Top-Managerin Brigitte Ederer

© KURIER/Jeff Mangione

Wirtschaft von innen
09/09/2014

Warum Top-Managerin Ederer in der ÖIAG das Handtuch warf

Die Aufsichtsrätin ortete Auffassungsunterschiede über Strategie und Aufgaben der ÖIAG.

von Andrea Hodoschek

Es gab keinen aktuellen Anlass, aber grundsätzliche Auffassungsunterschiede über Strategie und Aufgaben der ÖIAG. Brigitte Ederer, ehemalige Top-SPÖ-Politikerin und bis zum Vorjahr im Konzernvorstand von Siemens, trat mit sofortiger Wirkung als Aufsichtsrätin der Staatsholding zurück (der KURIER berichtete online als erstes Medium). Sie teilte ihre Entscheidung am Montag dem Aufsichtsratsvorsitzenden Siegfried Wolf mit.

Ederer sah sich in dem Gremium, dem sie seit 2008 angehörte, als Vertreterin der Interessen der Eigentümerin Republik. Dabei muss sie sich ziemlich einsam gefühlt haben. Die Spitzen-Managerin stimmte im April gegen den Syndikatsvertrag zwischen der ÖIAG und America Movil, der dem Konzern des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim die industrielle Führung über die Telekom ermöglichte. Als Wolf, Freund von Wladimir Putin, Ende Juni an die Spitze des ÖIAG-Aufsichtsrates gewählt wurde, enthielt sie sich der Stimme. "Besser, wenn ich bei diesen unterschiedlichen Auffassungen zurücktrete", erklärt Ederer gegenüber dem KURIER.

Die ÖIAG managt die Staatsbeteiligungen an den Schwergewichten OMV, Telekom und Post. Für die Grün-Politikerin Gabriela Moser kommt Ederers Rücktritt nicht überraschend. Sie kritisiert die fehlende ÖIAG-Strategie der Regierung und fordert einen Neustart für die Staatsholding. Der im rot-schwarzen Koalitionsabkommen ohnehin vereinbart wäre. Seit der schwarz-blauen Regierung unter Schüssel/Grasser erneuert sich der Aufsichtsrat selbst, heißt, die Republik hat nichts mitzureden. Das gestand Ex-Finanzminister Michael Spindelegger im August in einer seiner letzten Anfrage-Beantwortungen vor seinem Abgang ganz offen ein. Das Finanzministerium habe "nach der bestehenden Gesetzeslage keine Möglichkeit, Entscheidungen von Organen der ÖIAG zu beeinflussen", erklärte er auf eine grüne Anfrage. SPÖ-Industriesprecher und Gewerkschafter Rainer Wimmer bedauert, dass mit Ederers Rücktritt "viel wirtschaftspolitisches Know-how verloren gehe" und "ausgerechnet die einzige kritische Stimme unter den Kapitalvertretern" geht.

Ederer will sich außerdem nicht der Kritik aussetzen, sie habe womöglich zu viele Mandate: "Corporate Governance nehme ich sehr ernst." Sie ist derzeit in fünf Aufsichtsräten vertreten. Erst im Juni wurde sie zur Vorsitzenden der Wien Holding bestellt. Ein Heimspiel, Ederer war Ende der 90er-Jahre Finanzstadträtin in Wien.

Und gilt als Favoritin für die Nachfolge des verstorbenen Horst Pöchhacker an der Spitze des ÖBB-Aufsichtsrates. Ederer wurde heuer von Doris Bures in die Bahn geholt. Die Entscheidung über den Vorsitz dürfte schon kommenden Donnerstag im Strategie-Ausschuss fallen. Die offizielle Aufsichtsratssitzung ist Ende September. Bures-Nachfolger Alois Stöger, SPÖ, will sich noch nicht in die Karten schauen lassen, aber jeder andere Vorsitzende als die äußerst kompetente Ederer wäre wohl eine Überraschung.

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