Heinz Kammerer beim Aufbau der Weinmesse Mondovino im MAK.

© KURIER/Franz Gruber

Interview

WEIN & CO-Chef: "Was wir machen, ist hochspekulativ"

Heinz Kammerer führt WEIN & CO wieder selbst, weil kein Management das jetzt verantworten kann.

von Sandra Baierl

11/21/2015, 06:00 AM

KURIER: Sie haben gesagt, das Geschäftsleben wurde Ihnen langweilig. Jetzt sind Sie nach drei Jahren wieder da.

Heinz Kammerer: Es war wirklich langweilig. Aber alles dreht sich und die Welt schaut nach einer Pause anders aus.

Wie sehr hat die Rückkehr intern für Wirbel gesorgt?

Alle waren begeistert. Bis auf die, die dann weg waren.

Was ist intern passiert, dass Sie mit 67 wieder die Geschäfte selbst lenken müssen?

Ich hatte einen Geschäftsführer, der war halt ein Angestellter. Ich habe mir Kennzahlen angesehen, die Neukundengewinnung oder das Alter der Kunden und war unzufrieden. Es stehen so gravierende Veränderungen an, das kann ein Management nicht verantworten. Wenn das jemand an die Wand fährt, dann ich selbst. Weil was wir machen, ist hochspekulativ. Es gibt wenig Anhaltspunkte zu entscheiden, was jetzt richtig ist.

Sie haben dann zu allererst das Management rausgeworfen.

Ich habe mir überlegt, was mache ich mit meinen Führungsleuten. Mein Schluss: Das muss mit einem Schlag gemacht werden, alle weg.

Was wird jetzt massiv anders?

Alles. Es sterben laufend Hausherren. Neue Firmen sind Marktführer, von denen man noch nie gehört hat. Wir wissen nicht, wo das hingeht. Ich habe meinen Vermietern gesagt, sie sollen sich gut überlegen, wie viel Miete sie noch von mir verlangen wollen. Weil 20 Prozent vom stationären Handel wird es bald nicht mehr geben.

2014 hatte WEIN & CO 43 Millionen Euro Umsatz. Und heuer?

Ist alles gleich. Wobei ich sage: Die Manie mit den Zuwächsen, der Expansionswahn, das ist alles nicht gut. Die Expansion bei stationären Standorten ist abgeschlossen.

Wie viel Umsatz macht Online?

Schon 15 Prozent – das ist so viel wie vier Geschäfte. Und kostet nicht einmal so viel wie eines. Ich glaube, wir werden bald auf 30 Prozent kommen.

Ihre Strategie ist demnach?

Standorte bewerten. Vor allem die mit Bar sind sehr gut. Die Expansion findet im Internet statt. Aber ich will das gar nicht sagen, sonst kommen alle und machen dasselbe.

Aber die sind ja schon da: Spar-Weinwelt, Billa, künftig Amazon. Tun Ihnen die sehr weh?

Die können alle damit anfangen, es ist eh wurscht. Spar macht zwei Drittel von unserem Umsatz. Sie haben aber ein Glaubwürdigkeitsproblem, selbst wenn sie die richtigen Weine im Sortiment hätten. Sie machen nach, haben von jedem Dorf einen Hund. Supermärkte müssen nolens volens breit sein: Mainstream-Weine, Mainstream-Kommunikation. Unser Fehler war: Die Position als Fine-Wine- Spezialist in der Kommunikation abzugeben. Wir haben die Expertise.

Die sprechen Sie den Supermärkten ab?

Absolut. Aber ich habe gelernt: Schau nicht auf die Konkurrenz, schau auf den Kunden.

Auch Hofer ist kein Konkurrent?

Ehrlich nicht. Die haben nicht die Weine, die wir haben. Hofer ist ein Konkurrent für den Ab-Hof-Verkauf, für die preisgetriebenen Kunden.

Wer ist der typische Kunde?

Es gibt zehn Prozent der Österreicher, die sich für Wein interessieren und sich das leisten können. Das sind maximal eine Million Leute.

Die Online-Expansion geht auch ins Ausland?

Ja. Deutschland und dann überall hin. Was geht. Wir werden digital massiv aufrüsten. Mir schwebt auch eine stationäre Cyberbar vor: Dort kann man 300 Weine verkosten – bestellt, und in einer Stunde wird der Wein heimgeliefert. Wir stellen heute schon innerhalb von 90 Minuten zu.

Läuft das Weihnachtsgeschäft?

Ja. Das ist bei uns ein Wahnsinn. Im November, Dezember wird praktisch der gesamte Ertrag des Geschäftsjahres erwirtschaftet.

Gibt es Weintrends?

Weintrends ... die werden immer von den Medien gemacht. Der Konsument trinkt relativ unverändert.

Nämlich: Die 15-Euro-Flasche?

Bei uns. Sonst eher die 5-Euro-Flasche.

Was verkauft sich gerade gut?

Natural Wine. Den Trend gibt’s wirklich. Der Kunde will wissen, was er trinkt. Vor allem die Jungen.

Eine begehrte Zielgruppe.

Ich habe mit 45 Jahren die Firma gegründet, heute sind meine Freunde 70 und kommen drauf, dass übertriebener Genuss nicht gut ist. Wir brauchen die Jungen.

Vor einem Jahr gab es Verkaufsgerüchte.

Die Gerüchte stimmen einmal mehr, einmal weniger. Heute stimmen sie nicht.

Vor einem Jahr auch nicht?

Nein. Vor drei Jahren haben sie gestimmt. Da waren wir unterschriftsreif. Aber ich dachte damals: Was mach’ ich mit dem Geld?

WEIN & CO ist also kein Übernahmekandidat.

Wenn einer kommt und mir 50 Millionen netto bietet, dann würde ich überlegen. Aber es kommt keiner. Außerdem ist meine Frau eine potenzielle Nachfolgerin.

Insider sagen, Sie sind die personifizierte Volatilität und fragen sich: Wie lange wird er bleiben?

Woher soll ich das wissen, ich bin ja volatil. Es schaut so aus, als ob ich es sicher ein Jahr mache. Und länger kann man heute nichts mehr planen.

Der Rückkehrer: Heinz Kammerer

Seit 19. Februar ist Heinz Kammerer wieder operativ zurück bei WEIN & CO. „Ein Erdbeben für die Mitarbeiter, die mich gefragt haben: Warum erst jetzt?“, so der 67-Jährige. Langjährige Wegbegleiter und das Management hat er gekündigt: „Wir haben jetzt junge, frische Leute mit neuen Ideen.“

Mit 23 Filialen und rund 250 Mitarbeitern erwirtschaftete WEIN & CO 2014 rund 43 Millionen Euro Umsatz. 2015 soll es „das Gleiche sein.“ Die stationäre Expansion und auch Franchise ist für Heinz Kammerer „kein Thema“. Er will den Onlinehandel ausbauen und die Spezialitäten (Pasta, Nüsse, Schokolade) und Geschenke forcieren.

Mondovino: Rund 200 nationale und internationale Winzer bieten Freitag und Samstag auf der Mondovino im Wiener MAK ihre Weine zum Verkosten an. Jeweils 15 bis 21 Uhr, Eintritt ab 49 Euro.

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