen Stellen im Ausland sinnvoll. Überhaupt stellt der Unternehmer die Kammer-Pflichtmitgliedschaft in Frage. "Wenn man aus der Kirche aussteigen kann, wird das ja hoffentlich auch bei der Kammer möglich sein."

Aus Arbeitgeber-Sicht ist Österreich ein teures Pflaster: Die Menschen arbeiten vergleichsweise wenig und verdienen relativ viel. In Österreich darf ein Arbeitnehmer maximal 1760 Stunden im Jahr arbeiten, die Wochenarbeitszeit liegt bei 40 Stunden, es gibt fünf Wochen Urlaub und zusätzlich zwei arbeitsfreie Wochen dank diverser Feiertage.

Zum Vergleich: In Indien werden maximal 2300 Stunden im Jahr gearbeitet, 48 Stunden die Woche mit nur drei Wochen Urlaubsanspruch und insgesamt einer Woche Feiertagen. Aber so weit müssen Unternehmer erst gar nicht blicken.

Fleißige Schweizer Auch die Schweizer arbeiten deutlich mehr als die Österreicher – um mehr als 200 Stunden im Jahr, so ein Fallbeispiel, das der Unternehmer Tojner für seinen Montana-Konzern vorlegt.

Hochlohnland

Dazu kommt im internationalen Vergleich, dass Österreich ein Hochlohnland ist – auch wenn das vielen Mitarbeitern gar nicht bewusst ist. Netto bleibt ihnen vom Bruttolohn nämlich oft relativ wenig übrig. Tojner hat sich die Zahlen für diverse Standorte für seinen Montana-Konzern angeschaut. „Von 70.000 Dollar Kosten für einen Arbeitnehmer in Österreich bleiben diesem 35.000 Dollar.“ In Deutschland – wo Tojner rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt – seien es bis zu 39.000, in den USA um die 50.000 Dollar. „Die Bruttonebenkosten in Österreich sind also viel zu hoch“, lautet sein Fazit.

AbwanderungAnders formuliert – Österreich ist aufgrund der Kostenstruktur für Betriebsansiedelungen nicht besonders attraktiv, so der bloße Kostenvergleich. „Eine Produktionsverlagerung von West- nach Osteuropa führt zu Einsparungen von 30.000 bis 35.000 Euro pro Arbeitnehmer und Jahr“, rechnet Tojner vor. In Westeuropa würden die durchschnittlichen Kosten pro Mitarbeiter den Montana-Berechnungen zufolge bei 65.000 Euro liegen, in Osteuropa nur bei 15.000 Euro. Parallel dazu verbringt ein osteuropäischer Mitarbeiter im Durchschnitt deutlich mehr Stunden in der Firma als ein Westeuropäer, so die Statistik.

Unternehmerpersönlichkeit

Der gebürtige Steirer (51) ist Chef der in der Schweiz börsenotierten Montana Tech Components, die rund 40 Standorte weltweit mit 6000 Mitarbeitern hat. Zum Konzern gehört die Batteriefirma Varta. Tojner besitzt weiters die Wertinvest-Gruppe, die Immobilien entwickelt und verwaltet. Über diese entwickelt Tojner auch das Heumarkt Areal in der Wiener Innenstadt. Tojner ist studierter Betriebswirt und Jurist.

Mühsamer als ich es mir hätte träumen lassen

Das Hochhaus-Projekt am Wiener Heumarkt hat Tojner sichtlich Nerven gekostet. „Das Projekt ist mühsamer als ich es mir hätte träumen lassen“, sagt er bei seinem Gastauftritt bei der Metro-Mittwochsgesellschaft. Tojner ist über seine Immoblienentwicklung Wertinvest am Wiener Heumarkt-Areal engagiert. Sein Bauvorhaben hat nicht nur für zahlreiche Bürgerproteste gesorgt, sondern auch Kritik von der UNESCO gebracht. Nach einer längeren Nachdenkphase ging die Umgestaltung des Areals aber in die nächste Runde. Er sei aber überzeugt, dass es in der zuletzt vorgestellten Form umgesetzt wird.

Dabei handelt es sich um eine abgespeckte Variante: Das Wohnturm wird mit 66,3 Metern um knapp zehn Meter niedriger ausfallen als ursprünglich geplant. Er soll etwa 50 Wohnungen sowie 40 Hotelappartements beherbergen. Auch das Hotel wird verkleinert und näher an den Stadtpark gerückt, so der Letztstand. Entgegen der ursprünglichen Pläne wird der Bau komplett abgerissen und neu gebaut. Das Projekt soll bis spätestens 2021/2022 fertig sein.

Das ans Areal angrenzende Konzerthaus soll in der neuen Fassung übrigens besser sichtbar werden.